Samstag, 21. März 2020

COVID-19: Und plötzlich war alles anders

Was auch immer für Sorgen ich in meinem Leben bisher hatte: so fundamental eingeschränkt wie die aktuelle Situation hat mich davon noch keine. Wir sind es gewohnt, einfach vor die Tür gehen zu können, Kontakt zu haben, vielleicht zu jammern, dass wir zu wenig Zeit dafür haben vor lauter Verpflichtungen. Aber unterm Strich hatte ich noch nie ernsthaftere Sorgen beim Verlassen der Wohnung als die Bahn zu verpassen, vielleicht etwas vergessen oder mich zu warm angezogen zu haben. Jetzt auf einmal ist die unsichtbare Bedrohung überall.

Ende des letzten Jahres war alles ganz weit weg, neue Infektionskrankheit in China, ja ja, was erwartet man auch, wenn die Menschen dort irgendwelche Wildtiere essen und das wohl möglich auch noch halbroh? Im Januar habe ich das Geschehen interessiert beobachtet aber mir keine Sorgen gemacht. Das Leben ging weiter, Urlaube wurden geplant, Familienausflüge, Feste. Es drehte sich alles um die eigenen kleinen Freuden und Probleme.
Dann kamen die Einschläge näher, Infektionsfälle in Italien, dann Tote. Und plötzlich ging es ganz schnell. Auch wenn ich das mathematische Prinzip des exponentiellen Wachstums lange schon kenne, finde ich es unfassbar schwer, mir vorzustellen, wie aus einer winzigen Zahl so explosionsartig eine Lawine wird.
In einer globalisierten Welt teilt man alles, sowohl die guten als auch die schlechten Dinge. Und dabei schien gerade jetzt so sehr der Fokus auf das Wohl der eigenen Person zu liegen wie noch nie zuvor. Ist ja auch kein Wunder, sich selbst für unfassbar wichtig zu halten, wenn das Telefon einem anzeigt, dass Tausende bis hin zu Millionen von Menschen einem zusehen, wenn man ihnen nur die Bilder liefert, die sie sehen wollen.

Und ganz plötzlich ist Schluss mit dem Egoismus. Es heißt auf andere Rücksicht nehmen und zum Wohle der Gemeinschaft drinnen zu bleiben wenn man keine überlebenswichtige Aufgabe außerhalb hat. Mir ist klar, wie Infektionsketten funktionieren, dass ein einfacher Besuch im Supermarkt reichen kann, um andere anzustecken oder den Erreger weiter zu geben. Und trotzdem dachte ich gestern Abend darüber nach, ob ich nicht doch noch zum Biomarkt fahren und Sprossensamen für mein Sprossenglas kaufen sollte. Schließlich weiß man ja nie, wann das wieder normal möglich sein wird und so ein bisschen was frisches auf dem Essen ist doch auch schön. Mhm, vielleicht doch auch gleich noch eine Packung Leinsamen und Bio Zitronen mitnehmen?

Kurz nachdem mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, wurde mir klar wie absurd und selbstsüchtig es wäre, wegen solcher nicht überlebensnotwendigen Dinge unter Menschen zu gehen. Obwohl man an Grundnahrungsmitteln alles da hat. Wenn das jeder so tun würde, nur weil er spontan Lust auf Schokoeis bekommt und keines zu Hause hat, ist das ganze Prinzip der sozialen Distanzierung zur Unterbrechung der Infektionskette schon dahin. Und mal ganz ehrlich: man kann auch ohne frische Sprossen und Schokoeis prima überleben. Wir sind einfach nur daran gewöhnt, unsere kleinen Luxusbedürfnisse schnell befriedigen zu können.

Gestern habe ich mit meiner neunzigjährigen Oma telefoniert. Sie schockiert die Situation wenig, weder leere Regale noch fehlendes Klopapier machen ihr Angst. Kenne sie ja alles schon vom Krieg. Und Klopapier gab es damals sowieso nicht. Da wurde einfach die gelesene Zeitung im Bad auf einen Nagel gehangen und dann bei Bedarf zur Reinigung verwendet. Ansonsten gab es feuchte Lappen, die man dann zur Rosettenreinigung verwendete und anschließend in die Wäsche gab. Heute muss es scheinbar schon mindestens vierlagig sein, damit das Hinterteil glücklich ist.
Mein Tipp an dieser Stelle ist seit Jahren die Reinigung mit Wasser. Hautschonender (auch bei Hämorrhoiden, Perianalekzemen und so weiter), viel sauberer als mit trockenen Tüchern alles möglichst dünn zu verreiben, vermeidet Müll und spart Klopapier. Wer nun kein Bidet hat, kann sich eine Podusche bestellen oder mit dem Duschkopf abspülen und mit einem einzelnen Blatt im Anschluss trocken tupfen.

Diese Woche hatte ich Urlaub und statt der geplanten Reise gab es stattdessen Heimquarantäne. Immerhin hab ich jetzt meine Steuererklärung fertig, einen Pullover gestrickt, täglich Sport gemacht und Breaking Bad auch fast komplett geschafft. In der kommenden Woche ist die Quarantäne dann für mich aber erst mal vorbei, da ich als Ärztin weiter arbeite. Ich bin gespannt, wie der Praxisalltag sich verändert. In meinem Fach habe ich mit internistischen Erkrankungen oder Atemwegsproblemen normaler Weise kaum zu tun, was auf der einen Seite bedeutet, dass ich vorerst mit den an COVID-19 erkrankten Patienten weniger zu tun habe, da ich nicht der erste Ansprechpartner bin. Auf der anderen Seite bin ich damit umso schlechter vorbereitet, sollte es eine zentrale Anordnung geben, dass jede medizinische Fachrichtung bei der Patientenversorgung alles vom neuartigen Coronavirus Betroffenen mithelfen muss. Viel Glück, wenn der Dermatologe sie intubiert!

Es könnte alles schlimmer sein. Wir werden nicht mit Bomben beworfen, unsere Wohnungen brennen nicht und die Lebensmittelversorgung ist auch gesichert. Wenn wir jetzt alle vernünftig sind, Kontakte meiden, Hygieneregeln einhalten und wenn möglich einfach isoliert drinnen bleiben (auch, wenn wir gern doch noch eine Kleinigkeit aus dem Geschäft hätten oder uns nach Gesellschaft und Frischluft sehnen), dann lässt sich die Situation bewältigen. Es wird wirtschaftlich, gesellschaftlich aber auch in der Kranken- und Todesfallstatistik nicht spurenlos an uns vorbei gehen. Dennoch bin ich der Ansicht, dass Panik niemals die Lösung sein kann. Wir haben keine andere Wahl außer durchhalten. Und so gut versorgt mit Internet und Lebensmitteln lässt es sich auf dem Thron aus Klopapier besser aushalten als wahrscheinlich in jeder Krisensituation zuvor. 

Dienstag, 31. Dezember 2019

Jahresrückblick 2019

Egal wie knapp Zeit und auch die Lust zum Bloggen sind, der Jahresrückblick ist Tradition. Und sollte ihn keiner lesen, dann schreibe ich ihn auch einfach weiterhin nur für mich.

Dieses Jahr war ein neuer Lebensabschnitt, da es mit dem Start ins Berufsleben für mich begann. Plötzlich steht auf dem Namensschild nicht mehr "Student" und wenn es komplizierter wird, kann man den "richtigen" Arzt rufen, sondern ganz plötzlich ist man selbst Arzt. Miep! Ich habe unerhört viel Glück mit meinen Arbeitgebern gehabt und mich nie wirklich allein gelassen gefühlt. Dadurch, dass man plötzlich aus dem Nest geschmissen wird und schwimmen lernen muss, tut man es auch. Ich habe viel meiner Freizeit darauf verwendet, Fachliteratur zu lesen, doch auch nur so kann man fehlende Berufserfahrung versuchen etwas auszugleichen.

Innerliche Einstellung war am Anfang bei mir eher "Oh je, ich hab doch keine Ahnung, hoffentlich bringe ich keinen um!" bis ich ganz positiv überrascht wurde von dem, was ich dann doch schon weiß. Durch 6 Jahre Studium, Stundentenjobs und praktisches Jahr lernt man wohl doch eine ganze Menge. Wer hätte das ahnen können?!
Und wenn ich Unterstützung brauchte, bekam ich sie vom tollen Team. Seit April darf ich ambulante Hautoperationen allein beziehungsweise mit gelegentlichen Kontrollblicken durch meine Chefinnen durchführen. Anfangs war ich unfassbar aufgeregt doch inzwischen hat sich auch da Routine eingestellt und ich habe Spaß daran. Die Arbeitsbedingungen im Gesundheitssystem sind nicht das, was man sich wünschen würde, doch aktuell erfüllt mich die Arbeit sehr und auch die Wahl meines Fachbereiches macht mich täglich glücklich. Rückblickend bin ich stolz, so eine steile Lernkurve hingelegt zu haben.

Ich habe gemerkt, wie viel Freizeit man eigentlich als Student hatte. Wenn man 10 - 11 Stunden am Tag arbeitet und dann noch eine Stunde Heimweg hat, ist damit der Tag gelaufen. Plötzlich sind nicht nur Hobbies und Treffen mit Freunden zeitlich eingeschränkt gewesen, sondern auch so alltägliche Dinge wie Lebensmitteleinkäufe oder amtliche Angelegenheiten muss man genau planen.
Da wäre ohne meinen Freund und seine Unterstützung der Alltag nur schwer zu bewältigen gewesen und ich bin sehr dankbar dafür, diesen Menschen in meinem Leben zu haben.

Ein großes Thema war Nachhaltigkeit. An den offiziellen Demonstrationen habe ich nicht teilgenommen, doch privat habe ich auf eine vegane Ernährung umgestellt. Da es ein langsamer Prozess war, lief es ohne Probleme oder "Entzugserscheinungen". Im Gegenteil: ich fühle mich so viel besser - sowohl körperlich als auch im Bewusstsein, mit meiner Ernährung anderen Lebewesen und dem Planeten so wenig wie möglich zu schaden. Damit habe ich Gewicht verloren, an Lebensqualität gewonnen und viele neue leckere Sachen gegessen. Große Inspirationsquellen waren dabei für mich Dr. Michael Greger und Niko Rittenau, letzteren habe ich sogar bei einer der Veggie World Messen live gesehen und war sehr beeindruckt von seiner sehr faktenreichen und spannenden Vortragsweise.

Wir trennen den Biomüll seit ziemlich genau 12 Monaten vom restlichen Müll, da wir eine Biotonne von der Hausverwaltung bekommen haben. Damit bleiben eigentlich nur Berge von Plastikverpackungen sowie Obst+ Gemüsereste für den Biomüll übrig. Den längst verkleinerten 5 Liter Restmülleimer bringen wir nun vielleicht alle drei Monate einmal raus. Dabei ist mir aufgefallen, dass wir scheinbar die Biotonne allein benutzen obwohl die mit ca 35 anderen Wohnungen im Haus geteilt wird. Irre. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass mehr Menschen sich den Aufwand machen, Müll sinnvoll zu teilen. Denn Kartoffelschalen müssen nicht verbrannt werden, die kann man doch auch kompostieren.

Flugreisen haben sich reduziert auf insgesamt zwei in diesem Jahr, in den Sommerurlaub ging es mit dem Auto und sonst wurde durchweg die Bahn genutzt. Es fällt mir zwischen dem Bewusstsein über die Umweltauswirkungen des Fliegens und dem Fernweh manchmal schwer, die "richtige" Entscheidung zu treffen.

Gesundheitlich ging es mir dieses Jahr gut, bis auf einmal Erkältung im Frühjahr und ganz aktuell absolut nichts, worüber ich mich abgesehen von blauen Flecken, Menstruationsschmerz und Banalitäten beschweren kann. Ich weiß es zu schätzen.

Apropos Gesundheit. So langsam fällt mir auf, wie gebrechlich meine Großeltern mit ihren 84 beziehungsweise 89 Jahren werden. Manchmal erinnern sie mich an schmale zerbrechliche Vögel und das macht mir Angst. Es ist ein natürlicher Verlauf und doch will ich nicht, dass sie nicht mehr Teil meines Lebens sind. In diesen Momenten frage ich mich immer, wie es mir einmal in diesem Alter gehen wird. Wer weiß, was die Medizin bis dahin für Neuerungen erlebt. Aber statt mich darauf zu verlassen, versuche ich es erst einmal mit vollwertiger Ernährung, Sport, Verzicht auf Nikotin und kaum Alkohol. Trotzdem kann man in einer Woche vom Bus überfahren werden, das Leben ist eben voller Ungewissheiten.

Gelesen habe ich in diesem Jahr weniger Belletristik als ich wollte, doch so ist es in allen Jahren seit Ende der Schulzeit gewesen. Sollte ich es langsam als normal akzeptieren?

Insgesamt ein positives Jahr, mal wieder. Das Leben meint es scheinbar gut mit mir. Ich hoffe, es ist bei euch auch am Ende vieles gut und wenn nicht - ihr wisst ja - ist es auch noch nicht das Ende. Passt auch euch auf, knallt nicht zu viel und bis zum nächsten Jahr!

Samstag, 21. Dezember 2019

Don't worry, don't hurry

Weihnachten soll ganz offiziell eine besinnliche Zeit sein. Zumindest für mich endet es aber jedes Jahr aufs neue damit, dass ich ganz schnell noch gefühlt tausend Dinge von der To-Do-Liste abarbeiten muss, bevor es offiziell besinnlich werden kann. So war das eigentlich nicht gedacht, oder?

Einer der Punkte auf der Liste war es, beim Asia Laden noch den frischen Tofu zu kaufen. Dieses Jahr gibt es für mich zum zweiten mal Weihnachtsessen ohne Fleisch und für das Rezept des Seitan Rollbratens  und da Tofu rein soll, musste der Vorrat des Lieblingstofus noch aufgestockt werden.
Rad anschließen, Körbchen neben dem Eingang schnappen und dann zielstrebig (als guter Kunde kennt man den Laden so langsam) alles einsammeln.

Es ist ein koreanischer Asia Laden mit unfassbar netten Inhabern. Ihr Deutsch ist für mich schwer verständlich gewesen, doch nachdem beide Seiten entdeckt haben, dass Verständigung auf Englisch ganz prima funktioniert, habe ich schon Rezeptempfehlungen bekommen, mich nach der besten Sojasauce durchgefragt und am Ende Sushi geschenkt bekommen. So freundlich und hilfsbereit wurde ich in anderen Supermärkten noch nie bedient.

Auf meiner Zielgeraden an der Kasse grüße ich also dementsprechend herzlich den Inhaber, staple dann ohne ihn länger anzusehen meine Waren auf. Er scannt alles in Ruhe ein und nennt den Preis. 6.59€ sagt die Anzeige an der Kasse.
Auf den ersten Blick befindet sich im Kleingeldfach nur Kupfergeld und wenige goldene Centstücke. Oh je. Ich entschuldige mich schon, dass ich jetzt mit großem Schein bezahlen werde, weil ich zu lange nach dem passenden Kleingeld suchen müsste. Er lächelt mich an: "Don't worry, don't hurry!".
In Korea würde sich an der Kasse niemand stressen und er erzählt, wie fasziniert er immer die Getriebenheit und das hastige Zusammenraffen der Einkäufe bei den Deutschen beobachtet. Für ihn ist es scheinbar absurd, sich unnötig Stress zu machen.

In dem Moment wird mir bewusst, dass ich der einzige Kunde im Laden bin. Dass die Getriebenheit nicht durch tatsächlichen Druck von außen entsteht, sondern von mir ausgeht.
Also stecke ich den Schein wieder ein, sortiere mich durch das Kleingeldfach und sammle zwischen Münzen, meiner Notfalltablette Ibuprofen und dem Knopf der Arbeitshose den passenden Betrag heraus.

Ab und zu muss jemand den Stoppknopf für das Hamsterrad des Alltags drücken, damit man kurz über seine eigenen Füße stolpert und realisiert, wie unsinnig es ist, im Kreis zu rennen. Da man schon so gut drin ist und das Rad sich dreht, läuft man sonst weiter ohne nachzudenken.
Damit also ganz offiziell auch für alle, denen es sonst keiner sagt: halt stopp! Sonst wird das nie was mit der Ruhe und der Besinnlichkeit - ganz egal ob nun an Weihnachten oder allen anderen Tagen.

Samstag, 6. Juli 2019

Bahnsteig statt Tinder


Mit der Bahn zu fahren gibt einem Raum für neue Erfahrungen. Frustrierende, stressende, beengende aber eben auch anregende Situationen ergeben sich da quasi tagtäglich. Der Kontakt mit Menschen ist immer wieder gut für Überraschungen.

Auf dem Weg zur Arbeit muss ich aktuell mal wieder Baustellen umschiffen und aufgrund des unzuverlässigen Ersatzverkehrs mit Bussen fahre ich mit dem Rad in der Bahn einen Teil der Strecke und lege den Rest mit dem treuen Drahtesel zurück. 
Vorgestern trug ich routiniert mein Rad die Treppen hoch, als ein junger Mann mich fragte, ob ich Hilfe dabei bräuchte. Ich bedankte mich fürs Angebot und erwiderte, dass ich es gewohnt bin, mein Rad die Treppen auf und ab zu transportieren und daher alles gut sei. Es ergab sich ein kurzer Wortwechsel.

Ist ja auch gutes Training für die Arme und man spart sich so die Muckibude” - “Stimmt! Man sollte nur mal die tragende Seite wechseln, um gleichmäßig die Arme zu trainieren” - “Hahaha, stimmt!” -Ende.

Ganz nett, mir Hilfe anzubieten, wobei ich ja insgeheim grübelte, warum mir als nicht gerade kleiner und definitiv nicht mit schwachen Spaghettiarmen bestückter Frau scheinbar nicht zugetraut wird, ihr Rad allein zu tragen. Hallo, manchmal trage ich meinen (zugegebener Weise sportlichen und eher leichten) Freund huckepack vier Etagen Treppen hoch!

Mir war der Mann trotzdem spontan sympathisch. Unscheinbar gekleidet, Brille, relativ gebräunt für einen Hauttyp II (#Berufskrankheit, dass ich das direkt kategorisiere...) und mit dem kleinen Bauchansatz vielleicht eher Büromensch statt körperlich arbeitend. Freundlich und ausgehend von seiner Wortwahl auch intelligent aber bezogen auf die Sprachlautstärke auch nicht der extrovertierteste Mensch. Schon irre, was man meint alles einschätzen zu können, wobei das ja auch alles eher auf Vorurteilen und Erfahrungen basiert. 

Auf dem Bahnsteig war ich dann beschäftigt, meine Mails durch zu sortieren, hatte aber das Gefühl, von ihm beobachtet zu werden. Als die Bahn kam, hüpfte er obwohl 10 Meter entfernt von mir eigentlich näher an einer anderen Tür stehend am Ende doch noch zu mir in den Wagen. Interessant, habe ich es mir wohl doch tatsächlich nicht eingebildet, dass er während des Wartens in meinen Richtung geschaut hatte.
In der mittelmäßig gefüllten Bahn stand er direkt hinter mir, ein spontanes Gespräch würde sich so anbieten. Es war regelrecht zu spüren, wie er sich innerlich darauf vorbereitet, etwas zu sagen. Sollte ich ihm nun den Gefallen tun, mich zuwenden und kommunizieren? Es würde nun nichts weiter dramatisches passieren. Dennoch hatte ich ganz unterschwellig das Gefühl, dass der Grund für das Kommunikationsbedürfnis am Ende doch sein könnte, dass er auf der Suche nach einer Partnerin ist und nun mit mir eine Chance wittert. Bahnsteig statt Tinder.

Also direkt umdrehen, klarstellen, dass ich bereits einen Freund habe und dann schauen, was sich da noch an Gespräch ergibt? Wäre allerdings auch extrem unhöflich, direkt davon auszugehen, dass Männer Frauen nur ansprechen, weil sie viel mehr wollen als verbalen Austausch.
Beruflich spreche ich auch intimere Probleme sachlich und ganz ohne Scham direkt an. Wenn Patienten einem nur die halbe Geschichte erzählen, ist es eben auch schwerer, die korrekte Diagnose und Therapie zu finden. Privat bin ich dann aber eben doch ein eher introvertierter Mensch, der nicht alles anderen direkt auf die Nase binden möchte. Daher entschied ich mich für konfrontationsvermeidendes Schweigen und las hochkonzentriert mein Buch.

Drei Bahnstationen des Lesens später wurde die Stille durchbrochen.
“Scheint ja sehr spannend zu sein.”
Oi, er hat dann wohl doch den Mut zusammengerafft und einen Gesprächsversuch gestartet.
“Total! Es bleibt dafür im Alltag sonst zu wenig Zeit, also muss ich jede freie Minute nutzen.“
Kurzer Blickwechsel, kein weiterer Einwurf von ihm. Und dann war Gesprächssackgasse und ich widmete mich zumindest was die Blickrichtung angeht wieder dem Buch. An der nächsten Station stieg er aus.

“Erwachsene” sind schon komisch. Als Kinder sind wir hemmungslos neugierig und daran ändert sich auch mit der Zeit wenig, doch im Gegensatz zu damals denkt man nun über jeden Mist vier mal nach und lässt in der Zeit gern Chancen verstreichen. Oder man hat so oft um die Ecke gedacht, dass alles nur noch absurd erscheint. Wäre schon interessant gewesen, herauszufinden, was er von mir wollte. Vielleicht ist aus dieser Begegnung in einem Paralleluniversum eine Freundschaft entstanden. Ich habe manchmal so viele Überlegungen angestellt, was sich aus sozialen Interaktionen alles ergeben könnte, dass ich unterm Strich einfach gar nichts mache, weil ich zu misstrauisch und vorsichtig bin. Ist das der Grund, warum Erwachsene es so viel schwerer haben, enge Freundschaften zu knüpfen?

Könnte ich die Situation nochmal durchleben, würde ich mich wahrscheinlich auf ein Gespräch einlassen. Zumindest denke ich mir das, wo ich jetzt sicher und allein sitze und alle möglichen Endpunkte des Kontakts einmal durchdenken konnte. Was hättet ihr in der Situation gemacht? 

Montag, 20. Mai 2019

Drei rosa Zettel

Eigentlich hatte ich ja nach Start ins Berufsleben geplant, einfach nicht krank zu werden beziehungsweise mich davon unbeeindruckt zu zeigen. Macht immerhin eh keinen Spaß, sich schlecht zu fühlen. Dass das nicht klappen wird, habe ich mir von Anfang an gedacht.
Und nun bin ich zum ersten Mal in meinem Leben krank geschrieben. Ein ganz komisches Gefühl.

Zwar bin ich nicht zum ersten Mal in meinem Leben erkältet, doch zum ersten Mal interessiert es jemanden, ob ich so arbeiten kann oder nicht. Während des Studiums bekam man Fehlzeiten notiert bei Abwesenheit ganz egal ob man bei 40 Grad Körpertemperatur im Bett fieberte oder auf Mallorca schwitzte. Auch ein ärztlich attestiertes Kranksein hätte daran nichts geändert.
Letzte Woche war meine Nase dicht und auch mit regelmäßiger Einnahme von entzündungshemmenden Schmerzmitteln und Zink in hoher Dosis war das wolkig-wackelige Gefühl nicht aus dem Kopf zu bekommen. Zwei Tage lang habe ich mich so auf die Arbeit gequält. Denn wenn ich einfach im Bett bleiben würde, um mich auszukurieren, bekämen immerhin alle Patienten ihren Termin bei mir abgesagt. Und das möchte man ja auch niemandem antun. Besser ein schniefender Arzt als gar keine medizinische Versorgung, oder?

Also habe ich meine Hände gefühlt permanent in Desinfektionsmittel gebadet und mein Bestes gegeben, seriös zu bleiben, wenn ich merkte, wie demnächst mir etwas aus der Nase laufen würde. Ibuprofen ist schon geniales Zeug, wenn man regelmäßig dran denkt, mehr zu nehmen. Doch irgendwann kam der Punkt, an dem ich merkte, dass es so nicht weiter geht. Wenn man zum Untersuchen von Füßen in die Hocke ging und dabei sich erst mal kurz an der Liege festhalten muss, weil einem schwindelig wird oder beim Herausschneiden von Hautveränderungen Schweißausbrüche hat und einem schwarz vor Augen wird, dann muss man sich eingestehen, dass es so nicht funktioniert. Immerhin arbeite ich mit Menschen.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, sich wegen einer Erkältung beim Hausarzt vorzustellen. Immerhin wusste ich ja, was los ist und wie ich mich theoretisch zu verhalten habe. Ruhe, viel trinken, Wasserdampf inhalieren, Obst und Gemüse in mich rein schaufeln, körperliche RUHE und vor allem nicht arbeiten gehen. Nichts, wofür man jetzt einen Arzt bräuchte, denn weg zaubern kann er das auch nicht.

Ich weiß nicht, ob ich ungeschminkt so furchtbar aussah oder es meine nasale Schnupfstimme war, doch ich wurde statt des gewünschten einen Tages eine Woche krank geschrieben.
Plötzlich bekam ich die wohl bekannten drei rosa Zettel in die Hand gedrückt statt sie an andere auszuhändigen. Es fühlte sich nach ganz verkehrter Welt an.

Nach einem freien Tag und einem Wochenende geht es mir sehr viel besser. Komplett beschwerdefrei bin ich noch nicht, doch soweit fit, dass ich nun hier sitze und ein schlechtes Gewissen habe. Es fühlt sich an, als würde ich die Schule schwänzen, meine Kollegen mit all der Arbeit im Stich lassen. Natürlich ist mir klar, dass es noch dauert, bis ich alle Symptome der ordentlichen Erkältung hinter mir gelassen habe. Aber das heißt ja nicht, dass ich mich nicht schlecht dafür fühlen darf, es mir zu Hause auf dem Sofa bequem zu machen auch wenn ich währenddessen regelmäßig Schleim aus dem Nasenrachenraum ins Taschentuch befördere. 

Es ist schon absurd, wie sehr das eigene Verhalten zu dem, was man anderen regelmäßig empfiehlt abweichen kann. Allem schlechten Gewissen zu Trotz bin ich froh, dass meine Chefinnen entspannt mit meinem Fehlen umgehen und mir keinen Druck machen. Ich bin froh, dass es in unserer Gesellschaft die Möglichkeit gibt, krank zu sein ohne deshalb gleich entlassen zu werden oder Gehaltseinbußen hinnehmen zu müssen.
Und dennoch freue ich mich darauf, wenn ich bald wieder durch die Nase atmen und arbeiten gehen kann.

Wie war es, als ihr das erste Mal krank geschrieben wurdet?

Sonntag, 5. Mai 2019

Warum einfach, wenn es auch anders geht

Mein Handmixer ist kaputt. Nach vielen Jahren ist plötzlich beim Kneten von Hefeteig das Plastikgehäuse gebrochen. Einfach so.

Ich liebe gutes Essen und um sicherzustellen, dass ich auch solches bekomme, koche ich viel und gern. Daher war es trotz allen Bestrebungen, den eigenen Konsum zu minimieren, keine Frage, ob ich den kaputten Handmixer ersetzen werde. So ein Gerät brauche ich einfach. Kann ja nicht so schwer sein, ein zuverlässiges, hochwertiges neues Modell zu finden... dachte ich zumindest.

Schon oft hab ich von meinen Großeltern gehört, dass es früher in der DDR keine Auswahl in den Geschäften gab. Wenn man einen Toaster wollte, hat man eben den Toaster gekauft. Entweder man nimmt das eine Modell, das es gab oder gar keinen. Und das auch nur, wenn es eben verfügbar war. Diese Geräte müssen sehr solide gewesen sein, denn nur das kann erklären, warum meine Großeltern noch heute pastellblaue Kaffemühlen, beige Handrührgeräte und laute, stinkende aber vor allem historisch wertvolle Föne haben, die seit Jahrzehnten im Einsatz sind. Über Energieeffizienz in dem Kontext reden wir an der Stelle mal lieber nicht.

Da die Auswahl heute aber riesig ist, kommt schnell ein Gefühl der Überforderung auf. Klar weiß ich, was ich will: ein hochwertiges Gerät mit ordentlich Kraft auch für zähe Brotteige, das lange hält. Wenn möglich Metall an den wichtigen sich bewegenden Teilen. Das darf in der Anschaffung dann auch gern ein wenig mehr kosten.
Doch leider ist der Preis kein zuverlässiges Merkmal für gute Verarbeitung mehr und das nervt mich absolut. Wie kann es denn sein, dass man stylischen Schrott dem gutgläubigen Kunden teuer verkauft? Haben die Hersteller denn kein Gewissen?!

Ich erinnere mich, dass ich mich nach meinem Auszug in einer handrührgerätlose WG Küche und in dem gleichen Dilemma befand. Am liebsten hätte ich den Mixer für die Ewigkeit gekauft, damit man sich nie wieder sorgen müsste, dass man für den Sonntagskuchen plötzlich den Teig nicht fluffig aufschlagen kann.
Nach der Recherche bei einem großen Onlinewarenhaus und auf verschiedenen Vergleichsportalen, war ich aber noch ratloser. Irgendeine Macke schien jedes Gerät zu haben. Und statt den wichtigen Dingen (Einsteckbuchse für Rührstäbe aus Metall oder nicht) wurden irgendwelche komischen Kategorien entwickelt und verglichen. Für Menschen, die unbedingt ein 5 Dezibel leiseres Gerät brauchen. Am Ende gab es nichts, was mich überzeugen konnte.
Es kam damals nie zum Kauf eines Handrührgeräts, stattdessen bekam ich das alte meiner Mutter, die schon ein neues besseres (im Angebot!) gekauft hatte, aber noch darauf wartete, dass dessen Vorgängermodell den Geist aufgibt.

Jetzt weiß ich, dass sie darauf noch drei weitere Jahre hätte warten müssen. Insgesamt hat der Mixer damit keine zehn Jahre überlebt und auch wenn er wöchentlich ran musste, finde ich das echt wenig.

Es hat mich jetzt drei Jahre später wieder nachdenklich werden lassen, dass scheinbar laut Bewertungen alle Geräte ein Problem haben: Der Motor ist zu  schwach, läuft so unrund, dass man ihn mit einem Massagegerät verwechseln könnte oder glüht nach drei Minuten Dauerkneten fast. Die Rührbesen bestehen aus schnell brechendem Plastikstielen, Kabel wären zu kurz, tolles Design in 4 Farben aber mit unfassbar (höhö) unhandlichem Griff, zu kurze Knethaken, zu dünne Knethaken, die gleich verbiegen... die Liste der Beschwerden ist gefühlt endlos.

Ja meine Güte, ich möchte doch nur einen Handrührgerät kaufen!!! Und das ganze hat mich schon so sehr in den entnervten Wahnsinn getrieben, dass ich nun am Ende drüber blogge, um nicht mit einem Handrührgerät (extra langes Kabel, extra viel Watt und scharfe Rührhaken) Amok zu laufen. Grrrr!

Der Überfluss lähmt mich. Manchmal wäre es für mich einfacher, eine Wahl zu treffen, wenn man weniger Möglichkeiten hätte. Es würde wirklich helfen, schlicht keine minderwertige Billigware zu produzieren sondern nur vernünftige Produkte. Dann hat man auch langfristig etwas von denen. Aber nein, immer wieder kurzlebigen Plunder verticken bringt wahrscheinlich mehr Gewinne. Die Welt ist manchmal ein absurder Ort.

Sonntag, 3. März 2019

Minimalismus zum Vorteilspreis

Minimalismus und Nachhaltigkeit sind gerade ziemlich sicher dabei, sich zu Trends zu entwickeln. Gut so! Wenn wir und zukünftige Generationen noch länger auf diesem Planeten lebenswürdige Bedingungen haben wollen, müssen wir definitiv unser Konsumverhalten ändern. Weniger Konsum, weniger Müll, weniger Plastik und weniger Tierprodukte statt dem ewigen Aber das haben wir doch schon immer so gemacht!

Auch in der Werbung ist das inzwischen angekommen, dass die Masche mit der Nachhaltigkeit zieht. Ganz schön absurd eigentlich, unter dem Banner des Umweltschutzes überhaupt in Massen neues Zeug verkaufen zu wollen.
Ab und zu braucht man aber auch einfach gewisse Dinge, da Gebrauchsgegenstände sich nun mal abnutzen und kaputt gehen.

So war ich heute unterwegs, um mir eine neue schwarze Hose zu kaufen. Gesagt getan. Da man um Hosen in Langgröße zu finden nicht unendlich Auswahl hat, geht der Hosenkauf bei mir erstaunlich schnell. Wenigstens ein Vorteil, wenn man immer wieder im gleichen größeren Kaufhaus dafür landet. Beim Bezahlen wurde ich darauf angesprochen, dass man ab einem bestimmten Warenwert Gutscheine fürs hauseigene Restaurant bekäme. Obwohl das Mittagessen zu Hause eigentlich schon geplant war, war ich nicht abgeneigt. Neue Speisen entdecken ist immerhin mein inoffizielles Hobby. Gleich mal schauen, was die so an veganen und wenn das nicht vorhanden ist, vegetarischen Gerichten anbieten - kann man ja mal ausprobieren, wenn man dafür 20€ Budget "geschenkt" bekommt.

Viel weiter kam das Ganze nicht. Mein mich begleitender Freund verneinte direkt die Frage, ob wir den Gutschein haben wollen würden. Oh - Okay?

Nachdem ich ein bisschen perplex von der Kasse weg gestolpert war, fragte ich ihn, weshalb er denn bitte die 20€ Freifahrtsschein zum Ausprobieren des Kundenrestaurants abgelehnt habe.
Ganz einfach: er fand es völlig unnötig. Unser Mittag war geplant, etwas so gesundes wie einen Haufen selbst zubereitetes Gemüse mit knusprigem Räuchertofu würden wir sehr wahrscheinlich eh nicht finden, dafür aber unsinnig Kalorien aufnehmen und vielleicht am Ende doch noch etwas zusätzlich bezahlen müssen. Durch das längere Verweilen im Kaufhaus würde man dann doch noch mal an den Auslagen vorbei gehen oder vielleicht sogar noch etwas kaufen, das man gar nicht braucht. Ganz abgesehen von der Zeit, die man dort verbringt.

Manchmal wünsche ich mir, genauso rational sein zu können. Nur weil ich etwas geschenkt bekommen kann, heißt es nicht, dass ich es brauche und es mein Leben besser machen wird. Mit etwas Abstand bin ich ganz froh, nicht den Gutschein eingelöst zu haben. Trotzdem sind diese Angebote, durch Konsum "Sparen" zu können, auf den ersten Blick immer wieder verlockend für mich. Ich kaufe deshalb zwar nicht einfach irgendwas, doch wenn ich eh schon auf der Suche nach Produkt X bin und etwas ohne Aufpreis dazu bekommen kann, habe ich bisher nicht nein abgelehnt, sondern mich viel mehr darüber gefreut.

Und am Ende ist es dann meist irgendein nutzloser Werbekram niedriger Qualität gewesen, der direkt im Müll landet oder ewig herum liegt. Oder eine Probe von etwas, das ich niemals benutzen würde (Stichwort Schlüsselbänder, noch mehr Kugelschreiber, Selbstbräunungstücher oder Nussöl mit LSF 6), Damit schaffe ich Nachfrage nach Schrott, für den sinnlos Ressourcen verschwendet werden. Ungefragte Gratisbeigaben und willkürlich beigelegte Pröbchen, bei denen man nicht steuern kann, was man bekommt, sind nicht mehr zeitgemäß. Damit das mal bei den Konzernen ankommt, werde ich in Zukunft dazu Nein sagen.

Mittwoch, 16. Januar 2019

Langfristige Planung für die nächste Woche

Frohes Neues zusammen!
Jetzt, wo euch diese Phrase schon locker eine Woche keiner mehr an den Kopf geworfen hat, kann man sie ja noch mal kurz ausgraben.

Jetzt ist die Phase, in der viele Menschen ihre guten Vorsätze eifrig verfolgen oder bereits aufgegeben haben. Jetzt ist der Zeitraum, in dem viele ihr Jahr planen.
Und bei mir? So wirkliche Vorsätze habe ich nicht. Rauchen und Alkohol waren noch nie mein Ding, gesund ernähren tue ich mich seit Jahren und Sport mache ich auch regelmäßig. Mehr lesen, Freunde treffen, wieder Spanisch üben, weniger Zeit auf Instagram verschwenden und ab und zu ungenutzten Kram aussortieren - das sind meine gefühlt permanenten Ziele seit locker drei Jahren. Aber langfristige und konkrete Planung fällt mir schwer.

Ich habe das Gefühl, dass mir das Bildungssystem, in dem ich mich bewegt habe, seit meiner Einschulung vor fast 20 Jahren, immer einen konkreten Plan vorgegeben hat. Man wusste, was in Schule und Studium auf dem Lehrplan steht, wann Ferien sind und konnte darum sein Leben planen. Nun bin ich fertig mit dem Studium und meine erste Vollzeitstelle erwartet mich. Das plant in gewisser Weise auch meine Wochen, doch insgesamt bin ich plötzlich sehr frei in meinen Entscheidungen.

Die Möglichkeit, sein Leben komplett umkrempeln zu können, lähmt mich. Ich könnte auswandern, ein neues Studium beginnen (bloß nicht!), mich mit irgendwas anderem als der Medizin beschäftigen und als Strickdesigner/Strickkursleiter/Wollguru versuchen, selbstständig zu machen. Oder wie wäre es mit einem Leben als Reiseblogger? Da hätte ich schon die letzten Jahre mehr Themen gehabt, als ich hier tatsächlich Beiträge gepostet habe. Kochkurse könnte ich auch locker geben, aber was wird aus meinem Hobby, wenn ich es zum Beruf mache?
Ich könnte meinen Freund heiraten, weil ich weiß, dass ich mich in einer Beziehung nicht aufgehobener und glücklicher fühlen könnte, als mit ihm oder aber angesichts der Option, sich festzulegen, Panik bekommen und Tinder durch spielen.

Während mir all diese Gedanken durch den Kopf gehen, überlege ich, wie andere Menschen damit klar kommen, so viele Optionen zu haben. Wahrscheinlich sind vielen diese auch zu risikoreich und unbequem und deshalb ändern sie nichts. Aber kann ich in zehn Jahren glücklich sein, wenn ich so weiter lebe, wie ich mein Leben bisher geführt habe? Wahrscheinlich schon. Könnte ich anders glücklicher sein? Man weiß es nicht.

Die Vorstellung, einen Plan über die nächsten fünf Jahre zu haben, gefällt mir. Damit könnte man sicherstellen, seine Ziele auch wirklich erreichen. Aber was sind meine Ziele und welche flüstert mir die Gesellschaft nur kontinuierlich ein? Will ich das klassische Heirat - Haus - Kind oder vielleicht doch was ganz anderes?
Bis jetzt bin ich so gut in langfristiger Planung, dass ich am 01. Januar eine Rundreise auf die Kanaren zusammengestellt habe und eine Woche später los geflogen bin. Hat alles prima funktioniert und war wunderschön. Allerdings wird das nicht bei allen Dingen im Leben so laufen können. Ich habe keine Lust, so vor mich hin zu leben und zu hoffen, dass alles klappt und gleichzeitig, habe ich Probleme, mich auf konkrete Pläne festzulegen. Und wie soll das überhaupt klappen, wenn das Leben doch so oft unerwartet neue Optionen bietet? Die kann man doch nicht per se ignorieren, nur weil sie in einem vor drei Jahren erstellten Plan nicht berücksichtigt waren. Alles nicht so einfach.

Wie macht ihr das für euch? Alles durchgeplant oder entscheidet ihr recht kurzfristig, wie es weiter geht? Die Antworten muss man sich wohl am Ende selbst geben, doch ich bin neugierig, zu hören, wie andere es handhaben.

Montag, 31. Dezember 2018

Zeit für den Rückblick auf 2018

Huch, ist es denn wirklich wieder so weit? Ein paar Stunden noch und wir purzeln mit einer Menge Lärm und Feinstaub in das Jahr 2019. Werde ich alt oder vergeht die Zeit jetzt doch wirklich schneller?

Ich habe schon von einigen Leuten gehört, dass dieses Jahr furchtbar war, doch egal, wie oft ich darüber nachgedacht habe, bleibt es dabei: Das Jahr war sehr gut zu mir.

Viel Zeit habe ich im Krankenhaus verbracht, allerdings nicht im Bett sondern auf den eigenen Füßen. Das Praktische Jahr des Medizinstudiums bedeutet viel Rennerei. Man ist Lückenfüller, ein Mädchen für alles. Dadurch habe ich viel über zwischenmenschliche Kommunikation gelernt, natürlich fachliches, wie man emotional unterstützt ohne zu aufdringlich zu sein. Plötzlich ist man an so vielen Stellen gefordert.
Mir hat es Spaß gemacht, so richtig wie ein Mensch mit fertiger Berufsausbildung im Team zu arbeiten statt nur Vorlesungen, Seminare und ab und zu Praktika zu haben. Ich habe so viel gelernt und gemerkt, dass ich noch so so viel mehr zu lernen habe. Manchmal frustriert das, manchmal spornt das an. Aber lieber für immer neue Dinge lernen als ewige Ödnis im Beruf.

Zwischen dem Tertial in meinem Wahlfach Dermatologie und dem chirurgischen Tertial, konnte ich noch durch Italien reisen. Ich habe Venedig im Schnee gesehen, mich in das gemütliche Städtchen Bergamo verliebt, Käse in Parma gespeist, Grippe in Mailand gehabt und anschließend meinen Freund damit angesteckt.

Während meinen vier Monaten in der Chirurgie war ich außerhalb Berlins. Zum ersten Mal über längere Zeit getrennt von meinem Freund seitdem wir zusammen sind. Man kann die Paare, die ständig aufeinander hocken ja leicht belächeln, doch ich habe erst dieses Jahr bemerkt, wie wichtig mir dieser Mensch ist und wie viel glücklicher wir beide zusammen sind. Es war eine kleine Belastungsprobe, die zum Glück nie kritisch war. Umso erleichterter war ich, als ich wieder dauerhaft zurück in der gemeinsamen Wohnung war. Und das auch, weil ich schnell bemerkt habe, dass so ein Studentenwohnheim sehr spartanisch und lange nicht so gemütlich ist wie eine richtige Wohnung. Trotzdem bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung, die Spieleabende mit anderen Wohnheimsstudenten und eine neue Freundschaft.

Zurück in Berlin ging es dann gefühlt im Zeitraffer einige Monate in die Innere Medizin und schon stand das mündliche Staatsexamen kurz bevor. Das hat mich extrem unter Druck gesetzt. Mündliche Prüfungen mochte ich noch nie und jetzt, wo diese Prüfung nun über den Abschluss meines Studiums entscheiden sollte, war es auch nicht entspannender. Wochenlange Lernsessions, stundenlange Treffen mit anderen Prüflingen, um Fragen durchzusprechen und dazwischen nur ein bisschen Schlaf, Essen und Sport haben mich ganz schön geschlaucht.
Als ich die zwei Tage der Prüfung dann hinter mir hatte, konnte ich es kaum fassen. Wow, plötzlich ein abgeschlossenes Studium zu haben ist ein irres Gefühl… und stürzte mich gleich in die nächste Panikattacke.

Denn jetzt, wo das universitäre System mich ausgespuckt hatte, war die Zukunft für mich komplett unklar. Ich habe mich als Assistenzärztin beworben und musste feststellen, dass zwar Ärzte gesucht werden, Berufsanfänger jedoch nicht.
Nach kurzer Verzweiflung hatte ich riesiges Glück und habe eine Stelle in einer Praxis bekommen. Das wirkt noch immer ganz surreal für mich. Bis zum Arbeitsbeginn im Februar 2019 habe ich ein entspanntes Leben mit Zeit für all die Dinge, die ich mir vornehme.

In diesem Jahr habe ich mich mehr mit Ernährung auseinander gesetzt. Schon lange war mir bewusst, dass es völlig unökonomisch ist, Fleisch zu essen, was den Verbrauch von Ressourcen und die dadurch resultierende Verschmutzung von Grundwasser, Treibhausgasproduktion aber auch das Leid der Tiere angeht. Dennoch habe ich das aus Egoismus und Faulheit - schmeckt ja und ist leicht verfügbar - ignoriert. Doch so ist ja auch keinem geholfen. Zuhause habe ich lange schon ausschließlich vegetarisch gekocht, doch auswärts war ich da weniger konsequent.
Nun habe ich zum Ärger meiner Familie mein erstes fleischloses Weihnachtsfest mit Weihnachtsbraten gefeiert und war ganz beeindruckt, wie sehr andere Leute sich darüber aufregen können, dass man nun ein Ernährungsextremist ist und nicht mal zum Fest der Liebe den toten Vogel essen möchte. Ganz egal, ob man nun allen ein leckeres veganes Curry gekocht hat und seine Extrawürste selbst beschafft und zubereitet statt eine zusätzliche Last zu sein. Es ist schön, sowas dann nicht allein aushalten zu müssen, sondern die Eindrücke mit dem Partner teilen zu können.

Gesundheitlich hatte ich abgesehen von einer Grippe und Lebensmittelvergiftung (Reisnudeln mit Bacillus cereus, mein heißer Tipp) ein tolles Jahr. Zum siebenten Mal bin ich beim Halbmarathon geskatet, habe Unisportkurse besucht und auch selbst im winzigen Wohnheimzimmer immer Sport gemacht. Mit dem Unterarmstand ist es dennoch auch dieses Mal nichts geworden - man hätte ihn häufiger üben müssen.

Ich konnte reisen, den Sommer genießen, war auf einer Hochzeit, Konzerten, habe viel gestrickt und hatte ein echt gutes Jahr. Nur mit dem Bloggen lief es nicht so rund. Da ich das Gefühl hatte, eh kaum Reaktionen auf meine Beiträge zu erhalten, habe ich mein Mitteilungsbedürfnis eher auf Twitter und Instagram ausgelassen. So haucht man der Bloggerszene aber auch kein Leben ein.

Insgesamt bin ich mit meinem momentanen Leben sehr zufrieden und ganz aufgeregt-neugierig, was das "richtige" Arbeitsleben außer finanzieller Unabhängigkeit (endlich!!!) so mit sich bringen wird.
Ein gutes Jahr klingt für mich heute aus und ich hoffe, dass das nächste auch so gut gelingt.

Macht es gut und rutscht gesund rein!

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Die Leiden der digital Dauerbespaßten

Das Internet ist eine großartige Erfindung. Ständig alle Informationen verfügbar, ständig alle Leute kontaktierbar oder zumindest die Möglichkeit, ihnen eine Nachricht zu hinterlassen. Langeweile gibt es damit nicht mehr, da es auch mobil verfügbar ist. Man könnte eigentlich immer produktiv und kreativ sein, Texte verfassen, Bilder machen, bearbeiten, veröffentlichen, Musik kreieren, Menschen an seinen Fähigkeiten teilhaben lassen… die Optionen erscheinen endlos. Und doch fühle ich mich von all dem Angebot oft mehr erschlagen als befreit.

Wenn man eine gewisse Zahl an Abonnements in den Sozialen Netzwerken hat, hängt man mit einer täglich durch das ganz normale Leben eingeschränkten Konsumzeit neuer Texte und Videos gefühlt immer hinterher. Das stresst mich offen gesagt mehr, als es mich inspiriert oder mir etwas beibringt. Irgendwann habe ich angefangen, nebenbei beim Kochen, Aufräumen, Putzen, Geschenke einpacken und zu welchen Gelegenheiten es sich sonst noch anbietet, Youtube Videos laufen zu lassen. Anders kommt man bei all den spannenden Kanälen einfach nicht hinterher. Dadurch, dass immer etwas im Hintergrund dudelt, bin ich subjektiv langsamer bei dem, was ich mit meinen Händen eigentlich tue. Durch die geteilte Aufmerksamkeit bekomme ich von beiden Aktivitäten nur die Hälfte mit und fühle mich unzufriedener und gestresst. Rein akustische Unterhaltung wie Radio oder Podcasts geben mir dieses Gefühl nicht.
Und obwohl ich all das weiß, scheine ich es zu ignorieren. Zu groß ist die Angst, etwas zu verpassen aber auch, einfach Zeit ungenutzt zu lassen. Bloß kein Moment der Langeweile in diesem so kurzen Leben!
Das war doch nicht immer so. Ist die Zeit der Leere nicht auch eine gute Gelegenheit gewesen, die Gedanken schweifen zu lassen, zu planen, Ideen zu entwickeln und zu träumen? Darauf möchte ich nicht verzichten.

Jedes mal, wenn ich etwas schaffe - seien es Texte auf dem Blog, ein beendetes Strickprojekt, eine versendete Bewerbung, eine aussortierte Schublade oder zehn Gläser eingekochte Birnen - erfüllt mich das mit großer Zufriedenheit. Es fühlt sich verdammt gut an, produktiv zu sein. Immer nur die Gedanken und Werke anderer zu konsumieren, hört irgendwann auf, inspirierend zu sein und laugt mich nur noch aus.
Wir sollten uns nicht der Versuchung hingeben, das Gehirn ganz bequem auszuschalten und die Aufmerksamkeitsspanne kürzer als die eines Goldfisches werden zu lassen und stupide Informationen auf uns einprasseln zu lassen, um davon locker die Hälfte direkt zu vergessen. Zwar wird uns das von allen Seiten offeriert, doch es tut uns in der Menge nicht gut.

Also hören wir besser öfter auf die Weisheit, die meiner Generation eigentlich schon in der Kindheit im Fernsehen vermittelt wurde: Abschalten.

Donnerstag, 23. August 2018

Inspiration für kulinarische Entdeckungen: Thaipark Berlin

Es ist kein Geheimnis, dass ich Essen liebe und immer auf der Suche nach neuen Geschmackseindrücken bin. Ein Garant für neue Gaumenerlebnisse sind ja immer Reisen in fremde Länder. Dafür ist jedoch nicht immer Zeit, sodass ich es unheimlich zu schätzen weiß, dass es in Berlin so viele verschiedene Kulturen und damit auch Kochtraditionen gibt.

Eine meiner liebsten Kochweisen ist die asiatische - insofern man das so sagen kann. Immerhin ist "Asien" von Indien über Vietnam, Nepal, China und Japan und noch so viele weitere Länder kulinarisch extrem divers. Ich mag die Gewürzkombinationen, das ganze Gemüse und verschiedenen Texturen sehr. Immer gibt es was zu erschmecken und so war ich höchst erfreut, als ich zufällig las, dass es in Berlin einen Thai Park gibt.

Im Wilmersdorfer Preußenpark findet von April bis November bei gutem Wetter Freitag bis Sonntag 11:00 - 22:00 Uhr der kulinarische Kulturtreff statt. Die Ansammlung der bunten Schirme auf der Grillwiese ist nicht zu übersehen.


Anfangs ist das Angebot einfach nur überwältigend. Frittierter Spinat, frittierter Fisch, Pho-Suppen, Sommerrollen, gebratene gefüllte Klöße, Cocktails und Mango Sticky Reis - die Auswahl ist riesig. Diverse Nudel- und Reisgerichte, darunter natürlich auch das berühmte Pad Thai, werden direkt vor den Augen der aufgereihten Wartenden zubereitet.

Die hygienischen Umstände des Thai Parks entsprechen nicht den Restaurantstandards und man sollte sich dessen bewusst sein. Der Platz ist knapp, es gibt kein direktes fließendes Wasser an den einzelnen Kochstationen. All die Improvisation mit Campingkochern und zahlreichen Boxen für verschiedene vorgeschnittene Zutaten hat ihren Charme, ist aber natürlich auch eine Möglichkeit für Keime, sich in der ungekühlten Umgebung zu vermehren. Das heißt zwar nicht, dass man wie im Asienurlaub Eiswürfel, Rohkost oder ungeschälte Produkte meiden muss, da hier immer noch das gute kontrollierte deutsche Leitungswasser verwendet wird,  doch vorgekochten Fleischprodukten gegenüber wäre ich skeptisch. Vor allem in der Sommerhitze.

Persönlich habe ich vor der ersten Bestellung einen Rundgang gemacht, um mir einen Überblick über die Stände zu verschaffen. Bestellt habe ich nur, was frisch vor meinen Augen gebraten und frittiert wurde. Speisen, die schon länger verzehrbereit auf Käufer warten, habe ich gemieden.


Klassiker sind hier der Papaya Salat, der an einigen Ständen frisch im Mörser zusammen gestampft wird. So kann man selbst entscheiden, wie scharf man das Essen möchte oder ob die Garnelen wie im traditionellen Gericht in die Sauce sollen.


Auch der süße Zahn ist hier versorgt. Ich habe in Palmenblätter gewickelten Reis mit Süßkartoffeln probiert. Die klebrig- mehlig-süße Nachspeise war sehr ungewohnt und eben deshalb ein Vergnügen. Geschmacklich nicht außergewöhnlich, doch einfach mal ein neuer Eindruck. Noch leckerer war der Mangoklebereis in Kokosmilchpudding gedämpft im Bananenblatt. So richtig cremig-fruchtig-fettig-süß. Alles, was der Urinstinkt so mag. Zum Glück sind die Portionen nicht so groß, sodass es nicht einfach wäre, sich allein damit zu überfressen. Mein absoluter Favorit in Sachen Süßspeisen war jedoch der süße Klebreis mit der reifen Thai Mango und Kokosmilchsauce. So simpel und gleichzeitig einfach ein Fest für den Gaumen.


Süße Überraschungen in Blätterhülle

Übrigens habe ich bei all den Ständen nur einmal einen ausgeschilderten Preis gesehen und den natürlich auch gleich für ein repräsentatives Bild fotografiert. Dennoch habe ich trotz Bestellung ohne den Preis zu kennen keine böse Überraschung erlebt.
Preislich lagen die meisten kleinen Happen (Süßigkeiten, gedämpfte oder gebratene Klöße, gebratene Spieße) sowie nichtalkoholische Getränke bei 2 €. Hauptgerichte wie Papaya Salat, gebratene Nudeln oder eine große Packung Mango Sticky Reis gab es für 5 €.

Solltet ihr euch im Zeitraum von April bis November nach Berlin verirren und Appetit auf asiatisch Speisen bekommen, kann ich euch den Thai Park absolut empfehlen. Meine Tipps:
  • Nicht allein kommen - wenn man sich die Speisen teilt, kann man sich durchs Angebot probieren.
  • Bargeld mitbringen, denn Kartenzahlung ist nicht möglich. Und zwar keine 50€ Scheine, sondern Kleingeld, das sich leicht wechseln lässt.
  • Eigenes Besteck einpacken. Das spart einerseits sinnlosen Plastikmüll und andererseits ist es auch einfach angenehmer, von Metallbesteck zu essen.
  • Plastikboxen mitnehmen, um sich eine Portion für später einpacken zu lassen. Diesem Wunsch sind die Verkäufer so prompt nachgegangen, dass ich stark vermute, nicht die erste gewesen zu sein, die auf diese Idee gekommen ist. Und alles, was man vor Ort nicht mehr aufessen kann, lässt sich so auch transportieren.
  • Feuchte Tücher zur Handreinigung. Dass es kein fließendes Wasser vor Ort gibt, bedeutet auch, dass man die klebrigen Finger nach dem Verzehr von Häppchen nur schwer waschen kann und mit Feuchttüchern kann man schnell dafür sorgen, dass nicht mehr Speisereste oder Parksand und trockenes Gras vom Boden an den Händen hängen bleiben. 
  • Früh kommen, denn was weg ist, ist weg. Zur Mittagszeit ist die ideale Zeit, wenn man nicht nur ein vorselektiertes Angebot erleben möchte.



Das war es schon mit meinen Eindrücken und Empfehlungen zum Thaipark . 

Donnerstag, 9. August 2018

Altmännerromantik

Seitdem die ganze Debatte zum Thema #MeToo aufkam, ist ja schon einige Zeit vergangen. Als das Thema ganz heiß in den Medien war, war ich immer erstaunt, was andere Frauen alles schon erleben mussten. In meinem zivilen Alltag habe ich selbst sonst offen gesagt wenig sexistische Belästigung erfahren. Doch im Krankenhaus sieht es komplett anders aus.

Ich studiere Medizin und nähere mich inzwischen dem Ende des Studiums. Aktuell befinde ich mich im praktischen Jahr, in dem man durchgängig im Krankenhaus in verschiedenen Abteilungen arbeitet. Und nach zehn Monaten Krankenhaus kann ich sicher sagen: sobald man sich als Frau die weiße (blaue, grüne…) Uniform anzieht, ist man scheinbar für anzügliche Bemerkungen freigegeben.

Es sind hauptsächlich ältere Herren, die unangenehm werden. Häufig sind es auch die geistig nicht mehr ganz fitten. Sobald da ein bisschen Demenz ins Spiel kommt oder das Frontalhirn aus anderen Gründen die Willenskontrolle nicht mehr auf die Reihe bekommt, brechen die unangemessenen Gedanken aus den Köpfen aus und verstören weibliches Personal.

Beispiel.

Ein 80-jähriger Herr kommt mit Anämie ins Krankenhaus. Der Mangel an roten Blutkörperchen hat ihn ziemlich geschwächt. Ich darf ihn betreuen. Mit Rücksprache mit den anderen Ärzten, doch erst mal bin ich verantwortlich.
Ich befrage den Patienten nach seinen Symptomen, seiner Vorgeschichte, untersuche ihn, nehme Blut ab, bereite schon mal das Kreuzblut für die Transfusionen vor. Um auch noch rechtzeitig die Anmeldung für die Magenspiegelung am nächsten Tag zu machen (man muss ja nach einer möglichen Blutungsquelle als Ursache der Anämie suchen und der obere Verdauungstrakt ist eine sehr häufige) und sicher zu stellen, dass die Bluttransfusionen auch noch am selben Tag laufen, bleibe ich extra länger.  Die anderen Ärzte hatten viel zu tun an dem Nachmittag, sodass der ältere Herr auf der Strecke geblieben wäre, weil es schwerer Kranke gab. Also leiste ich meinem Pflichtbewusstsein Folge und sorge dafür, dass die Transfusionen erledigt werden. Bezahlt wird mir da nix.
Nächster Tag. Es geht dem Patienten sehr viel besser. Keine Luftnot mehr beim Laufen, kein Herzrasen mehr, nur weil er vom Bett ins Bad will. Ich wünsche ihm einen guten Morgen und erkläre, dass ich noch einmal Blut abnehmen möchte, um zu kontrollieren, wie nach der Transfusion die Werte sind.
Er streckt mir die Arme entgegen. "Bedienen Sie sich ruhig an mir!". Okay, soweit so gut.
Ich lege den Stauschlauch an, ziehe ihn fest.
"Oh, packen Sie ruhig ordentlich zu. Am liebsten nicht nur am Arm; Sie wissen ja wie das geht." Er zwinkert mir zu.

...

Das sind Momente, in denen ich mich dann echt selbst dafür verfluche, meine freie Zeit dafür aufgewendet zu haben, um Leuten zu helfen, die dann am Ende nicht mal nett zu einem sind. Obwohl - vielleicht denkt er ja, es wäre ein Kompliment. Ich hätte mir gewünscht, dass er die nun vorhandene Luft genutzt hätte, um was sinnvolleres und vor allem weniger anzügliches zu sagen.

Solche Situationen sind nicht selten. Kleine Kommentare unter der Gürtellinie. Als würden senile Männer ernsthaft denken, es würde weibliches Personal erfreuen, wenn sie ihnen sagen, dass sie gut aussehen, wenn sie sich bücken, einen anderen Patienten im Bett mobilisieren oder sich einfach nur zur Untersuchung ihnen entgegen beugen. Es ist total verstörend, wenn völlig fremde Menschen versuchen, einem ins Gesicht zu greifen, nur weil man in der Nähe ist. Da macht man sich trotz höchstmöglicher Bettenposition den Rücken krumm, weil adipöse alte Leute furchtbare Venenverhältnisse haben, vor Luftnot nicht liegen können und man versucht, noch eine Infusionsnadel in sie rein zu basteln und alles, was denen einfällt, sind widerliche Bemerkungen. Danke schön!

Mit Frauen ist mir so etwas noch nie passiert. Die komplimentieren nur Ohrringe und fassen im schlimmsten Fall mal Haare an und murmeln, welche Frisuren sie früher mal hatten. Das unangenehmste Erlebnis war, bei einer Blutentnahme während der die Patientin weiter frühstückte, mir unerwartet ein angebissenes Wurstbrötchen ins Gesicht gehalten wurde. Ich müsse ja auch mal was essen und könne hier nicht nur arbeiten.

Dass Frauen im Krankenhaus von Personen über 60 Jahren generell nur mit "Schwester!" angesprochen werden - ganz egal, ob sie Kittel und Doktortitel tragen sowie seltsamer Weise nie den Patienten waschen und aufs Klo bringen - ist ja eine Sache, die ich inzwischen tolerieren kann, doch diese anzüglichen Kommentare kotzen mich echt an.
War damals Respekt vor Frauen kein Teil der Erziehung? Also wenn das der damalige Standard des romantischen Annäherungsversuches ist, dann wundert es mich wirklich, dass die Bevölkerung hierzulande nicht längst ausgestorben ist.

Donnerstag, 7. Juni 2018

#PMDD27

Joa, erinnert sich noch wer an den Picture My Day Day vom 19. Mai? Ich mich ja und zwar mit einem schlechten Gewissen. An dem Tag war ich in Belgien unterwegs und habe fleißig Bilder gemacht. Als ich dann wieder zurück in Deutschland war, wo mein Laptop auf mich wartete, hatte ich vor lauter DSGVO Panik so gar keine Lust, einen Beitrag zu verfassen. Weil warum einen Post schreiben, wenn man nicht sicher weiß, ob man den Blog überhaupt weiter führen kann ohne professionelle juristische Beratung.

Inzwischen sind einige Wochen vergangen und die ganze Aufregung hat sich ein bisschen gelegt. Und so kommt auch meine Motivation, meine Eindrücke aus Belgien von meinem persönlichen Picture My Holiday Day mit euch zu teilen, wieder zurück.

Hier ist ein kleiner Rückblick, wie ich den 19. Mai verbracht habe. Gastgeber der Bildersammlung ist dieses Mal die wundervolle Karo Kafka gewesen, ihres Zeichens enge Freundin und ebenso begeisterte Strickerin. Die offizielle Liste aller Teilnehmer findet ihr hier.


Mein Tag begann ganz gewöhnlich: im Bett. Allerdings nicht dem eigenen, sondern dem unserer Unterkunft in Brüssel.


Obligatorische Nachttischdekoration: Uhr, Ohrringe und Brille. Wobei letztere im Moment der Bildaufnahme schon auf meine Nase gewandert war.


Ich liebe handgestrickte Socken. Und diese haben eine Farbkombination, auf die ich besonders stolz bin. Vor allem, weil drei der vier Farben auch noch von mir beziehungsweise meinem Freund selbst gefärbt worden sind.


Urlaub bedeutet, sich morgens das Frühstück beim Bäcker zu erobern. Man bemerkt starke französische und in dieser Filiale marokkanische Einflüsse der Gebäckauswahl.


Tadaa! Erfolgreich Baguette und Apfeltasche mit gebrochenem Pseudo-Französisch erworben und ein paar Sachen dazu organisiert. Mango, grüner Tee, weich gekochte Eier, Bananen - so lässt es sich leben!


Einmal nach Brügge ohne Sterben, bitte!


Snacks sind wichtig. Auch wenn das Frühstück noch keine zwei Stunden her ist. Das hier war ein mit getrockneten Feigen gefüllter Keks vom Bäcker.


Welcome to Bruges! Oder auch Brugge. Man weiß vor lauter Zweisprachigkeit niederländisch/flämisch - französisch in Belgien manchmal auch nicht, wie man Dinge nun nennen soll.


Auf dem Weg in die Innenstadt. Brügge wurde nie zerstört und hat so sehr viele historisch wertvolle Gebäude. Da die Stadt mal ein wichtiger Handelsstandort war, sind die sogar ziemlich prächtig.


Erst mal ein Bier… öhm, eine Brauerei besuchen.


Da kommen Kindheitserinnerungen auf! Ich war als Kind in Dutzenden Brauereien und Destillen, weil mein Vater es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht hat, so viele davon wie möglich zu besuchen wo auch immer eine in der Nähe ist.


Hopfen (aber nur die weiblichen Blüten!) und Malz sind nicht verloren gewesen. Wobei die Belgier die Sache mit dem Reinheitsgebot auch nicht so wirklich ernst nehmen. Stichwort Bananenbier.


Ein Ausblick über die Türme der Altstadt vom Dach der Brauerei aus.


…immer unangenehm, es zuzugeben aber: eigentlich schmeckt mir Bier überhaupt nicht. Wir haben uns trotzdem die zwei geteilt, die einem nach der Führung zustanden. Das war harte Arbeit. Ob es am Starkbier lag oder der fehlenden Trinkroutine: es hat sich alles kurz ein bisschen wackelig angefühlt unter meinen Füßen.


Auf den ganzen Alkohol erst mal eine vernünftige Trinkschokolade!


Ach, eine Waffel kann ja auch nicht schaden. Lütticher Waffeln sind unfassbar lecker. Hefewaffeln sind einfach geiler als ihre mit Backpulver aufgeflufften Verwandten
.

Oh, Bäume!


Die altmodischen Häuser mit ihrer Dekoration fand ich unglaublich charmant und schön.


Einziger Negativpunkt: die Menschenmassen. Brügge und vor allem der Marktplatz war an dem Samstag sehr überlaufen von Besuchern.


 Der gute Tourist teilt sich eine Portion Pommes zum Mittagessen. Damit später noch mehr Waffeln und Pommes Platz im Magen haben.


Der Belfried (niedlichländisch für Glockenturm) des Brügger Marktplatzes. Es wird nicht empfohlen, dort runter zu stürzen.


Links im Bild ist die Basilika des Heiligen Blutes, wo sie eine Ampulle mit uraltem Zeug, das man für das Blut Jesu deklariert hat, verehren und lagern. Ist mir alles suspekt aber prunkvolle Gebäude errichten können sie definitiv.


Brügge wird aufgrund seiner vielen Kanäle auch das Venedig des Nordens genannt. Da es im originalen Venedig keine Autos gibt und das einen riesigen Unterschied in der Atmosphäre macht, kann ich da nur so bedingt zustimmen. Trotzdem lohnt sich der Besuch.



Nicht fehlen darf im Urlaub der Besuch eines Wollladens. In Brügge habe ich Het Wolhuis besucht, ein kleines recht voll gestopftes Geschäft mit einer unglaublich lieben Besitzerin. Die 80-jährige Dame hat mich bei der Farbauswahl beraten und mir dann ihre Handarbeiten aus dem Schulunterricht gezeigt. Die fein säuberlich eingeklebten Strickstücke mit Anleitung für das Muster daneben waren beeindruckend. Trotzdem war es traurig, weil das Bewusstsein um die eigene Vergänglichkeit in diesem Moment für alle so greifbar war.



Meine Farbauswahl der Sockenwolle ist erschreckend pink. Mal sehen, wie daraus gemischte Socken am Ende werden. Ich plane einen Farbverlauf durch Abwechseln der Wolle zu erzielen wie in den Socken, die ich am Morgen an hatte.


Ist schon schön hier!


Huch, wo kommt den der Wal her? Ein wirklich gutes Projekt, um auf das Plastikmüllproblem hin zu weisen.


Na nu, sind wir denn zu weit gelaufen und in den Niederlanden angekommen?!


Nee, alles gut: noch immer im Land der Fritten. Zum Abendessen gab es Waterzooi, ein merkwürdiges zusammengekocht-suppiges typisch belgisches Gericht. Nicht ganz mein Favorit. Dafür waren die Pommes perfekt.


Zurück in Brüssel stießen wir auf die Reste der Gay Parade. Die Gebäude am Groten Markt/ Grand Place waren wunderschön angeleuchtet. Total beeindruckend.


A proper gay town hall.


Auf dem Rückweg in die Unterkunft trafen wir auf eine Gruppe Tanzender vor einem Club. Was macht man, wenn man eh nicht durch kommt? Einfach mittanzen!


Nach einer halben Stunde wilden Hinternwackelns wurde der Rucksack dann doch schwer und wir begaben uns sehr erschöpft zurück zur Unterkunft. Was für ein Tag!

Ich hoffe, ihr hattet auch jetzt nach Ende des offiziellen Picture My Day Days noch Spaß an meinen Eindrücken aus Belgien. Auf dass alles beim nächsten Mal pünktlich über die Bühne geht und die ganze DSGVO Aufregung letztlich unnötig gewesen ist.

Freitag, 11. Mai 2018

Mein Grundrezept und Tipps für süßes Hefegebäck

Backen ist eine große Leidenschaft von mir und ich nutze jede Gelegenheit, neue Rezepte auszuprobieren. Wenn etwas richtig gut schmeckt, dann backe ich es so oft, bis nicht mehr zu leugnen ist, dass ich mich verliebt habe in eine Zutatenkomposition.

Lange ist es inzwischen her, dass ich hier mal Rezepte gepostet habe. Schließlich will ich, dass ein Rezept wirklich perfekt ist, bevor ich es veröffentliche. Doch nun habe ich wieder etwas und zwar mein aufgeschlüsseltes Grundrezept für süßes Hefegebäck mit ausführlichen Erklärungen für all die Hefeteigjungfrauen und verzweifelten Hefesteinbäcker da draußen. Denn Hefeteig kann in seiner Einfachheit so unglaublich gut sein.

Hefeschnecken mit Vanillepudding, den ich mit Zitronenschalen aromatisiert habe

Eigentlich ist Hefe ja Domäne der geduldigen Großmütter mit Klassikern wie Butterstreuselkuchen oder Puddingschnecken, doch das Zeug ist viel zu lecker, um es nicht auch einfach selbst zu herzustellen. Leider bäckt meine Oma alles immer frei nach Schnauze und deshalb hatte ich nie konkrete, verlässliche Mengenangaben von ihr. Nach Jahren des Probierens und harter Hefegebäcke hatte ich aber mit dem diesjährigen Osterzopf den finalen Durchbruch und kann euch nun ganz stolz mein verlässliches Heferezept anbieten. Seitdem habe ich Fluffwunder am laufenden Band produziert und bin schwer fasziniert von meinen Hefeteigskills. Die entsprechenden Tipps hätte ich gern schon vorher gehabt. Also gebe ich mein Wissen weiter, damit bei euch keine Jahre des Frusts zwischen euch und eurem ersten perfekten Hefeteig stehen.

Ihr braucht ein bisschen Zeit, Geduld und Fingerspitzengefühl, doch so ein saftig-lockerer Hefeteig ist mit dem nötigen Wissen leichter als man denkt. Dann mal los!

1. 2 Eier und 75 g Butter rechtzeitig aus dem Kühlschrank nehmen, damit sie Raumtemperatur annehmen können

2. 250 ml Milch vorsichtig erhitzen 
Und zwar nicht über 40°! So ein Hefepilz ist nämlich ein Lebewesen, das bei zu hohen Temperaturen einfach stirbt und dann den Zucker auch nicht mehr verstoffwechseln und daraus Kohlenstoffdioxid machen kann, der unser Gebäck luftig werden lässt. Also: nicht den Standardfehler begehen und die Hefe direkt durch zu heiße Milch töten. Körpertemperatur ist ein guter Vergleich und wenn ihr den Finger nicht ohne Schmerzen in die Milch halten könnt, dann möchte die Hefe da auch nicht rein.
Sobald die Milch handwarm ist, runter vom Herd damit.

3. 75 g Zucker in die Milch geben
Kann man nicht viel falsch machen dabei außer die Hälfte neben den Topf rieseln zu lassen.

4. 1 Würfel Frischhefe (42 g) in die Milch bröckeln
Die meisten Rezepte empfehlen, einen Würfel Hefe pro Kilogramm Mehl zu verwenden, doch ich habe festgestellt, dass der Hefegeschmack sowie die Fluffigkeit des Gebäcks mir einfach viel viel besser gefallen, wenn ich die doppelte Menge Hefe verwende.

5. 500 g Mehl und 1 große Prise Salz in einer großen Schüssel mischen
Nehmt die Sache mit der großen Schüssel ernst, wir brauchen den Platz zum Kneten.
Das Mehl und das Salz forme ich am liebsten zu einem Krater, sodass eine Vertiefung für die Hefemilch entsteht. Diese lauwarme Mischung wird jetzt in den Mehlvulkan gegeben und bleibt dort nun für etwa 15 Minuten stehen, bis die Flüssigkeit von einem Schaum bedeckt ist. Das ist das sichere Zeichen dafür, dass die Hefe a) noch lebt und b) aktiv begonnen hat, den Zucker zu verstoffwechseln.

6. 75 g weiche Butter und 2 Eier hinzufügen
Jetzt ist es an der Zeit, aus den einzelnen Zutaten einen homogenen Teig zu machen. Das erfordert im Fall von Hefeteig viel Arbeit. Zuerst einmal alles mit einem Löffel so gut es geht durch rühren, dann heißt es Kneten. Das kann man mit viel Kraft und Geduld mit den Händen erledigen oder man gibt die Aufgabe an das Handrührgerät mit Knethaken weiter. Oder auch eine Küchenmaschine, wenn man so fancy ist, eine zu besitzen.

Fünf Minuten ordentlich den Teig durch massieren muss schon sein. Dass man sich die richtige Teigkonsistenz erarbeitet hat, erkennt man daran, dass der Teig wirklich gleichmäßig ohne Brocken und von kleinen Luftblasen durchsetzt ist sowie sich obwohl er insgesamt feucht und klebrig wirkt, gut vom Schüsselrand löst. Ein Hefeteig darf kein (gut zu handhabender) trockener Klumpen sein, denn dann wird das daraus resultierende Gebäck auch ein trauriger trockener Klumpen.

7. Warten. Gehen lassen.
So ein Hefeteig hat ein entspanntes Gemüt und möchte nach dem Kneten erstmal eine halbe Stunde an einem warmen Ort (nicht wärmer als 40°, denn die Hefepilze müssen vorerst weiter am Leben bleiben!) abgedeckt unter einem Küchentuch ruhen und wachsen. Die Teigmenge kann sich locker verdoppeln in der Zeit.
Vom luftig-aufgeblasenen Teig über das typische ausgerollte Rechteck zur fertigen Zimtschnecke
8. In die finale Form bringen
Jetzt könnt ihr euch entscheiden, was euer Teig mal werden soll, wenn er groß ist. Zimtschnecken? Puddingschnecken? Ein Hefebrot? Ein Streuselkuchen mit Früchten? Babka? Alles ist möglich.
Wichtig ist nur, nachdem ihr den Teig in Form gebracht habt, ihm so nochmal 20-30 Minuten an einem warmen Ort, gern mit einer kleinen Küchentuchdecke darüber, Zeit zum Wachsen zu geben. Die Hefe hat so Zeit, mehr Zucker in Kohlenstoffdioxid umzusetzen und Luftblasen in den Teig zu zaubern. Der Backprozess tötet die Hefe schließlich ab, weshalb anders als bei Backpulverteigen die Lockerheit des Teiges bei Hefegebäck eben nicht während des Backens im Ofen entsteht sondern schon vorher da sein muss.

Was ich gern daraus zaubere:

Schnecken
Den Teig rechteckig ausrollen, mit einer Füllung (Pudding, Marmelade, Früchte, weiche Butter gemischt mit Zucker und Zimt, Rosinen und Nüssen, Mohn... was immer ihr wollt) belegen. Das Rechteck wird von der längeren Seite aus aufgerollt. Anschließend wird die Teigrolle in ca 2-3 cm dicke Scheiben geschnitten, die in eine Backform dicht nebeneinander gesetzt werden. Bitte nicht einzeln aufs Blech setzen, denn aneinander gekuschelt werden die Röllchen viel fluffiger und saftiger.

Backzeit: 15 Minuten im vorgeheizten Ofen bei 180°C
Nach dem Backen gern mit Zuckerguss aus Puderzucker und Zitronensaft besprenkeln.

Mit Vanillepudding und Blaubeeren gefüllte Schnecken

Hefebrot
Hier arbeite ich gern Rosinen, generell Trockenfrüchte nach Wahl oder Schokostückchen in den Teig ein. Die gesamte Teigmenge dritteln und zu langen Strängen rollen, welche wie ein Zopf verflochten werden. Damit es nicht so langweilig aussieht, kann man den Zopf auch zu einer Schnecke einrollen. Oder einen Knoten rein machen! Das Brot bäckt sich gut auf ein mit Backpapier ausgelegtes Blech gesetzt.

Backzeit: 50 Minuten bei 180°C
5 Minuten vor Ende der Backzeit bestreiche ich Hefebrote gern mit einer Mischung aus 50 ml Milch und einem Esslöffel Honig. Darauf kann man dann Hagelzucker verstreuen, der schön daran kleben bleibt. Nach den restlichen 5 Minuten Backdauer hat man dann eine wunderschön glänzende goldbraune Oberfläche.

Ein klassischer Osterzopf mit Rosinen

Die Möglichkeiten sind gefühlt endlos.
Ihr könntet Streuselschnecken kreieren (Teig zu Fladen ausrollen, Streusel drauf, backen und danach mit Zuckerguss taufen) oder einfach ein Blech mit dem ausgerollten Teig belegen und mit Äpfeln/Beeren/Obst euer Wahl belegen und so oder mit Streuseldecke darüber backen.

Kleines Hefegebäck braucht etwa 15-20 Minuten bis es durch ist, dickere Brote dürfen 50 Minuten und Blechkuchen 30 Minuten im vorgeheizten Ofen bei 180°C backen. Mit diesen Faustregeln seid ihr gut unterwegs.

Weitere Modifikationen wären, zu Beginn beim Erwärmen der Milch bereits Zitronenschale oder der Inhalt einer Vanilleschote/Vanillezucker hinzu zu geben und somit direkt die Milch zu aromatisieren. Wie immer beim Küchenhandwerk sind eurer Fantasie keine Grenzen gesetzt. Ich hoffe, mein kleiner Leitfaden zum Umgang mit süßen Hefeteigen hat euch inspiriert, Lust aufs Backen gemacht und die Angst vor Hefe genommen. Möge die Fluffigkeit der Hefeteige mit euch sein!