Montag, 20. Mai 2019

Drei rosa Zettel

Eigentlich hatte ich ja nach Start ins Berufsleben geplant, einfach nicht krank zu werden beziehungsweise mich davon unbeeindruckt zu zeigen. Macht immerhin eh keinen Spaß, sich schlecht zu fühlen. Dass das nicht klappen wird, habe ich mir von Anfang an gedacht.
Und nun bin ich zum ersten Mal in meinem Leben krank geschrieben. Ein ganz komisches Gefühl.

Zwar bin ich nicht zum ersten Mal in meinem Leben erkältet, doch zum ersten Mal interessiert es jemanden, ob ich so arbeiten kann oder nicht. Während des Studiums bekam man Fehlzeiten notiert bei Abwesenheit ganz egal ob man bei 40 Grad Körpertemperatur im Bett fieberte oder auf Mallorca schwitzte. Auch ein ärztlich attestiertes Kranksein hätte daran nichts geändert.
Letzte Woche war meine Nase dicht und auch mit regelmäßiger Einnahme von entzündungshemmenden Schmerzmitteln und Zink in hoher Dosis war das wolkig-wackelige Gefühl nicht aus dem Kopf zu bekommen. Zwei Tage lang habe ich mich so auf die Arbeit gequält. Denn wenn ich einfach im Bett bleiben würde, um mich auszukurieren, bekämen immerhin alle Patienten ihren Termin bei mir abgesagt. Und das möchte man ja auch niemandem antun. Besser ein schniefender Arzt als gar keine medizinische Versorgung, oder?

Also habe ich meine Hände gefühlt permanent in Desinfektionsmittel gebadet und mein Bestes gegeben, seriös zu bleiben, wenn ich merkte, wie demnächst mir etwas aus der Nase laufen würde. Ibuprofen ist schon geniales Zeug, wenn man regelmäßig dran denkt, mehr zu nehmen. Doch irgendwann kam der Punkt, an dem ich merkte, dass es so nicht weiter geht. Wenn man zum Untersuchen von Füßen in die Hocke ging und dabei sich erst mal kurz an der Liege festhalten muss, weil einem schwindelig wird oder beim Herausschneiden von Hautveränderungen Schweißausbrüche hat und einem schwarz vor Augen wird, dann muss man sich eingestehen, dass es so nicht funktioniert. Immerhin arbeite ich mit Menschen.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, sich wegen einer Erkältung beim Hausarzt vorzustellen. Immerhin wusste ich ja, was los ist und wie ich mich theoretisch zu verhalten habe. Ruhe, viel trinken, Wasserdampf inhalieren, Obst und Gemüse in mich rein schaufeln, körperliche RUHE und vor allem nicht arbeiten gehen. Nichts, wofür man jetzt einen Arzt bräuchte, denn weg zaubern kann er das auch nicht.

Ich weiß nicht, ob ich ungeschminkt so furchtbar aussah oder es meine nasale Schnupfstimme war, doch ich wurde statt des gewünschten einen Tages eine Woche krank geschrieben.
Plötzlich bekam ich die wohl bekannten drei rosa Zettel in die Hand gedrückt statt sie an andere auszuhändigen. Es fühlte sich nach ganz verkehrter Welt an.

Nach einem freien Tag und einem Wochenende geht es mir sehr viel besser. Komplett beschwerdefrei bin ich noch nicht, doch soweit fit, dass ich nun hier sitze und ein schlechtes Gewissen habe. Es fühlt sich an, als würde ich die Schule schwänzen, meine Kollegen mit all der Arbeit im Stich lassen. Natürlich ist mir klar, dass es noch dauert, bis ich alle Symptome der ordentlichen Erkältung hinter mir gelassen habe. Aber das heißt ja nicht, dass ich mich nicht schlecht dafür fühlen darf, es mir zu Hause auf dem Sofa bequem zu machen auch wenn ich währenddessen regelmäßig Schleim aus dem Nasenrachenraum ins Taschentuch befördere. 

Es ist schon absurd, wie sehr das eigene Verhalten zu dem, was man anderen regelmäßig empfiehlt abweichen kann. Allem schlechten Gewissen zu Trotz bin ich froh, dass meine Chefinnen entspannt mit meinem Fehlen umgehen und mir keinen Druck machen. Ich bin froh, dass es in unserer Gesellschaft die Möglichkeit gibt, krank zu sein ohne deshalb gleich entlassen zu werden oder Gehaltseinbußen hinnehmen zu müssen.
Und dennoch freue ich mich darauf, wenn ich bald wieder durch die Nase atmen und arbeiten gehen kann.

Wie war es, als ihr das erste Mal krank geschrieben wurdet?

Sonntag, 5. Mai 2019

Warum einfach, wenn es auch anders geht

Mein Handmixer ist kaputt. Nach vielen Jahren ist plötzlich beim Kneten von Hefeteig das Plastikgehäuse gebrochen. Einfach so.

Ich liebe gutes Essen und um sicherzustellen, dass ich auch solches bekomme, koche ich viel und gern. Daher war es trotz allen Bestrebungen, den eigenen Konsum zu minimieren, keine Frage, ob ich den kaputten Handmixer ersetzen werde. So ein Gerät brauche ich einfach. Kann ja nicht so schwer sein, ein zuverlässiges, hochwertiges neues Modell zu finden... dachte ich zumindest.

Schon oft hab ich von meinen Großeltern gehört, dass es früher in der DDR keine Auswahl in den Geschäften gab. Wenn man einen Toaster wollte, hat man eben den Toaster gekauft. Entweder man nimmt das eine Modell, das es gab oder gar keinen. Und das auch nur, wenn es eben verfügbar war. Diese Geräte müssen sehr solide gewesen sein, denn nur das kann erklären, warum meine Großeltern noch heute pastellblaue Kaffemühlen, beige Handrührgeräte und laute, stinkende aber vor allem historisch wertvolle Föne haben, die seit Jahrzehnten im Einsatz sind. Über Energieeffizienz in dem Kontext reden wir an der Stelle mal lieber nicht.

Da die Auswahl heute aber riesig ist, kommt schnell ein Gefühl der Überforderung auf. Klar weiß ich, was ich will: ein hochwertiges Gerät mit ordentlich Kraft auch für zähe Brotteige, das lange hält. Wenn möglich Metall an den wichtigen sich bewegenden Teilen. Das darf in der Anschaffung dann auch gern ein wenig mehr kosten.
Doch leider ist der Preis kein zuverlässiges Merkmal für gute Verarbeitung mehr und das nervt mich absolut. Wie kann es denn sein, dass man stylischen Schrott dem gutgläubigen Kunden teuer verkauft? Haben die Hersteller denn kein Gewissen?!

Ich erinnere mich, dass ich mich nach meinem Auszug in einer handrührgerätlose WG Küche und in dem gleichen Dilemma befand. Am liebsten hätte ich den Mixer für die Ewigkeit gekauft, damit man sich nie wieder sorgen müsste, dass man für den Sonntagskuchen plötzlich den Teig nicht fluffig aufschlagen kann.
Nach der Recherche bei einem großen Onlinewarenhaus und auf verschiedenen Vergleichsportalen, war ich aber noch ratloser. Irgendeine Macke schien jedes Gerät zu haben. Und statt den wichtigen Dingen (Einsteckbuchse für Rührstäbe aus Metall oder nicht) wurden irgendwelche komischen Kategorien entwickelt und verglichen. Für Menschen, die unbedingt ein 5 Dezibel leiseres Gerät brauchen. Am Ende gab es nichts, was mich überzeugen konnte.
Es kam damals nie zum Kauf eines Handrührgeräts, stattdessen bekam ich das alte meiner Mutter, die schon ein neues besseres (im Angebot!) gekauft hatte, aber noch darauf wartete, dass dessen Vorgängermodell den Geist aufgibt.

Jetzt weiß ich, dass sie darauf noch drei weitere Jahre hätte warten müssen. Insgesamt hat der Mixer damit keine zehn Jahre überlebt und auch wenn er wöchentlich ran musste, finde ich das echt wenig.

Es hat mich jetzt drei Jahre später wieder nachdenklich werden lassen, dass scheinbar laut Bewertungen alle Geräte ein Problem haben: Der Motor ist zu  schwach, läuft so unrund, dass man ihn mit einem Massagegerät verwechseln könnte oder glüht nach drei Minuten Dauerkneten fast. Die Rührbesen bestehen aus schnell brechendem Plastikstielen, Kabel wären zu kurz, tolles Design in 4 Farben aber mit unfassbar (höhö) unhandlichem Griff, zu kurze Knethaken, zu dünne Knethaken, die gleich verbiegen... die Liste der Beschwerden ist gefühlt endlos.

Ja meine Güte, ich möchte doch nur einen Handrührgerät kaufen!!! Und das ganze hat mich schon so sehr in den entnervten Wahnsinn getrieben, dass ich nun am Ende drüber blogge, um nicht mit einem Handrührgerät (extra langes Kabel, extra viel Watt und scharfe Rührhaken) Amok zu laufen. Grrrr!

Der Überfluss lähmt mich. Manchmal wäre es für mich einfacher, eine Wahl zu treffen, wenn man weniger Möglichkeiten hätte. Es würde wirklich helfen, schlicht keine minderwertige Billigware zu produzieren sondern nur vernünftige Produkte. Dann hat man auch langfristig etwas von denen. Aber nein, immer wieder kurzlebigen Plunder verticken bringt wahrscheinlich mehr Gewinne. Die Welt ist manchmal ein absurder Ort.

Sonntag, 3. März 2019

Minimalismus zum Vorteilspreis

Minimalismus und Nachhaltigkeit sind gerade ziemlich sicher dabei, sich zu Trends zu entwickeln. Gut so! Wenn wir und zukünftige Generationen noch länger auf diesem Planeten lebenswürdige Bedingungen haben wollen, müssen wir definitiv unser Konsumverhalten ändern. Weniger Konsum, weniger Müll, weniger Plastik und weniger Tierprodukte statt dem ewigen Aber das haben wir doch schon immer so gemacht!

Auch in der Werbung ist das inzwischen angekommen, dass die Masche mit der Nachhaltigkeit zieht. Ganz schön absurd eigentlich, unter dem Banner des Umweltschutzes überhaupt in Massen neues Zeug verkaufen zu wollen.
Ab und zu braucht man aber auch einfach gewisse Dinge, da Gebrauchsgegenstände sich nun mal abnutzen und kaputt gehen.

So war ich heute unterwegs, um mir eine neue schwarze Hose zu kaufen. Gesagt getan. Da man um Hosen in Langgröße zu finden nicht unendlich Auswahl hat, geht der Hosenkauf bei mir erstaunlich schnell. Wenigstens ein Vorteil, wenn man immer wieder im gleichen größeren Kaufhaus dafür landet. Beim Bezahlen wurde ich darauf angesprochen, dass man ab einem bestimmten Warenwert Gutscheine fürs hauseigene Restaurant bekäme. Obwohl das Mittagessen zu Hause eigentlich schon geplant war, war ich nicht abgeneigt. Neue Speisen entdecken ist immerhin mein inoffizielles Hobby. Gleich mal schauen, was die so an veganen und wenn das nicht vorhanden ist, vegetarischen Gerichten anbieten - kann man ja mal ausprobieren, wenn man dafür 20€ Budget "geschenkt" bekommt.

Viel weiter kam das Ganze nicht. Mein mich begleitender Freund verneinte direkt die Frage, ob wir den Gutschein haben wollen würden. Oh - Okay?

Nachdem ich ein bisschen perplex von der Kasse weg gestolpert war, fragte ich ihn, weshalb er denn bitte die 20€ Freifahrtsschein zum Ausprobieren des Kundenrestaurants abgelehnt habe.
Ganz einfach: er fand es völlig unnötig. Unser Mittag war geplant, etwas so gesundes wie einen Haufen selbst zubereitetes Gemüse mit knusprigem Räuchertofu würden wir sehr wahrscheinlich eh nicht finden, dafür aber unsinnig Kalorien aufnehmen und vielleicht am Ende doch noch etwas zusätzlich bezahlen müssen. Durch das längere Verweilen im Kaufhaus würde man dann doch noch mal an den Auslagen vorbei gehen oder vielleicht sogar noch etwas kaufen, das man gar nicht braucht. Ganz abgesehen von der Zeit, die man dort verbringt.

Manchmal wünsche ich mir, genauso rational sein zu können. Nur weil ich etwas geschenkt bekommen kann, heißt es nicht, dass ich es brauche und es mein Leben besser machen wird. Mit etwas Abstand bin ich ganz froh, nicht den Gutschein eingelöst zu haben. Trotzdem sind diese Angebote, durch Konsum "Sparen" zu können, auf den ersten Blick immer wieder verlockend für mich. Ich kaufe deshalb zwar nicht einfach irgendwas, doch wenn ich eh schon auf der Suche nach Produkt X bin und etwas ohne Aufpreis dazu bekommen kann, habe ich bisher nicht nein abgelehnt, sondern mich viel mehr darüber gefreut.

Und am Ende ist es dann meist irgendein nutzloser Werbekram niedriger Qualität gewesen, der direkt im Müll landet oder ewig herum liegt. Oder eine Probe von etwas, das ich niemals benutzen würde (Stichwort Schlüsselbänder, noch mehr Kugelschreiber, Selbstbräunungstücher oder Nussöl mit LSF 6), Damit schaffe ich Nachfrage nach Schrott, für den sinnlos Ressourcen verschwendet werden. Ungefragte Gratisbeigaben und willkürlich beigelegte Pröbchen, bei denen man nicht steuern kann, was man bekommt, sind nicht mehr zeitgemäß. Damit das mal bei den Konzernen ankommt, werde ich in Zukunft dazu Nein sagen.

Mittwoch, 16. Januar 2019

Langfristige Planung für die nächste Woche

Frohes Neues zusammen!
Jetzt, wo euch diese Phrase schon locker eine Woche keiner mehr an den Kopf geworfen hat, kann man sie ja noch mal kurz ausgraben.

Jetzt ist die Phase, in der viele Menschen ihre guten Vorsätze eifrig verfolgen oder bereits aufgegeben haben. Jetzt ist der Zeitraum, in dem viele ihr Jahr planen.
Und bei mir? So wirkliche Vorsätze habe ich nicht. Rauchen und Alkohol waren noch nie mein Ding, gesund ernähren tue ich mich seit Jahren und Sport mache ich auch regelmäßig. Mehr lesen, Freunde treffen, wieder Spanisch üben, weniger Zeit auf Instagram verschwenden und ab und zu ungenutzten Kram aussortieren - das sind meine gefühlt permanenten Ziele seit locker drei Jahren. Aber langfristige und konkrete Planung fällt mir schwer.

Ich habe das Gefühl, dass mir das Bildungssystem, in dem ich mich bewegt habe, seit meiner Einschulung vor fast 20 Jahren, immer einen konkreten Plan vorgegeben hat. Man wusste, was in Schule und Studium auf dem Lehrplan steht, wann Ferien sind und konnte darum sein Leben planen. Nun bin ich fertig mit dem Studium und meine erste Vollzeitstelle erwartet mich. Das plant in gewisser Weise auch meine Wochen, doch insgesamt bin ich plötzlich sehr frei in meinen Entscheidungen.

Die Möglichkeit, sein Leben komplett umkrempeln zu können, lähmt mich. Ich könnte auswandern, ein neues Studium beginnen (bloß nicht!), mich mit irgendwas anderem als der Medizin beschäftigen und als Strickdesigner/Strickkursleiter/Wollguru versuchen, selbstständig zu machen. Oder wie wäre es mit einem Leben als Reiseblogger? Da hätte ich schon die letzten Jahre mehr Themen gehabt, als ich hier tatsächlich Beiträge gepostet habe. Kochkurse könnte ich auch locker geben, aber was wird aus meinem Hobby, wenn ich es zum Beruf mache?
Ich könnte meinen Freund heiraten, weil ich weiß, dass ich mich in einer Beziehung nicht aufgehobener und glücklicher fühlen könnte, als mit ihm oder aber angesichts der Option, sich festzulegen, Panik bekommen und Tinder durch spielen.

Während mir all diese Gedanken durch den Kopf gehen, überlege ich, wie andere Menschen damit klar kommen, so viele Optionen zu haben. Wahrscheinlich sind vielen diese auch zu risikoreich und unbequem und deshalb ändern sie nichts. Aber kann ich in zehn Jahren glücklich sein, wenn ich so weiter lebe, wie ich mein Leben bisher geführt habe? Wahrscheinlich schon. Könnte ich anders glücklicher sein? Man weiß es nicht.

Die Vorstellung, einen Plan über die nächsten fünf Jahre zu haben, gefällt mir. Damit könnte man sicherstellen, seine Ziele auch wirklich erreichen. Aber was sind meine Ziele und welche flüstert mir die Gesellschaft nur kontinuierlich ein? Will ich das klassische Heirat - Haus - Kind oder vielleicht doch was ganz anderes?
Bis jetzt bin ich so gut in langfristiger Planung, dass ich am 01. Januar eine Rundreise auf die Kanaren zusammengestellt habe und eine Woche später los geflogen bin. Hat alles prima funktioniert und war wunderschön. Allerdings wird das nicht bei allen Dingen im Leben so laufen können. Ich habe keine Lust, so vor mich hin zu leben und zu hoffen, dass alles klappt und gleichzeitig, habe ich Probleme, mich auf konkrete Pläne festzulegen. Und wie soll das überhaupt klappen, wenn das Leben doch so oft unerwartet neue Optionen bietet? Die kann man doch nicht per se ignorieren, nur weil sie in einem vor drei Jahren erstellten Plan nicht berücksichtigt waren. Alles nicht so einfach.

Wie macht ihr das für euch? Alles durchgeplant oder entscheidet ihr recht kurzfristig, wie es weiter geht? Die Antworten muss man sich wohl am Ende selbst geben, doch ich bin neugierig, zu hören, wie andere es handhaben.

Montag, 31. Dezember 2018

Zeit für den Rückblick auf 2018

Huch, ist es denn wirklich wieder so weit? Ein paar Stunden noch und wir purzeln mit einer Menge Lärm und Feinstaub in das Jahr 2019. Werde ich alt oder vergeht die Zeit jetzt doch wirklich schneller?

Ich habe schon von einigen Leuten gehört, dass dieses Jahr furchtbar war, doch egal, wie oft ich darüber nachgedacht habe, bleibt es dabei: Das Jahr war sehr gut zu mir.

Viel Zeit habe ich im Krankenhaus verbracht, allerdings nicht im Bett sondern auf den eigenen Füßen. Das Praktische Jahr des Medizinstudiums bedeutet viel Rennerei. Man ist Lückenfüller, ein Mädchen für alles. Dadurch habe ich viel über zwischenmenschliche Kommunikation gelernt, natürlich fachliches, wie man emotional unterstützt ohne zu aufdringlich zu sein. Plötzlich ist man an so vielen Stellen gefordert.
Mir hat es Spaß gemacht, so richtig wie ein Mensch mit fertiger Berufsausbildung im Team zu arbeiten statt nur Vorlesungen, Seminare und ab und zu Praktika zu haben. Ich habe so viel gelernt und gemerkt, dass ich noch so so viel mehr zu lernen habe. Manchmal frustriert das, manchmal spornt das an. Aber lieber für immer neue Dinge lernen als ewige Ödnis im Beruf.

Zwischen dem Tertial in meinem Wahlfach Dermatologie und dem chirurgischen Tertial, konnte ich noch durch Italien reisen. Ich habe Venedig im Schnee gesehen, mich in das gemütliche Städtchen Bergamo verliebt, Käse in Parma gespeist, Grippe in Mailand gehabt und anschließend meinen Freund damit angesteckt.

Während meinen vier Monaten in der Chirurgie war ich außerhalb Berlins. Zum ersten Mal über längere Zeit getrennt von meinem Freund seitdem wir zusammen sind. Man kann die Paare, die ständig aufeinander hocken ja leicht belächeln, doch ich habe erst dieses Jahr bemerkt, wie wichtig mir dieser Mensch ist und wie viel glücklicher wir beide zusammen sind. Es war eine kleine Belastungsprobe, die zum Glück nie kritisch war. Umso erleichterter war ich, als ich wieder dauerhaft zurück in der gemeinsamen Wohnung war. Und das auch, weil ich schnell bemerkt habe, dass so ein Studentenwohnheim sehr spartanisch und lange nicht so gemütlich ist wie eine richtige Wohnung. Trotzdem bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung, die Spieleabende mit anderen Wohnheimsstudenten und eine neue Freundschaft.

Zurück in Berlin ging es dann gefühlt im Zeitraffer einige Monate in die Innere Medizin und schon stand das mündliche Staatsexamen kurz bevor. Das hat mich extrem unter Druck gesetzt. Mündliche Prüfungen mochte ich noch nie und jetzt, wo diese Prüfung nun über den Abschluss meines Studiums entscheiden sollte, war es auch nicht entspannender. Wochenlange Lernsessions, stundenlange Treffen mit anderen Prüflingen, um Fragen durchzusprechen und dazwischen nur ein bisschen Schlaf, Essen und Sport haben mich ganz schön geschlaucht.
Als ich die zwei Tage der Prüfung dann hinter mir hatte, konnte ich es kaum fassen. Wow, plötzlich ein abgeschlossenes Studium zu haben ist ein irres Gefühl… und stürzte mich gleich in die nächste Panikattacke.

Denn jetzt, wo das universitäre System mich ausgespuckt hatte, war die Zukunft für mich komplett unklar. Ich habe mich als Assistenzärztin beworben und musste feststellen, dass zwar Ärzte gesucht werden, Berufsanfänger jedoch nicht.
Nach kurzer Verzweiflung hatte ich riesiges Glück und habe eine Stelle in einer Praxis bekommen. Das wirkt noch immer ganz surreal für mich. Bis zum Arbeitsbeginn im Februar 2019 habe ich ein entspanntes Leben mit Zeit für all die Dinge, die ich mir vornehme.

In diesem Jahr habe ich mich mehr mit Ernährung auseinander gesetzt. Schon lange war mir bewusst, dass es völlig unökonomisch ist, Fleisch zu essen, was den Verbrauch von Ressourcen und die dadurch resultierende Verschmutzung von Grundwasser, Treibhausgasproduktion aber auch das Leid der Tiere angeht. Dennoch habe ich das aus Egoismus und Faulheit - schmeckt ja und ist leicht verfügbar - ignoriert. Doch so ist ja auch keinem geholfen. Zuhause habe ich lange schon ausschließlich vegetarisch gekocht, doch auswärts war ich da weniger konsequent.
Nun habe ich zum Ärger meiner Familie mein erstes fleischloses Weihnachtsfest mit Weihnachtsbraten gefeiert und war ganz beeindruckt, wie sehr andere Leute sich darüber aufregen können, dass man nun ein Ernährungsextremist ist und nicht mal zum Fest der Liebe den toten Vogel essen möchte. Ganz egal, ob man nun allen ein leckeres veganes Curry gekocht hat und seine Extrawürste selbst beschafft und zubereitet statt eine zusätzliche Last zu sein. Es ist schön, sowas dann nicht allein aushalten zu müssen, sondern die Eindrücke mit dem Partner teilen zu können.

Gesundheitlich hatte ich abgesehen von einer Grippe und Lebensmittelvergiftung (Reisnudeln mit Bacillus cereus, mein heißer Tipp) ein tolles Jahr. Zum siebenten Mal bin ich beim Halbmarathon geskatet, habe Unisportkurse besucht und auch selbst im winzigen Wohnheimzimmer immer Sport gemacht. Mit dem Unterarmstand ist es dennoch auch dieses Mal nichts geworden - man hätte ihn häufiger üben müssen.

Ich konnte reisen, den Sommer genießen, war auf einer Hochzeit, Konzerten, habe viel gestrickt und hatte ein echt gutes Jahr. Nur mit dem Bloggen lief es nicht so rund. Da ich das Gefühl hatte, eh kaum Reaktionen auf meine Beiträge zu erhalten, habe ich mein Mitteilungsbedürfnis eher auf Twitter und Instagram ausgelassen. So haucht man der Bloggerszene aber auch kein Leben ein.

Insgesamt bin ich mit meinem momentanen Leben sehr zufrieden und ganz aufgeregt-neugierig, was das "richtige" Arbeitsleben außer finanzieller Unabhängigkeit (endlich!!!) so mit sich bringen wird.
Ein gutes Jahr klingt für mich heute aus und ich hoffe, dass das nächste auch so gut gelingt.

Macht es gut und rutscht gesund rein!

Mittwoch, 3. Oktober 2018

Die Leiden der digital Dauerbespaßten

Das Internet ist eine großartige Erfindung. Ständig alle Informationen verfügbar, ständig alle Leute kontaktierbar oder zumindest die Möglichkeit, ihnen eine Nachricht zu hinterlassen. Langeweile gibt es damit nicht mehr, da es auch mobil verfügbar ist. Man könnte eigentlich immer produktiv und kreativ sein, Texte verfassen, Bilder machen, bearbeiten, veröffentlichen, Musik kreieren, Menschen an seinen Fähigkeiten teilhaben lassen… die Optionen erscheinen endlos. Und doch fühle ich mich von all dem Angebot oft mehr erschlagen als befreit.

Wenn man eine gewisse Zahl an Abonnements in den Sozialen Netzwerken hat, hängt man mit einer täglich durch das ganz normale Leben eingeschränkten Konsumzeit neuer Texte und Videos gefühlt immer hinterher. Das stresst mich offen gesagt mehr, als es mich inspiriert oder mir etwas beibringt. Irgendwann habe ich angefangen, nebenbei beim Kochen, Aufräumen, Putzen, Geschenke einpacken und zu welchen Gelegenheiten es sich sonst noch anbietet, Youtube Videos laufen zu lassen. Anders kommt man bei all den spannenden Kanälen einfach nicht hinterher. Dadurch, dass immer etwas im Hintergrund dudelt, bin ich subjektiv langsamer bei dem, was ich mit meinen Händen eigentlich tue. Durch die geteilte Aufmerksamkeit bekomme ich von beiden Aktivitäten nur die Hälfte mit und fühle mich unzufriedener und gestresst. Rein akustische Unterhaltung wie Radio oder Podcasts geben mir dieses Gefühl nicht.
Und obwohl ich all das weiß, scheine ich es zu ignorieren. Zu groß ist die Angst, etwas zu verpassen aber auch, einfach Zeit ungenutzt zu lassen. Bloß kein Moment der Langeweile in diesem so kurzen Leben!
Das war doch nicht immer so. Ist die Zeit der Leere nicht auch eine gute Gelegenheit gewesen, die Gedanken schweifen zu lassen, zu planen, Ideen zu entwickeln und zu träumen? Darauf möchte ich nicht verzichten.

Jedes mal, wenn ich etwas schaffe - seien es Texte auf dem Blog, ein beendetes Strickprojekt, eine versendete Bewerbung, eine aussortierte Schublade oder zehn Gläser eingekochte Birnen - erfüllt mich das mit großer Zufriedenheit. Es fühlt sich verdammt gut an, produktiv zu sein. Immer nur die Gedanken und Werke anderer zu konsumieren, hört irgendwann auf, inspirierend zu sein und laugt mich nur noch aus.
Wir sollten uns nicht der Versuchung hingeben, das Gehirn ganz bequem auszuschalten und die Aufmerksamkeitsspanne kürzer als die eines Goldfisches werden zu lassen und stupide Informationen auf uns einprasseln zu lassen, um davon locker die Hälfte direkt zu vergessen. Zwar wird uns das von allen Seiten offeriert, doch es tut uns in der Menge nicht gut.

Also hören wir besser öfter auf die Weisheit, die meiner Generation eigentlich schon in der Kindheit im Fernsehen vermittelt wurde: Abschalten.