Post: Mein Leben mit Low Carb - schon 5kg weniger!
Tweet: "Yay, seitdem ich jetzt 6 mal die Woche drei Stunden Sport mache, bin ich ein viel glücklicherer Mensch! Solltet ihr auch versuchen!"
Instagram:" Cupcakes sind nur zur Deko und zum posten da, essen tun wir eh nur Zucchini und magere Pute"
Und dann natürlich die stolzen vorher-nachher Berichte:
Ohhhhh mein Gott, sah ich früher dick aus !!! *Bild einer normalgewichtigen Frau*
Ein wenig geht es mir doch inzwischen auf die Nerven und das, obwohl ich an dem Thema Fitness selbst interessiert bin. Aber irgendwann ist es doch genug. Plötzlich taucht an allen Ecken der Einführungspost auf, dass man jetzt etwas auf seine Ernährung achten/ abnehmen/ gesünder leben will. Inspirationspost voller Bilder von beeindruckend athletischen Menschen folgen, dann kommen Sportstatistiken, Ernährungspläne…
Plötzlich entdecken alle Sport für sich neu und den Fitnessguru in sich - mal sehen, wie lange das nach der Bikinisaison noch überlebt.
Dass die Masse anfängt, mehr auf seine Gesundheit zu achten, sehe ich positiv. Aber muss man das so exzessiv teilen? Also einmal zusammenfassend darüber berichten - klar. Wer braucht aber die jede Woche exakten Speiseplanaufschlüsselungen, die drei Millionen Bilder in Sportkleidung vorm Spiegel? Na gut, wenn man das nicht will, liest man es nicht. Man muss ja nicht alle Sportblogs abonnieren. Und dann werden die ganzen anderen Blogs von dem Thema infiltriert - aaaaaaah!
Es bringt mich offen gesagt durcheinander. Tipps hier, Tipps da, mach dies anders, mach das.
Und es deprimiert. Ehrlich. Ich bin nicht fett oder unsportlich und trotzdem: wenn man permanent von allen Seiten damit zugedröhnt wird, wie sehr alle doch gerade der Fitness huldigen und ihre Körper auf Idealmaße trimmen, fühlt man sich doch schon etwas faul und unwohl daneben.
Und das, obwohl ich Blogilates mindestens vor euch allen zusammen entdeckt habe!
Natürlich ist das nicht ganz ernst gemeint. Seit etwas über zwei Jahren kenne ich ihren YouTube Channel nachdem ich zufällig darauf stieß als ich mich in seltsamen Ecken YouTubes herum trieb und mache die Übungen regelmäßig. Schließlich möchte man ja halbwegs fit in die Zombieapokalypse starten und nicht gleich als erster gefressen werden, weil man nach 200m Laufen völlig erledigt ist.
Zurück zu Blogilates.
Plötzlich wird sie überall verlinkt, überall gelobt. Jeder hat sie plötzlich neu entdeckt - na ja, davon abgesehen, dass ich sie ja schon viiiiiiieeeeel früher kannte aber lassen wir das.
Ich hätte nie gedacht, dass es mich so stört, dass etwas, was ich schon lange kenne, plötzlich populär wird. Bin wohl auch einer von diesen engstirnigen Menschen, die das nicht aushalten können, wenn ihre geheimen Favoriten nicht mehr geheim sind. Oder es stört mich, dass sie Teil dieses übertriebenene Hypes um die eigene Fitness geworden ist.
Aber mal weg von meinen persönlichen Wehwehchen: ich mag es überhaupt nicht, dass Übergewicht in der Gesellschaft so stigmatisiert wird. Iiih, eklig, der ist fett; faule Sau… mir fällt spontan nicht viel mehr an Beleidigungen ein, was aber auch daran liegt, dass ich mir nicht viel mehr einfallen lassen will.
Ich finde es grässlich, wenn Menschen so mit anderen umgehen und noch einmal schön Salz in die Wunde reiben obwohl ihnen klar ist, dass die Betroffenen darunter leiden, sich schämen. Allein die Vorstellung, wie ein übergewichtiger bis adipöser Mensch im Café einen großen Eisbecher mit ordentlich Sahne verputzt und daneben ein schlanker Mensch das selbe tut. Wer bekommt die vorwurfsvoll-abwertenden Blicke? Genau, die übergewichtige Person, die sich erdreistet trotz ihrer Statur nicht ausschließlich Möhrchen und Sellerie zu knabbern.
Ja und, vielleicht ist sie dabei abzunehmen und das ist ihre kleine Sünde, ihre Belohnung für die Woche? Man weiß es nicht aber urteilt zu schnell.
Generell gelten dicke Personen als unattraktiver, oder? Nicht dem verbreiteten Ideal entsprechend. Und das, was als Plus Size gehandelt wird, ist ein Witz. Das ist einfach für normale Menschen statt Models (aka "hilfst du mir beim Knochen auswendig lernen?") gemacht. Ich meine ein dick, das mehr als das Plus Size im Sinne von Kleidergröße L ist.
Man sollte "dick" nicht als hässlich abstempeln. Es ist vielleicht ungesünder mit Übergewicht zu leben aber das gleich als nicht attraktiv abzustempeln, finde ich doch etwas zu hart. Wer sagt, dass alle ab einem BMI von x nicht mehr attraktiv sind? Natürlich kann man an der Stelle auch mit der biologischen Fitness argumentieren. Der adipöse Höhlenmensch kann einen nicht mehr so gut vorm Säbelzahntiger beschützen und Mammuts erlegen. Und genau diese Fähigkeit, die Nachkommen zu beschützen ist attraktiv. Ja gut, so weit recht logisch aber nicht mehr ganz zeitgemäß.
Ich muss diesen Menschen nicht gleich jegliches Selbstwertgefühl nehmen. Oft genug sieht man es, wie bei 35° während alle mit Röckchen und Top herum laufen, etwas beleibtere Menschen sich in langer Hose und weitem Shirt abschwitzen, nur um nicht zeigen zu müssen, dass sie nicht dem Ideal entsprechen.
Meine Güte, wir sind alle Menschen und wir sind einfach verschieden. Ich akzeptiere die Diversität der Menschheit. Wir sind nicht alle ideal also sollten wir auch aufhören, andere schief anzusehen oder gar abwertend zu kommentieren - sei es auch nur hinter dem Rücken der betroffenen - und mehr Verständnis und Toleranz zeigen. Weil man nie weiß, was dahinter steckt. Und egal was dahinter steckt muss man auch nicht weiter denjenigen demoralisieren.
So, fertig gemotzt. Auf das Thema gebracht hat mich übrigens neben dem Fitnesswahn im Netz ein Musikvideo, in dem ich es wunderbar erfrischend fand, wie ein doch recht beleibter Mann völlig ungezwungen oberkörperfrei auf dem Bürgersteig tanzt. Er macht, was er gerne tun würde, ohne sich dabei von seinem Äußeren davon abhalten zu lassen. Und das finde ich wunderbar. Ich wünsche mehr Menschen diesen Mut zu sich zu stehen. Wir müssen nicht alle Makel verdecken, um der Gesellschaft vorzutäuschen, wir wären perfekt. Das verdirbt bloß die Erwartungshaltung der Allgemeinheit.
Und nein, ich erwarte jetzt nicht, dass alle mit kleinem Fettpolster oberkörperfrei auf der Straße tanzen. Aber ich hoffe, dass sie den Mut finden, zu sich zu stehen und das Leben zu genießen, wie sie möchten. Dadurch entsteht vielleicht auch schnell die Kraft, etwas zu verändern
Jetzt kann ich euch das Video natürlich nicht vorenthalten. Nichts für zu sehr mediengeprägte Gemüter, die perfekte Körper wie in Hollywood erwarten…
Schockiert? Ich glaube das war auch die Idee hinter dem Video, einfach mal ein wenig zu provozieren. Das ist definitiv gelungen.
Wie steht ihr zum Fitnesswahn und wie geht ihr mit dem Thema Übergewicht um?
Apfelkern