Freitag, 17. Februar 2017

Aus dem Nähkästchen: über das "lustige" Studentenleben

Im Leben gibt es viele Prüfungen, davon sind die wenigsten offiziell so benannt sondern einfach die täglichen Herausforderungen. Manchmal gibt es aber doch diese offiziellen Prüfungen, für die man sich vorbereiten und dann unter großer Aufregung sein Wissen unter Beweis stellen muss. Besonders als Student erlebt man diese Situation regelmäßig.

Vorgestern habe ich meine letzten vier Klausuren für dieses Semester geschrieben und danach direkt gespürt, was für eine Last von mir gefallen ist. Es ist immer wieder schwer zu glauben, wie sehr einen dieser Leistungsdruck belasten kann.
Anfang des Semesters bin ich noch recht entspannt. Ich bereite mich zwar immer brav auf die Veranstaltungen vor und weiß immer, worum es grob gehen wird und bringe im Anschluss meine Notizen davon in eine Form, mit der ich später lernen kann, habe aber noch immer Freizeit. Je näher die Prüfungen kommen, desto weniger wird diese Freizeit.
Man geht morgens in die Uni, kommt am Nachmittag zurück nach Hause und sortiert noch schön seine Aufzeichnungen. Dann hat man sein Tagespensum an aktuellem Stoff geschafft - was aber leider auch nur bedeutet, dass man sich nun ans Lernen machen kann. Und zwar eigentlich open end bis man ins Bett geht, da man ja keine Kinder hat, um die man sich kümmern muss oder irgendetwas, das rechtfertigt, das Lernen zu unterbrechen.

Na klar wird Essen gekocht oder eine halbstündige Sporteinheit eingeschoben, weil das wichtig für Körper und Gesundheit ist, doch am Ende drängt das schlechte Gewissen immer zurück an den Schreibtisch. Und wenn man sich mal erlaubt, eine Folge einer Serie zu schauen, dann piekst das schuldige Pflichtbewusstsein einem immer wieder in den Bauch. 

"Ey du, du bist doch Vollzeitstudent! Nimm mal dein Studium ernst und setz dich an den Schreibtisch. Alles andere ist gerade viel weniger relevant und das weißt du auch. Also hör endlich auf Spaß zu haben und sei nützlich!"

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen überzogen, aber unterm Strich fühlt es sich genau so an.
Sagten nicht alle immer, die Studienzeit wäre die beste Zeit unseres Lebens, weil wir so energiegeladen, jung und ungebunden wären?
All das stimmt auch, nur irgendwie wurde mir immer verheimlicht, dass so ein Studium verdammt anstrengend ist. Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich zwei Vollzeitjobs: den, bei dem ich in der Uni präsent und aktiv sein muss und dann noch in den Stunden danach am Schreibtisch. 
Kein Wunder, dass die Semesterferien so lang sind: irgendwie muss man ja die gefühlte Belastung von zwei Vollzeitjobs während des Semesters kompensieren. Zum Glück gibt es die ganzen unbezahlten Pflichtpraktika, damit man ja nie vergisst, es wertzuschätzen, wenn man wirklich mal frei hat.

Natürlich hat es auch viele gute Seiten, Student zu sein. Unschlagbare Vergünstigungen (für zehn Euro in die Philharmonie und auf wirklich guten Plätzen Dirigenten von Weltruhm beobachten), preiswerte Unisportkurse mit riesigem Angebot, recht frei einteilbare Zeit, keine Verpflichtungen konkreter Arbeitsstunden pro Woche wie in einem regulären Job. Der große Haken ist, dass man selbst für sich und seinen Erfolg verantwortlich ist. Niemand sagt dir, dass du lernen musst, am Ende des Tages erwarten aber alle, dass du es getan hast. Und wenn nicht hast du ein Problem.

Wenn es darum geht, vernünftig zu sein und sich selbst zu disziplinieren, bin ich ganz vorn mit dabei. Nach neun Semestern Medizinstudium bin ich es aber inzwischen sehr müde, nur in den Semesterferien ein wenig Freizeit ohne schlechtes Gewissen zu haben.
Wie machen das die anderen? Sind die einfach klüger, sodass sie das alles mit links schaffen? Ist es ihnen egal, mit welcher Note sie durch die Prüfungen rutschen und sie spielen vier gewinnt? Wahrscheinlich verschweigen sie auch einfach, welch einen Stress einem das Studium aufbürdet und leiden genauso wie ich.

Das schriftliche Staatsexamen steht bei mir in nicht zu ferner Zukunft an und mir graut bei dem Gedanken daran vor den Stunden des Lernens, der Isolation am Schreibtisch mit einem Berg von Büchern und all den Erlebnissen und Unternehmungen, die ich mir aus Vernunft verkneifen müssen werde.
Das sind so Momente, in denen ich mir wünsche, einfach irgendeine Ausbildung gemacht zu haben. Dann wäre ich längst fertig und hätte mehr Leben vom Leben. Ich würde abends nach Hause kommen und hätte einfach mal frei. Verrückte Vorstellung!
Andererseits muss ich sagen, dass mir die ärztlichen Tätigkeiten unglaublich viel Spaß machen. Mit Patienten zu kommunizieren, Körper zu untersuchen und nach der richtigen Diagnose zu fanden macht einfach Bock. Jemandem helfen zu können ist dazu eins der besten Gefühle, die ich mir vorstellen kann. Kurz: ich bereue es nicht, mich für ein Medizinstudium entschieden zu haben. Ich wünsche mir nur manchmal, dass es schon abgeschlossen wäre und der ganzen Stress hinter mir läge. Denn auch wenn das Berufsleben sicher anstrengend ist: nach Hause zu kommen und wirklich frei zu haben und ohne schlechtes Gewissen selbst seine Freizeit einzuteilen, muss unfassbar gut sein.

Wie geht es den Studenten unter euch: fühlt ihr euch auch so sehr unter Druck gesetzt?

Samstag, 31. Dezember 2016

Der traditionelle Jahresrückblick; 2016er Jahrgang

Noch ein bisschen mehr als 24 Stunden bleiben diesem Jahr 2016 und dann wird es von einem neuen abgelöst. Verrückt, dass ich nun hier sitze und schon wieder einen Jahresrückblick tippe. Die scheinen nur so an mir vorbei zu fliegen, diese Jahre.
Die allgemeine Meinung ist ganz klar, dass 2016 ein beschissenes Jahr war. Europa zerrüttet, Brexit, Flüchtlinge, Anschläge, Donald Trump und auch noch gefühlt die Hälfte der liebsten Prominenten gestorben. Für mich persönlich allerdings war es trotz all dem ein wirklich tolles Jahr. Wenn ich so durch meine Instagrambilder der letzten zwölf Monate scrolle, sehe ich ganz klar, wie viele wirklich glückliche Momente ich hatte und dort geteilt habe.

2016 zum ersten Mal getan?
Zuerst fällt mir da ein, dass ich es zum ersten Mal mit Onlinedating versucht habe. Eine gute Entscheidung; danke für den Schubs in diese Richtung, Karo!

In diesem Jahr bin ich von meinen Eltern in eine WG gezogen und damit so glücklich und inzwischen so daran gewöhnt, dass ich mir wirklich Mühe geben musste, mich jetzt an diesen Punkt zu erinnern.
Ganz unerwartet bin ich zu einem Studentenjob gekommen, in dem ich Dinge lerne und meistens Spaß habe und damit offiziell behaupten kann, dass mein erster Job mir gefällt.
Ein weiterer Erfolg war es, das erste mal komplett frei im Kopfstand zu stehen ohne wild umher zu wackeln, sondern mich dabei wirklich stabil zu fühlen. So ein verrücktes Gefühl, wenn das, was man so lange geübt hat, plötzlich einfach wie auf magische Weise klappt.

2016 nach langer Zeit wieder getan?
Nach drei Jahren Abstinenz war ich wieder einmal auf einem Barcamp unterwegs. Es war sehr inspirierend zu sehen, zu welchen Themen Menschen spontan referieren können. Leidenschaft für etwas zu haben, macht Menschen unfassbar interessant.

2016 leider gar nicht getan?
Trotz des ganzen Reisens bin ich wieder ein Jahr mehr nicht im Meer schwimmen gewesen. Na ja, zumindest nicht mit dem ganzen Körper. Wenigstens meine Finger habe ich im Ärmelkanal, der Ostsee und dem Atlantik kurz gebadet.
Ansonsten war es auch wieder ein Jahr, in dem ich nicht am Halbmarathon teilgenommen habe, doch im kommenden Jahr werde ich wieder die 21 Kilometer skaten. Angemeldet bin ich jedenfalls schon.

Worte des Jahres?
Auszug, Minimalismus, Reisen, Datingapp

Zugenommen oder abgenommen?
So minimalistisch wie ich bin, habe ich einfach keine Waage. Problem gelöst. Aber von der Passform der Kleidung her würde ich sagen: gleich geblieben. Sport ist schon was tolles.

Städte des Jahres?
Berlin und London

Alkoholexzesse?
So langsam glaube ich ja, dass das in diesem Leben mit mir und dem exzessiven Alkoholkonsum einfach nichts mehr wird. Und das stört mich auch nicht wirklich, denn ich finde betrunkene Menschen meistens sehr unangenehm und finde auch nicht, dass Kontrollverlust ein erstrebenswerter Zustand wäre. Leitungswasser und Tee ftw!

Haare länger oder kürzer?
Weder noch, doch ich habe zum ersten Mal Spiralzopfgummis ausprobiert und seitdem doch tatsächlich seit Jahren mal wieder Zopf getragen statt immer nur mit der Spange hochgestecktes Haar. Gar nicht so doof diese Telefonkabelhaarbänder.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Wenn man nicht mehr bei den Eltern wohnt und reist, gibt man einfach automatisch mehr aus. Da man aber auch steigende Einkünfte dank Studentenjob hat, geht das voll klar. Der Lauf des Lebens.

Krankenhausbesuche?
Nein. Allerdings war ich zum ersten mal ambulant beim Orthopäden, nachdem ich beim Abgang aus dem Handstand gegen die Tür mit dem Zeh eine Kommode gerammt hatte, da jemand unerwartet die Tür geöffnet hat. Das war aber eine große Enttäuschung. Geröntgt, Entwarnung, dass nix gebrochen sei, keine Diagnose, keine Therapievorschläge sondern nur Fragen, wie denn heute so das Medizinstudium wäre. Orthopäden ey.

Verliebt?
Oh ja! Ich kann hier gar nicht ausdrücken, wie glücklich ich bin und wie fasziniert, dass es einfach so gut funktioniert und wir so viel miteinander unternehmen, voneinander lernen und den anderen motivieren, über sich hinaus zu wachsen. Auf dass ich in einem Jahr nur noch mehr positive Dinge darüber berichten kann.

Most called person?
Mein Telefon sagt: meine Eltern. Allein schon, weil die auf schriftliche Nachrichten erst nach Tagen reagieren.

Die schönste Zeit verbracht mit?
Mir selbst, meiner Familie, Freunden und dann auch mit meinem Freund. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, was für eine gute Verbindung ich zu vielen meiner Freunde habe und wie sehr wir auf einer Wellenlänge sind. Gleichzeitig gibt es aber auch einige, bei denen ich bemerke, dass ich mit ihnen nur aus Gewohnheit befreundet bin und die Beziehung niemandem viel gibt. Das beschert mir ein ungutes Gefühl, doch es fällt mir

Die meiste Zeit verbracht mit?
Mir selbst, dem Studium, Freunden und meiner Familie. Wahrscheinlich passt in die Aufzählung auch mein Laptop, da der auch fast immer mit dabei ist.

Song des Jahres?
36 Degrees von Placebo. Sowohl in der originalen als auch in der unplugged Version und live im Konzert liebe ich Text, Musik und all das, was ich inzwischen damit verbinde.


Buch des Jahres?
Jules Vernes "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" hat mich als in Island spielende Geschichte während meiner Reise dorthin sehr gut unterhalten. Genaus habe ich es in Großbritannien genossen, Sherlock Holmes zu lesen.
Ansonsten begeistert mich gerade "Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra" sehr, jedoch werde ich das Buch in diesem Jahr nicht mehr beenden können.


Serie des Jahres?
Jessica Jones, iZombie, Forever und Westworld. Ich bin einfach zu langsam, was das Ansehen von Serien angeht. Das Leben bietet halt noch so viel mehr Dinge.

Erkenntnis des Jahres?
Man muss sich nur trauen, neues auszuprobieren und schon wird das Leben viel spannender. Und man sollte sich weniger Gedanken machen, was alles peinlich sein könnte, da am Ende eh keiner darauf achtet, was genau man macht.

Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
Spontan fällt mir nichts ein. Entweder, das Jahr war wirklich gut oder ich bin dabei, das Verdrängen zu perfektionieren.
Selbst gegen die Glastür des Fahrradladens zu laufen, als ich einen Helm kaufen wollte, führte einfach nur zum direkten Hinweis, wo die Helme zu finden sind.


Schönstes Ereignis?
Die Erkenntnis, dass ich einfach relativ günstig viel reisen kann und jetzt als Student noch die Zeit dafür habe, hat dafür gesorgt, dass ich zwei mal in Großbritannien, in Island, in Sofia und in mehreren deutschen Städten war. Auch im kommenden Jahr sind schon zwei Städtetrips geplant und ich freue mich jetzt schon.
Ansonsten bin ich jedes mal einfach nur glücklich, so gute Freunde zu haben. Nicht viele, aber dafür welche, denen ich wirklich nahe stehe.
Es war sehr erleichternd, vor dem Umzug und auch danach sehr viele Dinge auszusortieren und ich bin sehr viel glücklicher, nicht mehr ganz so viel unnützes Zeug zu besitzen. Fühlt sich einfach gut an.

Hast du dich äußerlich in diesem Jahr verändert ?
Äußerlich nicht wirklich, Veränderungen sind bei mir eher innerlich.

Hast du dich innerlich verändert ?
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass man so viel mehr hat als man braucht und habe angefangen, viele vor allem alte Sachen, die ich lange schon nicht mehr benutze, auszusortieren.

Filme, die du besonders gut fandest?
Im Kino hat mir spontan Dr. Strange sehr gefallen. Aber wirklich von den Socken gerissen hat mich dann American Beauty. Ohne Erwartungen habe ich ihn gesehen und saß dann einfach nur wie hypnotisiert da. Genialer Film mit toller Botschaft und Atmosphäre.

Hast du 2016 neue Freunde gefunden?
Ja. Total faszinierend, auf wie vielen verschiedenen Wegen man Menschen begegnen und sie zum Freund gewinnen kann.

Hast du ein neues Hobby dazu gewonnen?
Zählt reisen als Hobby? Mir ist einfach klar geworden, wie großartig ich es finde, zu beschließen, irgendwohin zu fahren und es dann tatsächlich zu tun.

Hat das Bloggen dich verändert? 
Nö. Aber gestresst hat es mich auch nicht. So muss das sein.

Wie wird dein Bloggerjahr 2016? 
Ganz ehrlich: ich plane kein Bloggerjahr. Es bleibt weiterhin dabei, dass ich darüber blogge, was mich bewegt. So funktioniert es schlicht am Besten.

2016 war in zwei Worten?
Bewegt und abenteuerreich.

Bist du glücklich, dass 2016 bald vorbei ist?
Nein. Das liegt nicht daran, dass ich jetzt so sehr an diesem Jahr hänge auch wenn es für mich persönlich ein gutes war, sondern viel mehr, dass ich genau weiß, dass mich im kommenden Jahr mein schriftliches Staatsexamen erwartet und damit ein Sommer im Lernstress am Schreibtisch.

Was wünscht du dir für das neue Jahr? 
Sehr viel Selbstdisziplin für den bevorstehenden Lernmarathon und die Fähigkeit, es trotzdem ab und an zu schaffen, die schönen Seiten des Lebens zu genießen.

Vorherrschendes Gefühl für 2017?
Zuerst gehen die Gedanken in Richtung Staatsexamen, Ende des Studiums und das führt zu einem Gefühlsgemisch aus Aufbruchsstimmung, Stress und Vorfreude auf Veränderungen. Mal sehen, was daraus wird.

Wie war euer Jahr und wie wird das neue?
Ganz egal, wie das Fazit eures Rückblicks ausfällt: macht euch die letzten Stunden des Jahres schön. Bis nächstes Jahr!

Freitag, 23. Dezember 2016

Stressige Besinnlichkeit

Was wäre, wenn Weihnachten wirklich besinnlich wäre? Also nicht nur in den idealisierten Darstellungen in Werbung, Fernsehen oder Büchern, sondern auch in der Realität?

Was wäre, wenn Weihnachten tatsächlich eine Auszeit vom Trubel des Alltags wäre, in der wir uns mit Familie und Freunden treffen, um wirklich Zeit mit ihnen zu verbringen? Damit meine ich nicht, Zeit verbringen im Sinne von Sitzen im selben Raum wobei jeder mental noch einmal durchgeht ob er nun auch wirklich an Geschenken alles besorgt, die Dekoration optimiert und das opulente Essen in stundenlanger Arbeit nun auf den Punkt vorbereitet hat, damit man es in zehn Minuten festlich herunter schlingen kann, sondern wirklich die gesamte Aufmerksamkeit auf den Moment richten zu können? Offen reden, zuhören ohne an die nächsten Aufgaben zu denken, Emotionen der Mitmenschen wahrnehmen und einmal entschleunigen und sich zurück lehnen.

Die Realität sieht anders aus; zumindest bei mir. Gestern habe ich neun Pakete für Nachbarn angenommen - das sind sicher nicht nur die üblichen Lustkäufe oder Bestellungen für den Eigenbedarf, sondern ganz sicher auch Weihnachtsgeschenke, die in letzter Minute bestellt wurden. Denn das oberste Ziel an Weihnachten scheint ja zu sein, für jeden ein Geschenk zu haben, das man in tadellos aufgeräumter und dekortierter Wohnung unter dem idealen Tannenbaum in bester Kleidung überreicht. Das alles kann den Punkt Weihnachten zu einer schier endlosen Quelle von Stress machen, wenn man sich zu sehr an diese idealisierten "Ziele" klammert.

Ich liebe es, Menschen, die mir wichtig sind, Geschenke zu machen. Wenn ich weiß, dass ich etwas gefunden habe, das jemandem aufrichtig Freude bereiten wird, kann ich es immer kaum erwarten, das Geschenk zu überreichen. Es ist dann jedes Mal, als würde ich selbst beschenkt werden, wenn ich sehe, wie sehr sich ein anderer Mensch über ein Päckchen von mir freut.
Das ist dann Weihnachten. Meinen Liebsten eine Freude machen ganz egal, ob sie nun vom monetären Wert her teuer ist oder auch "nur" ein Paar selbstgestrickte Socken und ganz bewusst und aktiv gemeinsam Zeit zu verbringen ist es, was ich mir unter einer weihnachtlichen Atmosphäre vorstelle. Dabei ist es egal, ob nun die Geschenke perfekt verpackt, der Baum absolut symmetrisch und das Essen unvergleichbar deliziös ist. Natürlich freue ich mich, wenn das alles gelingt, doch im Endeffekt wird man sich kaum daran erinnern, wie poliert in einem Jahr die Fenster waren, wie gut die aufwendig hergerichtete Frisur saß oder sich darüber freuen, stundenlang in der Küche die Gans gebraten zu haben. Was wirklich hängen bleibt, sind die ganz persönlichen Momente der geteilten Freude, die kleinen Missgeschicke, die passieren und wie man sie zusammen überwindet.

In einem Jahr ist uns beim Aufsetzen der Spitze auf den Tannenbaum selbiger umgekippt, wobei die Spitze zu Bruch ging und wir dann kurzfristig eine neue besorgen mussten. Es war die hässlichste Baumarktsbaumspitze aus billig beglittertem zu glänzend hellgold lackiertem Glas, die wir je hatten. Doch die Aufregung im Baumarkt und das riesige Glück, doch noch im letzten Moment fündig geworden zu sein, werde ich nie vergessen.

Es gibt Menschen, da habe ich tausend Ideen, wie ich sie beschenken könnte und es gibt andere, da fällt es mir wirklich schwer, mir ein Geschenk aus den Rippen zu leiern. Diejenigen bekommen dann einfach selbstgemachte Pralinen, gebrannte Mandeln oder ähnliche Leckereien aus der Küche. Das ist zwar nicht besonders persönlich aber meiner Meinung nach unendlich viel besser als unnützer Dekokram oder einfallslose Duschbadsets.
Denn auch wenn es uns immer wieder so verkauft wird, als wäre das Schenken der wichtigste Teil des Weihnachtsfests, ist es das genau nicht.

Weihnachten sollte nicht um den Konsum und den damit verbundenen Stress kreisen, sondern wir sollten uns wieder bewusster machen, dass es eigentlich um die nicht mit Geld bezahlbaren Dinge im Leben geht: Familie, Freunde, Nähe und geteilte Momente des Glücks.
Vielleicht könnt ihr den Gedanken mitnehmen und statt nun auf den letzten Drücker Geschenke zu jagen, den zu Beschenkenden lieber ein paar Zeilen schreiben, was sie euch eigentlich bedeuten. Denn das ist ein so unendlich viel besseres Geschenk als eine in der Einfallslosigkeit und Not gekaufte Schachtel Pralinen.

In dem Sinne: habt ein entspanntes Weihnachtsfest ohne sinnlosen Konsum unnötiger Dinge sondern stattdessen mit guten Gesprächen und Treffen mit Menschen, die euch wichtig sind!

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Ins Netz gegangen: meine Erfahrung mit Onlinedating

Es ist ein paar Monate her, dass ich das letzte mal etwas zum Thema Beziehungen, Dating und dem Gefühl, wahrscheinlich für immer allein bleiben zu müssen, geschrieben habe. Seitdem hat sich einiges verändert und zwar ganz besonders an meiner Einstellung zum Thema Onlinedating, was ich zuvor ja immer konsequent abgelehnt hatte. 
Ich war überzeugt, dass man dort eh nur die wirklich verzweifelten Seelen antreffen würde. Dann war ich aber irgendwann anscheinend selbst verzweifelt genug, es trotzdem auszuprobieren. Immerhin kann ich jetzt auch zu dem Thema eine fundiertere Meinung abgeben, auch wenn ich meilenweit davon entfernt bin, so einen riesigen Erfahrungsschatz zu dem Thema zu besitzen, wie Juliane.

Es gibt wohl genauso wenig DAS Onlinedatingportal wie es DIE Cloud gibt. Daher kommen wir direkt zu Frage Nummer eins: auf welcher Plattform wollen wir denn suchen?
Für das spontane Ausprobieren (powered by ganz viel Selbstüberwindung und einer Freundin, die genug davon hatte, dass ich regelmäßig über Einsamkeit jammerte) kam für mich nicht infrage, etwas zu nutzen, was ein Abonnement oder generell Bezahlung erfordert. Ganz klischeehaft versuchte ich also Tinder zu installieren. Es blieb jedoch beim Versuch, da die App sich nach dem Öffnen immer wieder selbst beendete oder ewig im Suchmodus festhing. Dann wird halt woanders gematcht.
Gesagt, getan und zack die nächste Datingapp in der Liste installiert. Dieses mal hieß sie Pink und/oder Jaumo, was nicht durchgängig klar war. Scheinbar wurden da mal zwei Plattformen fusioniert, doch wen interessiert das schon. Hauptsache, die App lief. 

Kaum hatte ich ein Profil erstellt, meinen Namen und das Alter eingegeben, schon bekam ich die erste Nachricht.
"Hey Süße! Gibt es auch ein Bild von dir?"
Na klar gibt es das! Gib mir aber bitte erst mal fünf Minuten, überhaupt mein Profil einzurichten. Also Nachricht ignoriert, zwei Bilder hinzugefügt und noch ein bisschen was über mich ausgefüllt. Das Freitextfeld erschien mir auf den ersten Blick als zu viel Freiraum, um mich sofort auf einen Text festlegen zu können. Es ist nun mal wirklich schwer, seine Persönlichkeit und Ziele im Leben in vier Sätzen so zu verpacken, dass Fremde eine grobe Idee davon bekommen, was für ein Mensch man ist.
Scheinbar hat man zumindest als Lady solche Texte aber auch gar nicht nötig, da schon innerhalb der ersten Stunden nach Anmeldung zahlreiche Nachrichten eintrudelten. Wow, das ging fix!

Halbnackte Typen, die selbstdarstellerisch an ihre Karre gelehnt Sixpack und Tattoos präsentierten, Aufreißer, die sich für extrem verführerisch hielten und ab und an auch mal zurückhaltendere, sympathische Nachrichten purzelten in mein Postfach. Dazwischen gestreut wie Schokostückchen auch mal Männer mit Rechtschreibkenntnissen und neutralen bis attraktiven Prodilbildern. Das ging ganz schön ab dafür, dass ich mich dabei völlig ahnungslos fühlte, was ich da eigentlich tat. 

Die Art der oberflächlichen bis hin zu viel zu direkten Nachrichten störte mich dabei von Beginn an. Zugegeben ist es wirklich schwer, einen Gesprächseinstieg zu finden, wenn man den anderen gar nicht kennt und dabei einen guten Eindruck zu hinterlassen ist gleich mal noch einen Schritt näher an unmöglich, doch es gibt definitiv so ein paar Dinge, die wirklich nicht sein müssen.
Ich zweifelte ernsthaft an der Intelligenz der Menschheit.

Darunter waren sowohl Dinge, die genauso harmlos wie häufig waren wie das unvermeidliche"Hey Süße!" (Woher willst du wissen, dass ich süß bin, wenn du mich gar nicht kennst? Und noch schlimmer: wer gibt dir das Recht, mich so zu nennen?) als auch komische Anreden á la"Hey Prinzessin! Bist du auf der Suche nach einem Prinzen, der dich mit in sein Schloss nimmt?" bis hin zu Formulierungen, die mich einfach nur irritierten ("Hallo schöne Frau! Auch wenn du es gar nicht geschrieben hast: du bist extrem sexy. Lust, Bilder auszutauschen und zu fantasieren? ;)" ), weil ich nicht wusste, was zur Hölle ich darauf sagen sollte, mir aber klar war, dass ich eigentlich auch nicht weiter darauf eingehen wollte. Schon verrückt, wie direkt manche versuchen, zur Sache zu kommen.

Mein liebster Chatverlauf, bei dem ich sofort wusste, was ich sagen sollte, war folgender: 
Krass trainierter Typ mit halbnacktem Profilbild:"Du siehst wunderschön aus!" 
Apfelkern: "Ja, ich weiß!" 
Typ: *antwortet nie wieder*
Wahrscheinlich kam er mit so viel Direktheit und Selbstbewusstsein auch nicht klar. Dabei war das nicht mal komplett ernst gemeint, sondern war bloß ein alberner Reflex. 

Das führte aber zu einer ganz anderen Erkenntnis: Partnersuche funktioniert über auf selbiges optimierte Plattformen einfach komplett anders als im alltäglichen Leben.
Da hat man plötzlich einen riesigen Katalog potentieller Partner, die man gemütlich nach Kriterien von Körpergröße und Augenfarben über Anzahl der Rechtschreibfehler im Profil bis hin zur Angabe des Berufs oder Attraktivität auf den Bildern aussortieren kann. Auf der einen Seite wurden mir so viele Typen vorgeschlagen, die ich im realen Leben niemals mit dem Gedanken, dass sie für mich ein potentieller Partner sein könnten, angesehen hätte (sorry, bin eh zu vernünftig für schwer tättowierte Rapper!) und auf der anderen Seite gab es so eine riesige Auswahl an Profilen, dass ich ohne es sofort zu bemerken, sehr wählerisch wurde. 

Typ nur genauso groß wie ich oder kleiner? Next!
Bilder von zu vielen alkoholreichen Partynächten? Next!
Schon sehr deutlicher Bauchansatz? Next!
Raucher? Ewwww! Next!

Trifft man jemanden auf eine andere Weise und lernt erst denjenigen kennen und seinen Charakter zu schätzen, würde man ganz anders mit kleinen Makeln umgehen und sie sehr viel eher schlichtweg akzeptieren. So hat man aber die Auswahl und sucht vor lauter Angebot noch kritischer. Ganz nach dem Motto, wozu mit den faden Tiefkühlwindbeuteln zufrieden geben, wenn man auch die Gourmettorte mit Edelbitterschokolade vom Konditor haben kann.

Zum einen war es gut zu sehen, wer eigentlich wie nach einem Partner sucht und ein Gefühl dafür zu bekommen, dass man selbst a) nicht allein und b) definitiv nicht der verzweifeltste Mensch in dieser Situation ist, zum anderen lässt einen zu viel Auswahl und zu viel Aufmerksamkeit dann leider doch schnell ein wenig voreingenommen bis arrogant werden. Teilweise habe ich einfach anderen direkt einen Korb gegeben, weil mich das Profil auf den ersten Blick nicht angesprochen hat. Zwar immer auf möglichst freundlich-sachliche Art und Weise, um den anderen nicht völlig zu traumatisieren, am Ende dann aber doch ganz klar abweisend.

Und dabei bin ich mir unglaublich arschig vorgekommen. Ich fand mich selbst schrecklich. Wie kann man denn nur so oberflächlich sein und gleich nein wischen, nur weil derjenige klein ist und auf dem Bild einen dümmlichen Gesichtsausdruck hat, von dem ausgehend man direkt darauf schließt, dass derjenige tendenziell nicht die hellste Birne des Kronleuchters sein wird? Das verstößt komplett gegen meinen Grundsatz, einfach jedem erst einmal eine Chance zu geben.
Beim Dating offline in der Realität bin ich schon froh bis hin zu überrascht-schockiert gewesen, wenn mich zum Beispiel auf der Tanzfläche jemand angesprochen hat, online dagegen rechnete ich damit und habe von vornherein den anderen extrem viel kritischer betrachtet. Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Verhaltensweise ist, um den möglichst fittesten und intelligentesten Partner zu finden, oder einfach wie schon erwähnt das Verhalten eines Dating-Arschlochs. 

Ganz ehrlich aber: ich möchte nicht nur aus Höflichkeit Zeit und Mühe in einen Kontakt investieren, von dem ich mir meinem Bauchgefühl zum ersten Eindruck folgend sowieso nichts erwarte oder noch schlimmer absolut keine Lust darauf habe. Am Ende würde ich auch nur den anderen enttäuschen, wenn ich dann plötzlich doch gar kein wirkliches Interesse habe, weshalb ich es von vorn herein sein lassen kann. 

Es gab auch noch einen anderen Gedanken, der mich beschäftigt. Wenn mir da so viele potentielle Traumprinzen angezeigt werden: mit wie vielen davon könnte ich wirklich glücklich werden? Könnte man nicht mit theoretisch jedem, mit dem man auf einem in etwa gleichen Intelligenzniveau ist, ähnliche Wertvorstellungen und Ansprüche an eine Beziehung hat, eine gute Partnerschaft führen? 
Man muss nur offen miteinander kommunizieren und dann Zeit sowie Arbeit investieren, damit es funktioniert und dann wird eine Beziehung mit Menschen, die auch dazu bereit sind, wahrscheinlich gut laufen. 

Mit anderen Worten: ich persönlich glaube nicht daran, dass es The One gibt, den einzig wahren Partner, mit dem man für immer und ewig glücklich sein kann. Es gibt für jeden Menschen sicher einige, mit denen das glücklich zusammen leben und alt werden funktionieren kann, solange beide aktiv dafür etwas tun. Man muss eben nur mal so jemanden finden und denjenigen dann bestenfalls nicht nur als Gleichgesinnten erkennen, sondern auch noch attraktiv finden.

Apropos aktiv dafür etwas tun: nach meinen paar Erlebnissen bin ich überzeugt, dass genau das in der Welt des Onlinedatings Timing eine extrem große Rolle spielt. Noch viel mehr als in offline Situationen, wo man jemanden im Alltag immer wieder trifft, immer wieder Kontakt haben und diesen intensivieren kann, wenn man Interesse hat, vielleicht mehr aus dieser Bekanntschaft zu machen. Schließlich ist der andere nicht ständig online erreichbar, viel wichtiger sucht er aber auch parallel aktiv nach Kontakten, weshalb der Moment so wichtig ist. Sonst hat er vielleicht schon was am Wickel.
Wen erwischt man gerade online, wer sieht und matcht einen zufällig? Der andere kann noch so attraktiv, korrekt in Orthographie und Grammatik sowie kreativ in den Formulierungen als auch interessant sein: wenn er nie Zeit für Antworten oder ein Treffen findet, wird es wahrscheinlich einfach nichts mit demjenigen werden. 
Und je öfter man das Treffen dann schon verschieben musste, desto unwahrscheinlicher wird es, dieses Vorhaben tatsächlich noch zu realisieren. Unter anderem auch, weil das Angebot ja noch mehr potentielle Dates hergibt.

Wirklich unangenehm wird es dann, wenn man den einen schon getroffen hat, wiedersehen will und dann der nächste Kandidat aus einem anderen Chat, den man nebenbei weiter geführt hat, doch noch einen Termin für ein Rendezvous findet. Das waren schwere Momente für mein Gewissen, bis ich mich entschieden hatte, nicht zwei Männer parallel zu daten, weil das nur in Ärger und Enttäuschung ausgeufert wäre. Vor allem, wenn das schon statt gehabte Treffen auch noch richtig gut war.

Es gibt also ein paar Tipps, die ich meinem Vergangenheits-Ich gern gegeben hätte, bevor es sich in diese Datingsache hinein gestürzt hat:

  • Es ist in Ordnung, wählerisch zu sein! 
  • Traue deinem Bauchgefühl und dem ersten Eindruck
  • Ehrlichkeit lohnt sich, Spielchen spielen frustriert nur und sind irreführend.
  • Immer nur einen Chat ernsthaft führen und nicht mehrere nebeneinander
  • Finde heraus, welche Richtung des Swipens in der App ja und welche nein bedeutet, bevor du versehentlich einfach alle matchst, weil du dir nur mal die Profile ansehen wolltest...
Am Ende hat sich viel von dem, was ich vom Onlinedating erwartet habe, als wahr erwiesen. Man wird von merkwürdigen Gestalten mit furchtbaren Anmachsprüchen angeschrieben, einige davon wollen direkt zum Sex(-ting) übergehen, andere sind auf den ersten Blick selbstunsicher, hilflos und verzweifelt und man muss sich daran erinnern, dass man ihnen dennoch einen Korb geben darf, weil es keine Selbsthilfegruppe ist, sondern ein Portal für eine Partnersuche. Mit anderen Worten: das ist das, was ich damit meinte, als ich sagte, Onlinedating wäre eine Sammelstelle für die ganz verzweifelten Singles.
Schließlich hatte ich doch interessante und sehr lebhafte Chats, von denen aus sich Dates und ein Dauerdate ergeben haben, aus dem dann eine Beziehung entstanden ist. Es klappt also tatsächlich mit dieser Partnersuche im Netz.

Habt ihr schon mal online nach Partnern gesucht? Was habt ihr erlebt?

Donnerstag, 24. November 2016

Man muss nicht immer versuchen, ein Einhorn zu werden

Ich habe ein Hämatom mitten auf der Nase. So in etwa münzgroß, richtig direkt auf der Nasenwurzel zwischen den Augen. Man könnte meinen, dass es in meinem Umfeld keinen mehr gäbe, der mich noch nicht darauf angesprochen hätte.
Tatsächlich ist es aber bis auf meiner Mutter noch niemandem aufgefallen. Verrückt, oder?!

Da hat man quasi ein leuchtendes Schild im Gesicht und trotzdem schauen alle darüber hinweg. Wie blind können Menschen nur für das sein können, was sie direkt vor Augen haben!
Während ich weiter darüber nachdachte, was Menschen alles nicht bemerken, weil sie so angestrengt über die Dinge nachgrübeln, wurde mir klar, dass ich selbst nicht ansatzweise besser bin. Vielleicht nicht unbedingt, was das Entdecken von Hämatomen im Gesicht meiner Mitmenschen geht, sondern vielmehr, wenn es zum Thema Selbstkritik kommt. Ständig fokussiert man nur auf das negative, alles andere wird übersehen.

Da wäre zum Beispiel der Post zum Thema Selbstbild des Körpers. Da wäre auch mein ständiges Grübeln, warum alle so glücklich und selbstsicher wirken und gefühlt nur ich dauernd an mir zweifle und sehe, was ich alles nicht kann und darüber dann die Gedanken kreisen lasse, um mich gezielt und sicher in Panik und Verzweiflung zu manövrieren. Klassiker zu diesem Stichwort wäre das Thema, dass ich mich inzwischen am Ende des Studiums befinde und damit regulär keine zwei Jahre mehr habe, bevor ich dann offiziell mit einem Schildchen, das mich als Arzt zu erkennen gibt, vor den Patienten trete. Dabei gibt es so unendlich viel, was ich noch nicht oder - noch viel schlimmer - nicht mehr weiß. #omgichwerdesiealleumbringen

Mit all den Dingen im Sinn, die an mir nicht perfekt sondern verbesserungsbedürftig sind, mache ich Pläne in meinen Gedanken. Dinge, die ich lernen muss, Punkte, die ich ändern sollte und so entwerfe ich Schritt für Schritt das Idealbild meiner Selbst, das ich in ein paar Jahren sein möchte. Es erscheint mir dann mit jeder weiteren Minute, die ich in diese Art der Planung investiere, dass ich noch desorganisierter, ungebildeter, tollpatschiger, selbstunsicherer und langweiliger wäre, als es tatsächlich zutrifft. Es tut nicht gut, immer nur die Fehler heraus zu picken und auf ihnen herum zu hacken.

Der Song In My Mind von Amanda Palmer fasst dieses ständige Streben nach einem perfekten Selbst in der Zukunft perfekt zusammen. Das Bewusstsein über die eigenen Fehler führt zu Unzufriedenheit mit der Gegenwart, die in Rastlosigkeit übergeht und leicht zu viel zu viel Verbitterung der eigenen Person gegenüber verleitet.
Wir sollten es öfter so machen wie Amanda, die, nachdem sie in ihrem Song ihre ganzen unrealistischen, alten Vorstellungen und Ansprüche an sich selbst mit der tatsächlichen Entwicklung verglichen hat, nach anfänglicher Frustration erkennt, dass man so wie man ist bereits viel erreicht hat und auch mal für einen Moment ruhig durchatmen sollte, um der Erkenntnis eine Chance zu geben, dass man auch im Hier und Jetzt genau der Mensch sein könnte, der man in diesem Moment sein möchte. Dass es gut ist, der Mensch zu sein, zu dem man sich entwickelt hat.



Veränderung und Bewegung nach vorn ist wichtig im Leben. Trotzdem sollte man sich einmal zurücklehnen und mit ein wenig Abstand erkennen, dass man eben nicht nur in Richtung Zukunft voran arbeiten muss, um irgendwann eventuell dem Ideal von einem selbst zu entsprechen. Es gibt nämlich mehr als das große ganze Bild und mit diesem Wissen können wir im Alltag die Augen öffnen, um die kleinen Dinge zu sehen. Die Hämatome auf den Nasen unserer Mitmenschen, unsere kleinen Erfolgsmomente und die täglich aufblitzenden Momente des Glücks. Dass wir nicht nur immer weiter ackern müssen, um ein Endziel zu erreichen, sondern dass wir auch schon ganz viele Dinge geschafft und erlebt haben und darüber glücklich sein können, uns zu dem entwickelt zu haben, was wir sind.  Denn es lebt sich viel schöner, wenn man nicht übersieht, was in der Gegenwart passiert und wie gut das Jetzt eigentlich ist. Ich vergesse nur immer zu gern, mich selbst daran zu erinnern.

Oder wie Amanda Palmer es so schön auf den Punkt bringt:
Fuck yes - I'm exactly the person that I want to be!

Donnerstag, 3. November 2016

Sitzplatz!

... so lautet zumindest bei mir die Standardaufforderung an Menschen, die mit dem wilden Hüpfen und Tanzen vor der Bühne bei Konzerten nicht zurecht kommen und sich beschweren, dass man bitte nicht während die Musik läuft sich zu sehr bewegen oder gar schubsen soll. Das wäre ja hier schließlich keine Veranstaltung zum Tanzen oder gar Spaß haben…
Ist man mental nicht Willens oder in der Lage, sich der Musik hin zu geben und mitzumachen, dann ist man in meinen Augen ein Fremdkörper in der Gruppe vor der Bühne und so ein klarer Fall für den Sitzplatz. Damit meine ich natürlich nicht in Opern oder klassischen Konzerte, für die ein Sitzplatz ausnahmsweise völlig in Ordnung ist.

Nach langen Monaten der Abstinenz was Konzerte angeht, habe ich heute endlich wieder eins besucht. Dieses mal war ein Punkt von vorn herein anders als gewohnt: ich wusste von Anfang an, dass ich einen Platz im Rang haben würde. Und das heißt konkret - Sitzplatz!

Oh je, Sitzplatz?! Das ist doch die inoffizielle Höchststrafe, wenn live Musik gespielt wird, die einem gefällt. Immerhin drängt dann jeder Muskel zuckend in mir, sich zur Musik zu bewegen und mitzuhüpfen, was auf der Freifläche vor der Bühne am besten funktioniert. Auf einem Sitzplatz gefangen zu sein, bedeutet dagegen, in der Bewegung eingeschränkt zu sein und nicht in die zur Musik wogende Menschenmenge eintauchen zu können.
Aber das waren ja nur meine Vorstellungen, die ich nie auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft hatte. Man sollte Dinge nicht beurteilen, bevor man sie ausprobiert hat und da ich eh keine Wahl hatte, begab ich mich schließlich zu meinem Sitzplatz.

Immerhin war es möglich, sich den Sitzplatz frei auszusuchen. Fluch und Segen zugleich, wie sich herausstellen sollte, denn die Sitzplätze der Balkone der Arena, in der das Konzert stattfand, waren zumindest in der ersten Reihe an der Brüstung schon sehr gut gefüllt und ich fürchtete kurz, nur noch ganz hinten etwas zu finden. Im eine Etage höher gelegenen nächsten Rang fand ich aber nach kurzer Suche noch einen Sitzplatz in der zweiten Reihe hinter der Brüstung. Phew, noch mal gut gelaufen.

Zu meiner Überraschung war der Blick auf die Bühne großartig. Ein komplett anderer Eindruck, als unten in der Menge zu stehen. Jetzt konnte ich die ganze Halle erfassen mit ihren zwei Reihen der Balkone voller Sitzplätze, den beleuchteten Notausgängen dazwischen sowie des Setups von Technik und Tontechnikern. Zum Beobachten war das die perfekte Position, so viel Übersicht über die gesamte Konzerthalle hatte ich noch nie. Sonst fokussiere ich mich immer allein auf das Bühnengeschehen, während all die Menschen hinter mir ausgeblendet werden.
Auch die Seitenzugänge zur Bühne lagen gut in meinem Sichtfeld, sodass ich die Wege des Sängers von der Bühne ins Publikum oder auch einmal um selbige herum gut beobachten konnte.

"Thank you for wasting your phone battery on me. What a nice compliment!" 
Als die aus einer Person bestehende Vorband dann auf die kam, hatte ich einen idealen Überblick darüber, erfasste aber direkt, warum Sitzplatz für mich seit Jahren eine Beleidigung war: man ist zwar anwesend aber nicht wirklich dabei.
Während die Menge vor der Bühne springend und schreiend sich in der Musik verliert und die Emotionen auslebt, ist man selbst in seinem Sitzplatz ordentlich nebeneinander platziert und somit gefangen. Klar, man kann aufstehen, die Arme hoch reißen, die gesamte Bühne überblickend jubeln und doch ist es ein sehr viel distanzierteres Erlebnis.
Niemand rammt einen im Rausch der Musik von hinten, niemand fängt einen danach auf. Kein Springen, bis die Waden schmerzen, kein nach vorn geschwemmt werden und den Drummer aus nächster Nähe dabei beobachten, wie ihm der Schweiß vom Gesicht tropft während man selbst merkt, wie einem der Schweiß den Rücken entlang läuft, weil man sich körperlich so verausgabt. Es ist schon ein herabgesetztes Konzerterlebnis, alle Eindrücke gefiltert durch physische Distanz und Einschränkung der Bewegungsmöglichkeiten.

Auch die Band interagiert vor allem mit dem Publikum vor der Bühne. Man fühlt sich ein bisschen ausgeschlossen auf den Rängen selbst wenn man die besten Bilder davon schießen kann, wie der Sänger sich beim Stagediving ins Publikum wirft. Schon seltsam, bei einem Konzert überhaupt das Handy zu zücken.

Besagte schöne Bilder sind zwar super, um sie auf Social Media Seiten zu posten oder seine Freunde zu beeindrucken, aber das eigentliche Konzerterlebnis gefällt mir persönlich vor der Bühne im Gedränge der Menge unendlich viel besser. Denn auf dem Sitzplatz kann man die Show perfekt ansehen und fotografieren, aber nur vor der Bühne ist man meiner Meinung nach live wirklich dabei.