Wir hocken aufeinander und kennen uns nicht. Hunderte Einwohner pro Quadratmeter und man weiß nicht einmal, wie genau die Nachbarn eigentlich heißen. Es grüßt kaum jemand, wir hetzen aneinander vorbei, die Uhr im Blick und das Handy in der Hand. Zu Hause erst einmal den Computer anschalten, Mails checken, lesen, was Bekannte und Freunde getan haben, kommentieren, selbst Meldungen verfassen, sich unterhalten lassen. Allein.
Ich habe das Gefühl, die Menschen in unserer Gesellschaft des Wohlstands waren selten so einsam, wie sie es heute sind. Einzelkinder, Alleinerziehende, ewige Junggesellen, Witwer.
Nicht einsam, weil niemand in der Nähe ist, sondern einsam, weil die geistige Vertrautheit fehlt. Wie viele Personen gibt es, denen ihr euch völlig anvertrauen würdet? Kennt ihr sie alle aus dem wirklichen Leben oder sind es Onlinekontakte?
Man braucht zum Überleben kaum noch persönlichen Kontakt, die moderne Kommunikation macht es möglich: Fernstudium, Pizzadienst, Amazon, eigenes Auto statt Fahrgemeinschaft, sogar der Beruf lässt sich aus der Öffentlichkeit ins Heimbüro verlegen. Das reduziert die Zeit, die man mit anderen verbringt stark. Weniger Berührungspunkte mit anderen bedeutet gleichzeitig natürlich auch, dass mit deutlich geringerer Wahrscheinlichkeit neue Bekanntschaften im Alltag entstehen. Und Bekannt- und Freundschaften zu pflegen fällt schon allein wegen Distanzen und Zeitmangel nicht immer leicht.
Wie gut, dass es Telephone gibt. Wie viel besser, dass es das Internet gibt.
Man liest Worte anderer, sieht ihre Videos und hört ihre Aufnahmen, kommentiert diese, kommt dadurch vielleicht in näheren Kontakt zu den aktiv mitteilenden Personen, wird eventuell angeregt, selbst aktiv zu werden. Weitere Kontakte entstehen, man wird Teil von Gruppen und Netzwerke , kennt einzelne Mitglieder davon irgendwann vielleicht näher als oberflächlich, weil der Kontakt sich auf eine persönlichere Ebene verlagert.
Und doch sind beispielsweise meine Eltern überzeugt, dass das Internet isoliert und zur Vereinsamung führt.
Den Gedanken teile ich überhaupt nicht. Denn die Kontakte verlegen sich nur auf eine andere Plattform, entstehen so, dass man äußerlich nicht davon sieht. Zumindest vorerst sind diese Kontakte nach außen hin unsichtbar, bis sie die Ebene wechseln, man sich trifft. Morgen werde ich zum ersten Mal eine Bloggerin treffen, die ich auch durch genau diese Tätigkeit kennengelernt habe.
Ich bin gespannt, ob man sich auch offline genauso gut versteht wie online, doch warum sollte es denn nicht so sein? Das Internet verbindet viele, die ohne jenes nicht zusammengefunden hätten, was aber nicht daran liegen muss, dass sie grundverschiedene Charaktere haben, die inkompatibel sind. Man wagt sich direkt einfach nur nicht, jemanden direkt anzusprechen wohingegen ein Kommentar oder ein Tweet an eine interessant und sympathisch erscheinende Person schnell geschrieben sind. Der Wechsel in private Chats oder zum direkten Mailaustausch ist schnell vollzogen.
Eigentlich erleichtert das Internet uns damit die Kontaktaufnahme. Warum aber findet sich trotzdem so oft das deprimierende Forever-Alone-Gesicht?
Ich denke, es liegt an den verschiedenen Verhaltensweisen am PC. Nicht jeder ist aktiv, schreibt und tauscht Gedanken aus. Es gibt Nutzer, die den Computer hauptsächlich als Informationsquelle und Unterhaltungsmedium verwenden. Dass man bei Wikipedia, bloßem Ansehen von Videos und Offlinespielen keine Bekanntschaften schließt, ist aber kein Wunder. Man muss also zwischen konsumierenden Passivnutzern und produzierenden Aktivnutzern des Internets unterscheiden. Und bei letzteren würde ich eine starke Ausbildung von Kontakten und Verknüpfungen, die sich irgendwann auch ins Leben 1.0 verlagern könnten diagnostizieren wollen.
Selbst wenn man aktiv Texte schreibt, wird man nicht umgehend in ein Netzwerk von Personen eingebunden. Man denke nur an das Klischee des einsamen Bloggers, der täglich ellenlange Texte einstellt, die dennoch so gut wie nie gelesen oder kommentiert werden. Solche Bilder halten sich anscheinend hartnäckig in den Vorstellungen von Personen, die wenig netzaffin sind. Das würde auch die direkte Assoziation des Internets mit Einsamkeit erklären.
Aber ich verstehe auch die Bedenken, man könne im Internet keine Freundschaften knüpfen, weil man sich zu leicht anonym oder mit gefälschten Profilen darin bewegen kann. Wem soll man denn vertrauen? Wer weiß, wer sich hinter dem Bild eines niedlichen Kätzchens verbirgt.
Aber in der Realität ist es auch nicht viel anders: man kann sich auch dort sehr hinter einem bestimmten Äußeren verbergen, jedoch nicht so vollständig wie es online möglich ist.
Einsamkeit ist kein Nebeneffekt des Internets. Ich denke dabei an eine kürzlich gedruckte Zeitungsmeldung, die inzwischen mumifizierte Leiche einer vor dem Fernseher verstorbenen Rentnerin sei zufällig von einem Einbrecher gefunden worden. Fünf Jahre nach ihrem Tod; in Deutschland.
Die Miete war automatisch von ihrem Konto abgebucht worden, vermisst hatte sie anscheinend niemand. Es klingt wie ein Albtraum: man stirbt und wird von niemandem vermisst.
Viele alte Menschen sind allein. Auch meine Großeltern haben jeweils ihren Partner verloren, leben allein und freuen sich über jeden Besuch, jede Gesellschaft. Ein täglicher Besuch ist kaum möglich, da man schon mit der Bewältigung des eigenen Lebens gut ausgelastet ist, doch es wäre sicher häufiger ein Besuch möglich, als man ihn letztendlich durchführt. Es gibt so viele Aufgaben und Möglichkeiten auf die man seine Zeit verwendet, dass für solche Besuche, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, kaum Zeit bleibt.
Ist es eine Isolation aus Zeitmangel? Früher arbeiteten die Menschen weniger mit Maschinen zusammen als mit anderen Menschen, heute ist es nicht selten umgekehrt. In Zeiten ohne großartige Medienangebote waren Gesellschaft und Handarbeiten ideal, um den Abend zu verbringen. Der digitale Mensch dagegen sieht sich auf dem Höhepunkt der allabendlichen Geselligkeit den Tatort allein im Wohnzimmer sitzend an und twittert parallel dazu darüber.
Da kommt das Internet wieder ins Spiel: es verbindet doch, bietet zumindest das Potential dazu. Wie weit man das ausschöpft ist jedem selbst überlassen. Genau wie die Entscheidung, einfach mal wieder spontan analog jemanden kennenzulernen statt immer nur aneinander vorbeizulaufen und den Blicken anderer auszuweichen.
Einsamkeit ist nichts, was wir uns wirklich wünschen, denn tief in unserem Inneren sind wir doch Herdentiere. Einsamkeit ist auch nichts, wozu wir gezwungen sind. Es gibt mehr als genug Menschen auf dem Planeten, mit denen wir in Kontakt kommen können. An der Auswahl mangelt es nicht, eher an dem Mut, auf andere zuzugehen. Etwas, das ich gut nachvollziehen kann. Das Stichwort lautet Schüchternheit.
Aber man kann bei diesen Kontaktaufnahmeversuchen rückblickend nur gewinnen. Erfahrungen, ein gutes Gespräch, Bekanntschaften, im besten Fall Freundschaften. Und die anderen sind für gewöhnlich nicht weniger froh als man selbst, neue Bekanntschaften knüpfen zu können.
Apfelkern
Dienstag, 15. Mai 2012
Einsame Herdentiere
Montag, 14. Mai 2012
Wer sucht, der findet ... Alternativen
Ich bin ja so ein Rebell, meinen Beitrag für das Projekt 52 einen Tag nach Ablauf der Woche des Themas "Instrumental" abzuliefern. Und das auch noch bei eine Thema, welches ich selbst vorgeschlagen hatte.
Vielleicht lag das ja auch an den Schwierigkeiten bei der Musikwahl. Als ich das Thema einbrachte, hatte ich im Hinterkopf, Bulletproof Cupid von Placebo dafür auszuwählen. Da ich diesen Titel aber schon für das Thema Gewitter zum Einsatz brachte, fiel der ursprüngliche Plan damit flach.
Eine Alternative fand sich aber unerwartet schnell in der Pianoversion des Stücks "Spiel mit dem Feuer" von Saltatio Mortis. Die Version mit Gesang ist wunderschön, mitreißend in Text und musikalischer Umsetzung. Während der Ostertage hörte ich das komplette dazugehörige Album in einer Endlosschleife, alle Titel empfinde ich als mehr als nur hörenswert. Das Album ist in meiner Erinnerung stark mit dem diesjährigen Frühling verknüpft, da ich es schon so oft gehört habe. Beim Spaziergang, beim Skaten, am Osterfeuer, nachts. Ich würde es inzwischen zu meinen Lieblingsalben zählen.
Das Pianostück zu "Spiel mit dem Feuer" ist alles andere als eintönig, selbst wenn man mental nicht den in der anderen Version vorhandenen Text mitsprechen könnte. Meine Wahl für das Thema Instrumental.
Und jetzt kommt das Problem: die Pianoversion ist in voller Länge mit meinen Suchfähigkeiten nicht zu entdecken. YouTube hat sie nicht (war ja fast zu erwarten...), die anderen üblichen Videoportale auch nicht, Grooveshark hat die GEMA und die Betriebskosten gesegnet und mit Links zu dubiosen Seiten möchte ich auch nicht unbedingt aufwarten.
Nun könnte ich meine Wahl überdenken und mir einen Titel suchen, der ein Instrumental UND verfügbar ist. Aber nein. Ich möchte meine Begeisterung für dieses Instrumental teilen, selbst wenn ich es euch nur als Ausschnitt zum Reinhören verlinken kann.
Auf der Seite des Metal Labels Nuclear Blast kann man die einzelnen Tracks des Albums kurz probehören. Spiel mit dem Feuer in der Pianoversion ist hier weiter unten auf der Seite unter der Überschrift "CD 2" zu finden.
Entgegen der Bedingungen, die das Thema "Instrumental" stellt, bette ich euch hier noch die Version des Songs mit Gesang ein, damit ihr euch wenigstens an einem kompletten Titel erfreuen könnt.
Hach, ich würde die Gruppe gern live sehen.
Apfelkern
Vielleicht lag das ja auch an den Schwierigkeiten bei der Musikwahl. Als ich das Thema einbrachte, hatte ich im Hinterkopf, Bulletproof Cupid von Placebo dafür auszuwählen. Da ich diesen Titel aber schon für das Thema Gewitter zum Einsatz brachte, fiel der ursprüngliche Plan damit flach.
Eine Alternative fand sich aber unerwartet schnell in der Pianoversion des Stücks "Spiel mit dem Feuer" von Saltatio Mortis. Die Version mit Gesang ist wunderschön, mitreißend in Text und musikalischer Umsetzung. Während der Ostertage hörte ich das komplette dazugehörige Album in einer Endlosschleife, alle Titel empfinde ich als mehr als nur hörenswert. Das Album ist in meiner Erinnerung stark mit dem diesjährigen Frühling verknüpft, da ich es schon so oft gehört habe. Beim Spaziergang, beim Skaten, am Osterfeuer, nachts. Ich würde es inzwischen zu meinen Lieblingsalben zählen.
Das Pianostück zu "Spiel mit dem Feuer" ist alles andere als eintönig, selbst wenn man mental nicht den in der anderen Version vorhandenen Text mitsprechen könnte. Meine Wahl für das Thema Instrumental.
Und jetzt kommt das Problem: die Pianoversion ist in voller Länge mit meinen Suchfähigkeiten nicht zu entdecken. YouTube hat sie nicht (war ja fast zu erwarten...), die anderen üblichen Videoportale auch nicht, Grooveshark hat die GEMA und die Betriebskosten gesegnet und mit Links zu dubiosen Seiten möchte ich auch nicht unbedingt aufwarten.
Nun könnte ich meine Wahl überdenken und mir einen Titel suchen, der ein Instrumental UND verfügbar ist. Aber nein. Ich möchte meine Begeisterung für dieses Instrumental teilen, selbst wenn ich es euch nur als Ausschnitt zum Reinhören verlinken kann.
Auf der Seite des Metal Labels Nuclear Blast kann man die einzelnen Tracks des Albums kurz probehören. Spiel mit dem Feuer in der Pianoversion ist hier weiter unten auf der Seite unter der Überschrift "CD 2" zu finden.
Entgegen der Bedingungen, die das Thema "Instrumental" stellt, bette ich euch hier noch die Version des Songs mit Gesang ein, damit ihr euch wenigstens an einem kompletten Titel erfreuen könnt.
Hach, ich würde die Gruppe gern live sehen.
Apfelkern
Freitag, 11. Mai 2012
Puderzuckerwolken
Gerade noch kleiner Hosenscheißer, dem man permanent hinterherputzt, dann Dreikäsehoch, niedlicher Fratz, Grundschüler und plötzlich steht die Jugendweihe vor der Tür. Die Zeit vergeht schnell.
Und da waren dann die Einladungen für die Jugendweihe.
Vor einer Woche traf sich die Verwandtschaft an der Festhalle, ausgehfein im Anzug mit Krawatte oder Feinstrumpfhose. Kaum am Zielort angekommen, überfiel mich die Überzeugung am falschen Ort zu sein: Mädchen in quietschbunten Cocktailkleidern, die weder das Knie noch die Hälfte des Oberschenkel bedeckten, Jungs in Anzug mit Krawatte oder Jeans zu Sakko und Goldkettchen, pompöse Frisuren, bei denen von hochgesteckten aufgeplusterten Lockenballen über sich herabringelnde Schweineschwanzlöckchen bis blütenverzierten Pagenköpfen mit glitzrigem Haarreif alles dabei war, ein Make-Up, das sich vom Wort dezent gekonnt zu distanzieren wusste und Schuhe mit einer Absatzhöhe, mit denen man beinahe den Himalaya hätte überragen können.
Hä - und wo ist hier die Jugendweihe?
Ich sah nur aufgebretzelte junge Menschen, die eher so aussahen, als wären sie auf dem Weg in einen Club. Jedenfalls lag es außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass Eltern ihre Kinder so durchgestylt und aufgemotzt zu deren Jugendweihe gehen lassen würden.
Spätestens während der Feierstunde als all die sorgfältig gerüschten und geföhnten Jugendlichen auf die Bühne gerufen wurden war es sicher, dass sie nicht nur zufällige Gäste in unpassendem Outfit waren.
Ich dachte an meine eigene Jugendweihe vor mittlerweile fünf Jahren. Damals war die Kleidung mehr als deutlich weniger hochgestochen gewesen, die drei oder vier Mädchen, die so auffällig aufgeputzt waren wie die weiblichen Jugendweiheteilnehmer es in diesem Jahr waren, wurden als eitel und übertrieben gekleidet beäugt, die Mehrheit beschränkte sich auf Rock und Bluse oder einen Hosenanzug, die Jungs machten keine Anstalten, im Anzug zu erscheinen sondern hielten Jeans und Hemd für völlig ausreichend.
Im Gespräch mit befreundeten Familien kristallisierte sich die Ansicht heraus, dass es völlig angemessen wäre, dem 13- oder 14- jährigen Sprössling für diesen Tag Kosmetikbesuch, Maniküre, Pediküre, einen Friseurbesuch, ein pompöses Kleid und professionelles Make-up zu gönnen. Mir kam der Gedanke, das ich anlässlich der Jugendweihe zum ersten Mal beim Friseur die Haare geschnitten bekam statt mich nur auf Muttis eingeschränkte Frisierkünste verlassen zu müssen.
Muss ich diesen Schock als Anzeichen dafür nehmen, dass ich alt werde? Ist das heute völlig normal, sein Kind wie einen kleinen Prinz und eine kleine Prinzessin zu hofieren?
Es waren ja nicht nur die High Heels, in denen wenn ich überhaupt darin stehen können würde ich wohl keine zehn Meter unfallfrei zurücklegen könnte, die mich in Erstaunen versetzten, den gleichen Effekt hatten auch die Ausmaße der Geschenke. Mal einfach so ein iPhone, weil das drei Monate vorher bekommene Smartphone ja nur von Samsung war, zweitausend Euro hier und dreitausend Euro da, ein Moped, falls man irgendwann mal einen Führerschein machen würde....
Ich dachte, ich wäre im falschen Film. Da hatte ich mich über dreihundert Euro, ein paar Bücher und eine Silberkette gefreut, während nun kleine Vermögen verschenkt wurden. Ist das die Inflation oder wie kann ich mir das erklären?
Millionenschwer ist jedenfalls keine der befreundeten Familien, deren Geschenkeflut ich miterleben konnte. Feiern mit weniger als zwanzig Gästen galten als klein und wenig gewinnbringend (Merke: jeder Gast = mindestens 50€), Einnahmen unter tausend Euro als enttäuschend.
Welches Interesse hätte ich als Mutter daran, meinem Kind ein so verschobenes Weltbild zu vermitteln? Ich halte es nicht für sinnvoll und normal, seine Wertschätzung derart zu ruinieren. Es muss ja nicht unbedingt in diesem Alter mit Geldwerten umgehen, die sich besser mit dem Wert von MacBooks als in dem von Alben beschreiben lassen. Lebensfremde verwöhnte Lieblinge, Püppchen, die erwarten, dass ihnen alles geschenkt wird, sind einfach nicht das, was ich für eine Bereicherung der Gesellschaft halte.
Vielleicht bin ich ja nur neidisch. Und doch frage ich mich, ob der aufwendige Putz und die Geschenkeberge den Tag wirklich zu einem besseren machen. Was soll man denn dann erst zu seiner Hochzeit anstellen, wenn jetzt schon von Maniküre bis hin zu Blumenlieferdienst und Catering alle Register gezogen wurden? Ich halte es für übertrieben, maßlos.
Überreagiere ich? Sind das verschrobene Wertvorstellungen, die das letzte Update der Gegenwart verpasst haben?
Vorerst bin ich froh, dass diese amerikanischen Sweet-Sixteen-Partys sich bei uns noch nicht durchgesetzt haben. Man braucht ja nicht noch mehr Anlässe, seinen Kindern bis zum Zuckerschock Puderzucker in den Allerwertesten zu blasen.
Meiner Meinung nach brauchen Kinder Liebe, Geborgenheit, Aufmerksamkeit und Freunde statt dem dritten Smartphone und Designerkleidung. Die wertvollsten Dinge sind die, welche man weder kaufen noch umtauschen kann.
Apfelkern
Hä - und wo ist hier die Jugendweihe?
Ich sah nur aufgebretzelte junge Menschen, die eher so aussahen, als wären sie auf dem Weg in einen Club. Jedenfalls lag es außerhalb meiner Vorstellungskraft, dass Eltern ihre Kinder so durchgestylt und aufgemotzt zu deren Jugendweihe gehen lassen würden.
Spätestens während der Feierstunde als all die sorgfältig gerüschten und geföhnten Jugendlichen auf die Bühne gerufen wurden war es sicher, dass sie nicht nur zufällige Gäste in unpassendem Outfit waren.
Ich dachte an meine eigene Jugendweihe vor mittlerweile fünf Jahren. Damals war die Kleidung mehr als deutlich weniger hochgestochen gewesen, die drei oder vier Mädchen, die so auffällig aufgeputzt waren wie die weiblichen Jugendweiheteilnehmer es in diesem Jahr waren, wurden als eitel und übertrieben gekleidet beäugt, die Mehrheit beschränkte sich auf Rock und Bluse oder einen Hosenanzug, die Jungs machten keine Anstalten, im Anzug zu erscheinen sondern hielten Jeans und Hemd für völlig ausreichend.
Im Gespräch mit befreundeten Familien kristallisierte sich die Ansicht heraus, dass es völlig angemessen wäre, dem 13- oder 14- jährigen Sprössling für diesen Tag Kosmetikbesuch, Maniküre, Pediküre, einen Friseurbesuch, ein pompöses Kleid und professionelles Make-up zu gönnen. Mir kam der Gedanke, das ich anlässlich der Jugendweihe zum ersten Mal beim Friseur die Haare geschnitten bekam statt mich nur auf Muttis eingeschränkte Frisierkünste verlassen zu müssen.
Muss ich diesen Schock als Anzeichen dafür nehmen, dass ich alt werde? Ist das heute völlig normal, sein Kind wie einen kleinen Prinz und eine kleine Prinzessin zu hofieren?
Es waren ja nicht nur die High Heels, in denen wenn ich überhaupt darin stehen können würde ich wohl keine zehn Meter unfallfrei zurücklegen könnte, die mich in Erstaunen versetzten, den gleichen Effekt hatten auch die Ausmaße der Geschenke. Mal einfach so ein iPhone, weil das drei Monate vorher bekommene Smartphone ja nur von Samsung war, zweitausend Euro hier und dreitausend Euro da, ein Moped, falls man irgendwann mal einen Führerschein machen würde....
Ich dachte, ich wäre im falschen Film. Da hatte ich mich über dreihundert Euro, ein paar Bücher und eine Silberkette gefreut, während nun kleine Vermögen verschenkt wurden. Ist das die Inflation oder wie kann ich mir das erklären?
Millionenschwer ist jedenfalls keine der befreundeten Familien, deren Geschenkeflut ich miterleben konnte. Feiern mit weniger als zwanzig Gästen galten als klein und wenig gewinnbringend (Merke: jeder Gast = mindestens 50€), Einnahmen unter tausend Euro als enttäuschend.
Welches Interesse hätte ich als Mutter daran, meinem Kind ein so verschobenes Weltbild zu vermitteln? Ich halte es nicht für sinnvoll und normal, seine Wertschätzung derart zu ruinieren. Es muss ja nicht unbedingt in diesem Alter mit Geldwerten umgehen, die sich besser mit dem Wert von MacBooks als in dem von Alben beschreiben lassen. Lebensfremde verwöhnte Lieblinge, Püppchen, die erwarten, dass ihnen alles geschenkt wird, sind einfach nicht das, was ich für eine Bereicherung der Gesellschaft halte.
Vielleicht bin ich ja nur neidisch. Und doch frage ich mich, ob der aufwendige Putz und die Geschenkeberge den Tag wirklich zu einem besseren machen. Was soll man denn dann erst zu seiner Hochzeit anstellen, wenn jetzt schon von Maniküre bis hin zu Blumenlieferdienst und Catering alle Register gezogen wurden? Ich halte es für übertrieben, maßlos.
Überreagiere ich? Sind das verschrobene Wertvorstellungen, die das letzte Update der Gegenwart verpasst haben?
Vorerst bin ich froh, dass diese amerikanischen Sweet-Sixteen-Partys sich bei uns noch nicht durchgesetzt haben. Man braucht ja nicht noch mehr Anlässe, seinen Kindern bis zum Zuckerschock Puderzucker in den Allerwertesten zu blasen.
Meiner Meinung nach brauchen Kinder Liebe, Geborgenheit, Aufmerksamkeit und Freunde statt dem dritten Smartphone und Designerkleidung. Die wertvollsten Dinge sind die, welche man weder kaufen noch umtauschen kann.
Apfelkern
Mittwoch, 9. Mai 2012
Nachtaktiv und eingeschlafen
Aufregung, Herzklopfen im Vorfeld, dann im gefürchteten Moment das Gefühl der Taubheit, die Zeitlupenwahrnehmung. Ich war aufgeregt, mir war vor Nervosität schlecht und ich habe die mündliche Prüfung überlebt; einfach so. Im Nachhinein ist man immer schlauer und weiß nun natürlich, dass die ganze Aufregung umsonst und die Anforderungen überbewertet sind. Ich bin trotzdem recht froh, diesen Punkt nun abhaken zu können.
Danach wurde die bleischwere innere Ruhe sofort durch einen Adrenalinstoß weggespült. Erleichterung und Glücksgefühle sofort. Endlich kann ich wieder zu einem nichtprüfungsbezogenen Buch greifen, ohne ein schlechtes Gewissen eigentlich lernen zu müssen zu haben.
Die Liste der Dinge, die man machen will, ist gefühlt endlos. Lektüre, Filme, Freunde, Familie, Zukunft, Blogs, Podcasts hören, Handarbeiten, Aufräumen, Schlaf, Leben - alles wurde auf die Zeit nach den Prüfungen verschoben. Die ist jetzt.
Und obwohl ich jeden Tag 24 Stunden zur Verfügung habe, bemerke ich immer wieder, wie schnell die Zeit vergeht. Weil das Aufräumen länger dauert, man sich vor Filme mit Überlänge setzt, die Gespräche mit Freunden in stundenlange Redeorgien ausarten oder das tausendseitige Buch sich auch nicht von allein liest. Nicht vergessen darf man auch die Zeit für das Essen, Hygiene und Schlafen. Und schon sind vierundzwanzig Stunden wieder weg.
Eigentlich erwartet man, dass die Zeit schneller vergeht wenn man unter Stress steht, doch Freizeit vergeht mindestens genauso schnell. Mindestens, wenn nicht noch schneller.
Ich habe das Gefühl, nachts produktiver zu sein als am Tag. Vielleicht kommt der Gedanke daher, dass mich zu der Zeit niemand mehr in meiner Tätigkeit unterbricht, da viele bereits schlafen. Möglicherweise entsteht diese Wahrnehmung auch nur, weil die anderen schlafen, während ich noch aktiv bin. Als würde man Zeit gewinnen, die andere einfach verschlafen.
Nachts habe ich das Gefühl, am kreativsten zu sein.
Und um diese Phase ausnutzen zu können, bleibe ich natürlich auch länger wach. Zu Beginn kommt man sich noch ein wenig sonderbar vor, wenn um zehn Uhr abends Ruhe im Haus einkehrt, man selbst aber gerade die höchste Aktivitätsphase erreicht, doch man gewöhnt sich daran.
Wie heißt es so schön? Es gibt die Eulen und die Lerchen - die späten und die frühen Vögel. Da wundert es mich wenig, dass die Eulen momentan so hochgejubelt und beliebt sind. Schließlich stehen sie für die schönste Zeit des Tages.
Doch selbst wenn ich bis halb zwei wach war, verschlafe ich ungern den kompletten Vormittag. Es gibt mir das Gefühl, etwas zu verpassen, mich selbst abzukapseln. Das Tageslicht und Gesellschaft sind eben doch etwas, das ich schätze.
So bin ich inzwischen dazu übergegangen, spät schlafen zu gehen und dennoch um acht oder halb neun das Bett wieder zu verlassen. Dauerhaft, nicht nur für einen Toilettengang. Fünf oder sechs Stunden Schlaf scheinen gewöhnlich auch zu reichen.
Und dennoch gibt es da Tage, an denen es nicht reicht: müde tippt und liest man, bemerkt kaum noch die eigene Tätigkeit. Eine Sekunde der Unachtsamkeit und die Augenlider fallen herab, man verfällt in einen Standby-Zustand des körperlichen Verharrens und des geistigen Aufbegehrend gegen die lähmende Müdigkeit. Man kämpft gegen den Schlaf genauso an wie gegen den Hinweis der Vernunft, nun endlich mal die Augen zu öffnen und weiterzumachen oder auch einfach ins Bett zu gehen. Die Lider flattern im letzten Widerstand gegen den Schlaf.
So entschied ich mich gestern, doch vor um eins ins Bett zu gehen. Luschig.
Hätte ich weiter an diesem Post getippt, wäre er genau wie ich gedanklich immer weiter abgedriftet. Obwohl das bei den anderen im Halbschlaf beendeten Beiträgen auch anscheinend noch keinem aufgefallen ist...
Nachts erscheint mir alles viel intensiver, man ist weniger abgelenkt von seiner Umgebung und kann sich besser auf etwas fokussieren.
Bevor ich gestern so früh vor der Müdigkeit kapitulierte, war ich skaten. Eigentlich wollte ich die letzte Abendsonne dabei genießen, wie in schlechten Kitschfilmen dem Sonnenuntergang auf den Rollen entgegengleiten, doch dafür fuhr ich schon etwas zu spät los. Es wurde ein Skaten in der Dämmerung, der frühen Nacht. Ich war allein auf dem glatten Asphaltweg zwischen Wiesen und Bäumen entlang einem Stückchen Heide. Der Himmel hatte schon das Grau der Dämmerung angenommen und sich doch noch einen Schimmer der orangen Abendsonne bewahrt, es war angenehm warm ohne zu heiß zu sein. Die Vögel zwitscherten aufgeregt als wäre es helllichter Tag. Von anderen Menschen war auf dem Weg nichts zu sehen, es war wohl schon zu spät für die meisten von ihnen, doch die Tiere waren noch wach. Sie schienen genau wie ich recht nachtaktiv zu sein.
Ich bildete mir ein, Grillen zirpen zu hören. Insekten tanzten über dem aufgeheizten Weg. Ein Gefühl, als wäre es mitten im Sommer. Vielleicht ist es in der Savanne genauso, die Savannen meiner Vorstellung sehen jedenfalls so aus. Nur statt Asphaltweg gibt es Sandwege und Wasserlöcher mit wilden Tieren.
Lauer Abendwind und grüne Blätter, die von diesem bewegt mir zuwinkten. In der Geschwindigkeit des Skatens verschwamm alles zu einem sommerlichen Wirbel. Laternen gibt es nur in großen Abständen entlang des Weges, aber da das Licht uns inzwischen schon so viele Stunden erhalten bleibt, waren sie auch nicht wirklich nötig. Die gelegentlich auftauchenden Pfosten auf dem Weg erkannte ich auch so noch rechtzeitig. Das Licht hätte auch die Abendstimmung ruiniert.
Aus dem Geschwindigkeitsrausch, den Erlebnissen des Tages, dem Ambiente und den leisen, unterschwelligen Pianoklängen aus den Kopfhörern formte sich eine Abendeuphorie, ein Gefühl des Lächelns. Am Tage wäre es nicht so schön gewesen. Schon allein die erstaunte Verzückung, wenn die dunkle Laterne plötzlich angeht, sobald man unter ihr durchfährt, würde fehlen.
Momente in denen man sich wünscht, nicht schlafen zu müssen, um den gesamten Tag nutzen zu können. Und doch ist Schlaf auch etwas angenehmes, allein schon wegen der Wärme des Bettes und den wirren Träumen. Trotzdem bin ich entschlossen, ihn heute länger auf mich warten zu lassen.
Apfelkern
Danach wurde die bleischwere innere Ruhe sofort durch einen Adrenalinstoß weggespült. Erleichterung und Glücksgefühle sofort. Endlich kann ich wieder zu einem nichtprüfungsbezogenen Buch greifen, ohne ein schlechtes Gewissen eigentlich lernen zu müssen zu haben.
Die Liste der Dinge, die man machen will, ist gefühlt endlos. Lektüre, Filme, Freunde, Familie, Zukunft, Blogs, Podcasts hören, Handarbeiten, Aufräumen, Schlaf, Leben - alles wurde auf die Zeit nach den Prüfungen verschoben. Die ist jetzt.
Und obwohl ich jeden Tag 24 Stunden zur Verfügung habe, bemerke ich immer wieder, wie schnell die Zeit vergeht. Weil das Aufräumen länger dauert, man sich vor Filme mit Überlänge setzt, die Gespräche mit Freunden in stundenlange Redeorgien ausarten oder das tausendseitige Buch sich auch nicht von allein liest. Nicht vergessen darf man auch die Zeit für das Essen, Hygiene und Schlafen. Und schon sind vierundzwanzig Stunden wieder weg.
Eigentlich erwartet man, dass die Zeit schneller vergeht wenn man unter Stress steht, doch Freizeit vergeht mindestens genauso schnell. Mindestens, wenn nicht noch schneller.
Ich habe das Gefühl, nachts produktiver zu sein als am Tag. Vielleicht kommt der Gedanke daher, dass mich zu der Zeit niemand mehr in meiner Tätigkeit unterbricht, da viele bereits schlafen. Möglicherweise entsteht diese Wahrnehmung auch nur, weil die anderen schlafen, während ich noch aktiv bin. Als würde man Zeit gewinnen, die andere einfach verschlafen.
Nachts habe ich das Gefühl, am kreativsten zu sein.
Und um diese Phase ausnutzen zu können, bleibe ich natürlich auch länger wach. Zu Beginn kommt man sich noch ein wenig sonderbar vor, wenn um zehn Uhr abends Ruhe im Haus einkehrt, man selbst aber gerade die höchste Aktivitätsphase erreicht, doch man gewöhnt sich daran.
Wie heißt es so schön? Es gibt die Eulen und die Lerchen - die späten und die frühen Vögel. Da wundert es mich wenig, dass die Eulen momentan so hochgejubelt und beliebt sind. Schließlich stehen sie für die schönste Zeit des Tages.
Doch selbst wenn ich bis halb zwei wach war, verschlafe ich ungern den kompletten Vormittag. Es gibt mir das Gefühl, etwas zu verpassen, mich selbst abzukapseln. Das Tageslicht und Gesellschaft sind eben doch etwas, das ich schätze.
So bin ich inzwischen dazu übergegangen, spät schlafen zu gehen und dennoch um acht oder halb neun das Bett wieder zu verlassen. Dauerhaft, nicht nur für einen Toilettengang. Fünf oder sechs Stunden Schlaf scheinen gewöhnlich auch zu reichen.
Und dennoch gibt es da Tage, an denen es nicht reicht: müde tippt und liest man, bemerkt kaum noch die eigene Tätigkeit. Eine Sekunde der Unachtsamkeit und die Augenlider fallen herab, man verfällt in einen Standby-Zustand des körperlichen Verharrens und des geistigen Aufbegehrend gegen die lähmende Müdigkeit. Man kämpft gegen den Schlaf genauso an wie gegen den Hinweis der Vernunft, nun endlich mal die Augen zu öffnen und weiterzumachen oder auch einfach ins Bett zu gehen. Die Lider flattern im letzten Widerstand gegen den Schlaf.
So entschied ich mich gestern, doch vor um eins ins Bett zu gehen. Luschig.
Hätte ich weiter an diesem Post getippt, wäre er genau wie ich gedanklich immer weiter abgedriftet. Obwohl das bei den anderen im Halbschlaf beendeten Beiträgen auch anscheinend noch keinem aufgefallen ist...
Nachts erscheint mir alles viel intensiver, man ist weniger abgelenkt von seiner Umgebung und kann sich besser auf etwas fokussieren.
Bevor ich gestern so früh vor der Müdigkeit kapitulierte, war ich skaten. Eigentlich wollte ich die letzte Abendsonne dabei genießen, wie in schlechten Kitschfilmen dem Sonnenuntergang auf den Rollen entgegengleiten, doch dafür fuhr ich schon etwas zu spät los. Es wurde ein Skaten in der Dämmerung, der frühen Nacht. Ich war allein auf dem glatten Asphaltweg zwischen Wiesen und Bäumen entlang einem Stückchen Heide. Der Himmel hatte schon das Grau der Dämmerung angenommen und sich doch noch einen Schimmer der orangen Abendsonne bewahrt, es war angenehm warm ohne zu heiß zu sein. Die Vögel zwitscherten aufgeregt als wäre es helllichter Tag. Von anderen Menschen war auf dem Weg nichts zu sehen, es war wohl schon zu spät für die meisten von ihnen, doch die Tiere waren noch wach. Sie schienen genau wie ich recht nachtaktiv zu sein.
Ich bildete mir ein, Grillen zirpen zu hören. Insekten tanzten über dem aufgeheizten Weg. Ein Gefühl, als wäre es mitten im Sommer. Vielleicht ist es in der Savanne genauso, die Savannen meiner Vorstellung sehen jedenfalls so aus. Nur statt Asphaltweg gibt es Sandwege und Wasserlöcher mit wilden Tieren.
Lauer Abendwind und grüne Blätter, die von diesem bewegt mir zuwinkten. In der Geschwindigkeit des Skatens verschwamm alles zu einem sommerlichen Wirbel. Laternen gibt es nur in großen Abständen entlang des Weges, aber da das Licht uns inzwischen schon so viele Stunden erhalten bleibt, waren sie auch nicht wirklich nötig. Die gelegentlich auftauchenden Pfosten auf dem Weg erkannte ich auch so noch rechtzeitig. Das Licht hätte auch die Abendstimmung ruiniert.
Aus dem Geschwindigkeitsrausch, den Erlebnissen des Tages, dem Ambiente und den leisen, unterschwelligen Pianoklängen aus den Kopfhörern formte sich eine Abendeuphorie, ein Gefühl des Lächelns. Am Tage wäre es nicht so schön gewesen. Schon allein die erstaunte Verzückung, wenn die dunkle Laterne plötzlich angeht, sobald man unter ihr durchfährt, würde fehlen.
Momente in denen man sich wünscht, nicht schlafen zu müssen, um den gesamten Tag nutzen zu können. Und doch ist Schlaf auch etwas angenehmes, allein schon wegen der Wärme des Bettes und den wirren Träumen. Trotzdem bin ich entschlossen, ihn heute länger auf mich warten zu lassen.
Apfelkern
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Sonntag, 6. Mai 2012
Musik to go
Ja, ich komme momentan zu nix. Kein Blogpost und Kommentare nur sehr spärlich. Meine mündliche Abiturprüfung steht bevor und ich bin nervöser als vor jeder schriftlichen Prüfung. Wenn ich wollte, könnte ich spontan in Panik verfallen. Mache ich aber nicht. Dachte ich. Hoffe ich.
Dennoch will ich nicht meinen Beitrag zu Konnas musikalischem Projekt 52 auslassen. Immerhin habe ich die letzten 43 Themen nicht ausnahmslos bearbeitet, um jetzt die Kette zu unterbrechen. So nicht, Freunde.
Ich habe mir nicht lange Gedanken zum aktuellen Thema Bus- und Zugfahrt gemacht. Zuerst kam mir der Gedanke, das schottische Lied "Loch Lomond" zu wählen, doch die Interpretationen, die ich fand hatten einfach nicht den Charme der von meiner Mutter enthusiastisch und schief gesungenen Version, die ich in Erinnerung hatte. Dabei hat sie uns damit während der Autofahrten des Urlaubs in Schottland damit so viel Freude bereitet.
Im Zug nutze ich die Zeit gern zum Lesen. Musikalisch würde ich daher etwas ruhiges, sanft dahinfließendes bevorzugen, um es im Hintergrund hören zu können, ohne dabei das Lesen zu stören. So entschied ich mich für das Pianostück, das gefühlt jeder zweite als sein liebstes Pianostück nennt und es mir dadurch langsam fast pseudointelligent erscheint, sich auch dazu zu bekennen. Aber ich mochte es natürlich sowieso schon vor allen anderen.
Comptine d'un autre été von Yann Tiersen. Was auch immer die französischen Worte bedeuten - ich mag das Lied sehr.
Und nun zurück zur Panik.
Apfelkern
Dennoch will ich nicht meinen Beitrag zu Konnas musikalischem Projekt 52 auslassen. Immerhin habe ich die letzten 43 Themen nicht ausnahmslos bearbeitet, um jetzt die Kette zu unterbrechen. So nicht, Freunde.
Ich habe mir nicht lange Gedanken zum aktuellen Thema Bus- und Zugfahrt gemacht. Zuerst kam mir der Gedanke, das schottische Lied "Loch Lomond" zu wählen, doch die Interpretationen, die ich fand hatten einfach nicht den Charme der von meiner Mutter enthusiastisch und schief gesungenen Version, die ich in Erinnerung hatte. Dabei hat sie uns damit während der Autofahrten des Urlaubs in Schottland damit so viel Freude bereitet.
Im Zug nutze ich die Zeit gern zum Lesen. Musikalisch würde ich daher etwas ruhiges, sanft dahinfließendes bevorzugen, um es im Hintergrund hören zu können, ohne dabei das Lesen zu stören. So entschied ich mich für das Pianostück, das gefühlt jeder zweite als sein liebstes Pianostück nennt und es mir dadurch langsam fast pseudointelligent erscheint, sich auch dazu zu bekennen. Aber ich mochte es natürlich sowieso schon vor allen anderen.
Und nun zurück zur Panik.
Apfelkern
Donnerstag, 3. Mai 2012
Außenwirkung
Man ist sein gesamtes Leben mit sich selbst zusammen, keine Sekunde erlebt man ohne die eigene Anwesenheit. Wie auch. Schon allein durch diese Tatsache sollte man sich selbst in- und auswendig kennen, doch oft habe ich das Gefühl, dass es nur scheinbar so ist.
Ich kenne meine Gedanken, meine Schwächen und Fehler, meine Vorteile und Schokoladenseiten, meine Wünsche und Ängste gut. Genauso weiß ich, wie die Farbe meiner Augen im Licht aussieht, wie meine Stimme klingt, wie ich lache und wie ich unbewusst manchmal die Nase runzle, um die Brille hochzuschieben.
Und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass man sich selbst anders wahrnimmt, als man von anderen wahrgenommen wird.
Es fängt schon bei der Stimme an. Man hört sich selbst beim Sprechen ganz anders, als es von der Umgebung wahrgenommen wird. Spätestens bei Aufnahmen der eigenen Stimme wird man mit der Realität konfrontiert und über deren ungewohnten Klang staunen.
Da verbringt man Jahre mit seiner Stimme nur um dann festzustellen, dass sie sich in Wirklichkeit ganz anders anhört.
Üblicherweise gelangt unsere Stimme vom Kehlkopf über den Schädelknochen an unser Trommelfell und genau diesen Klang sind wir gewohnt. Bei einer Aufnahme nimmt die Stimme einen anderen Weg und erreicht über die Luft das Trommelfell, was zu dem anderen Klang führt. Und zu Verwirrung.
Die Stimme, die aus dem Lautsprecher kommt klingt fremd und ist die doch eigene. Daran hat das Hirn zu knabbern.
Sehe ich Videoaufnahmen von mir, bin ich auch immer wieder erstaunt, wie ich mich bewege. Wem fällt die eigene typische Gestik schon auf, wenn man sie doch unbewusst einsetzt? Woher soll ich denn wissen, wie ich aussehe, wenn ich renne? Für gewöhnlich filmt man sich nicht dabei, um die eigenen Bewegungen observieren zu können.
Ich könnte viele typische Bewegungen von Freunden und Familie beschreiben, doch die eigenen nicht. Man beobachtet ständig andere und sieht sich selbst vielleicht vier mal täglich im Spiegel, was vergleichsweise wenig ist. Lange Selbstbetrachtungen sind merkwürdig, nach einigen Minuten stehe ich meist kurz davor, meinen Augen ein Ey, was glotzt ihr so? an den Kopf zu werfen. Na ja, an den metaphorischen Kopf. Je länger man etwas ansieht, desto seltsamer wird dieser Anblick. Man zerlegt das Bild mental in kleine Teile, sieht etwas anderes als das eigentliche Objekt oder zumindest das, als was es bei einem flüchtigen Blick erscheinen würde. Genauso zerfällt auch der Sinn eines Wortes, wenn man es oft genug wiederholt.
Schon allein der Fakt, dass man sich im Spiegel immer seitenverkehrt sieht und so der Scheitel auf Bildern immer anders aussieht als man es selbst gewohnt ist, verwirrt. Teilweise komme ich mir wie ein Fremder vor, wenn ich mich auf Bildern oder in Videos betrachte.
Sagt man nicht immer, man würde sich selbst am Besten kennen?
Innerlich mag das zutreffen, denn das Innere ist allein der eigenen Person permanent zugänglich während man es mit anderen nur selektiv teilt. Das Äußere aber ist dauerhaft sichtbar für alle außer denjenigen, der darin steckt.
Manchmal denke ich, der Körper ist ein wenig wie ein UFO. Man steckt in einem Raumschiff, das man nur kurz und in verzerrter Form zu Gesicht bekommt und navigiert darin durch eine fremde Umgebung auf der Suche nach einem sicheren Landeplatz. Ja, selten so ein sinnfreies Bild ausgemalt aber ich musste den Gedanken äußern.
Der Gedanke, dass die Menschen früher oft ohne Möglichkeit waren, das eigene Erscheinungsbild zu betrachten, fasziniert mich. Ganz nach dem Motto "Ich sehe was, was du nicht siehst" wusste man, wie andere aussahen, hätte sich selbst der eigenen Spiegelung im Wasser nicht zuordnen können. Würde man sich anders verhalten, wenn man nicht wüsste, wie man aussieht?
Ich vermute sogar, dass man sich einfach gar keine Gedanken darüber machen würde, weil man mit der Problematik gar nicht konfrontiert würde. Wenn kein Fokus auf dem Äußeren liegt, sorgt man sich auch nicht darum. Man würde vielleicht denken, dass man genau wie die anderen aussehen muss. Warum auch nicht.
Heute beschäftigen wir uns ausgiebig mit unserem Äußeren, studieren unsere Wirkung auf andere. Natürlich gab es das schon in den letzten Jahrhunderten, doch ich bezweifle, dass es in diesem Ausmaß stattfand. Ich bin immer wieder beeindruckt von der Masse der Zeitschriften, Sendungen und Websites mit dem Thema der Schönheit. Die Frisur, die Kleidung, das Make-Up, die Figur selbst - alles wollen wir kontrollieren, nach vorgegebenen Maßstäben gestalten. Was versprechen wir uns davon?
Akzeptanz, nehme ich an, denn das wäre ein offensichtliches Vorteil, wenn man sie allein durch seine Erscheinung erzielen könnte.
Je mehr wir uns mit unserem Erscheinungsbild auseinandersetzen und es bewusst verändern, umso kontrollierter wird es. Die Gestik verliert an Natürlichkeit, das Haar wird nicht gedankenverloren gezwirbelt, sondern bewusst über die Schulter geworfen. Klingt nicht schlecht, wir ersparen uns damit vielleicht peinliche Kleinigkeiten (wenn man so konzentriert in die Leere starrt, dass andere denken, man sei ins Koma gefallen...), doch ginge damit nicht auch ein Verlust des natürlichen Charmes einher?
Mit dem Ordnen des Inneren ist man nicht selten auch schon beschäftigt. Manchmal reagiere ich in einer Weise, die ich nicht von mir erwartet hätte. Neue Gedanken und Wünsche entwickeln sich, die ich nicht in meinem Kopf zu finden gedacht hätte.
Man verändert sich sein ganzes Leben lang innerlich, reift, wächst. Und alles, was die meisten sehen, ist die Veränderung des Äußeren. Es gibt Faltencreme für die Krähenfüße, doch was ist mit dem Rest? Von Seelenbalsam habe ich nur in metaphorischem Sinn gehört.
Wir sind so fixiert auf das Äußere. Es ist natürlich nicht unwichtig, ist es doch auch Zeichen des Gesundheitsstandes des Individuums und schon allein deshalb ein wichtiges Signal an unsere Umwelt und instinktiv auch ein Wahlkriterium bei der Suche von Freunden und Partner, doch es lenkt auch vom Inneren ab.
Man darf sich geschmeichelt fühlen, wenn man Komplimente für sein Äußeres erhält und nicht anders ergeht es mir, wenn man mir ein solches in angemessener Form gemacht wird. Die Freude über ein Kompliment zu meiner Persönlichkeit aber ist unendlich größer. Es zeigt mir, dass sich jemand wirklich Gedanken gemacht hat, sich mit mir auseinandergesetzt hat.
Lobende Worte über das Gesicht des anderen sind schnell gefunden, das Innere des anderen muss man erst erkennen, um es loben zu können. Der Reiz, unter die Oberfläche eines Menschen zu sehen ist für mich auch größer als diese nur anzustarren. Durch reines äußeres Betrachten kann man sich nie blind vertrauen, sondern könnte viel mehr erschreckt werden, wenn eine Welle aus dem Gefäß schwappt und sich zeigt, was darin ist.
Will man denn allein aufgrund der äußere Erscheinung in eine Gruppe integriert werden? Hält das eigene Äußere andere davon ab, wünscht man sich logischerweise das Gegenteil, was ich für ganz normal halte. Verschrecken möchte man natürlich nicht. Mir käme aber auch der Gedanke, dass in zu Gruppen, die mich nur rein oberflächlich betrachten, nicht dazugehören wollen würde.
Schließlich sind wir mehr als eine Hülle, mehr als die Summe des Ganzen. Die Hülle ist im optimalen Fall Anregung, sich mit ihrem Inhalt zu beschäftigen. Das Auge soll das Tor zur Seele sein. Leider bemerkt man es nicht, wenn man bloß auf seine Schönheit achtet.
Es klingt, als würde mir ein schönes Äußeres missfallen. Das ist falsch, denn allein der Urmensch in uns allen achtet sehr darauf, doch natürlich fühlt sich auch der Sinn für Ästhetik von einem schönen Körper angesprochen. Nur sollte es noch mehr geben, dass einen anspricht es sei denn man interessiert sich ausschließlich für schmückendes Beiwerk.
Es kostet mich ein wenig Überwindung, jemandem an dessen Persönlichkeit und Freundschaft ich interessiert bin, Komplimente zu seinem Äußeren zu machen. Ich möchte demjenigen nicht das Gefühl geben, ihn auf seine Hülle zu reduzieren.
Gleichzeitig fühle ich mich unfreundlich, kein Lob zu äußern, dass sich mental bereits geformt hat. Es dauert eine Weile, bis ich diese Komplimente herauslasse. Ich will den anderen nicht verschrecken und mache es vielleicht genau durch dieses Zurückhalten der Worte. Dabei möchte ich doch nur ausrücken, dass die Hülle nicht mein Hauptinteresse ist.
Körper und Geist bilden eine Einheit, beeinflussen sich gegenseitig in ihrem Wohlergehen.
Dennoch sind sie grundverschieden. Planung und Umsetzung, Phantasie und Realität, greifbar und flüchtig. Der eine degeneriert im Laufe des Lebens nach Erreichen eines Höhepunktes und der andere wächst und blüht weiter.
Man kann Körper und Geist eigentlich nicht trennen und doch versuchen wir es. Models beispielsweise werden rein auf das Äußere reduziert beurteilt. Ich würde mich schon allein deshalb nicht in diese Position begeben wollen, weil ich Angst hätte, aus dieser Position nicht mehr herauszukommen.
Autoren haben das Glück, mit ihren wortgewordenen Gedanken zuerst auf geistiger Ebene überzeugen zu können und nicht nach dem ersten Blick beurteilt zu werden. Gegen die Einschätzung des Äußeren, der Statur, Mimik und Gestik können wir uns nicht wehren, wir nehmen sie instinktiv vor und das ist für eine erste Einschätzung auch gut so.
Wir sollten sie aber nicht zu hoch bewerten, weitere Bewertungsschwerpunkte setzen. Schließlich wählen wir auch unser Müsli nicht nur nach der Schönheit seiner Verpackung aus oder ärgern uns bald über ungenießbare pappige Kornflocken.
Apfelkern
Ich kenne meine Gedanken, meine Schwächen und Fehler, meine Vorteile und Schokoladenseiten, meine Wünsche und Ängste gut. Genauso weiß ich, wie die Farbe meiner Augen im Licht aussieht, wie meine Stimme klingt, wie ich lache und wie ich unbewusst manchmal die Nase runzle, um die Brille hochzuschieben.
Und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass man sich selbst anders wahrnimmt, als man von anderen wahrgenommen wird.
Es fängt schon bei der Stimme an. Man hört sich selbst beim Sprechen ganz anders, als es von der Umgebung wahrgenommen wird. Spätestens bei Aufnahmen der eigenen Stimme wird man mit der Realität konfrontiert und über deren ungewohnten Klang staunen.
Da verbringt man Jahre mit seiner Stimme nur um dann festzustellen, dass sie sich in Wirklichkeit ganz anders anhört.
Üblicherweise gelangt unsere Stimme vom Kehlkopf über den Schädelknochen an unser Trommelfell und genau diesen Klang sind wir gewohnt. Bei einer Aufnahme nimmt die Stimme einen anderen Weg und erreicht über die Luft das Trommelfell, was zu dem anderen Klang führt. Und zu Verwirrung.
Die Stimme, die aus dem Lautsprecher kommt klingt fremd und ist die doch eigene. Daran hat das Hirn zu knabbern.
Sehe ich Videoaufnahmen von mir, bin ich auch immer wieder erstaunt, wie ich mich bewege. Wem fällt die eigene typische Gestik schon auf, wenn man sie doch unbewusst einsetzt? Woher soll ich denn wissen, wie ich aussehe, wenn ich renne? Für gewöhnlich filmt man sich nicht dabei, um die eigenen Bewegungen observieren zu können.
Ich könnte viele typische Bewegungen von Freunden und Familie beschreiben, doch die eigenen nicht. Man beobachtet ständig andere und sieht sich selbst vielleicht vier mal täglich im Spiegel, was vergleichsweise wenig ist. Lange Selbstbetrachtungen sind merkwürdig, nach einigen Minuten stehe ich meist kurz davor, meinen Augen ein Ey, was glotzt ihr so? an den Kopf zu werfen. Na ja, an den metaphorischen Kopf. Je länger man etwas ansieht, desto seltsamer wird dieser Anblick. Man zerlegt das Bild mental in kleine Teile, sieht etwas anderes als das eigentliche Objekt oder zumindest das, als was es bei einem flüchtigen Blick erscheinen würde. Genauso zerfällt auch der Sinn eines Wortes, wenn man es oft genug wiederholt.
Schon allein der Fakt, dass man sich im Spiegel immer seitenverkehrt sieht und so der Scheitel auf Bildern immer anders aussieht als man es selbst gewohnt ist, verwirrt. Teilweise komme ich mir wie ein Fremder vor, wenn ich mich auf Bildern oder in Videos betrachte.
Sagt man nicht immer, man würde sich selbst am Besten kennen?
Innerlich mag das zutreffen, denn das Innere ist allein der eigenen Person permanent zugänglich während man es mit anderen nur selektiv teilt. Das Äußere aber ist dauerhaft sichtbar für alle außer denjenigen, der darin steckt.
Manchmal denke ich, der Körper ist ein wenig wie ein UFO. Man steckt in einem Raumschiff, das man nur kurz und in verzerrter Form zu Gesicht bekommt und navigiert darin durch eine fremde Umgebung auf der Suche nach einem sicheren Landeplatz. Ja, selten so ein sinnfreies Bild ausgemalt aber ich musste den Gedanken äußern.
Der Gedanke, dass die Menschen früher oft ohne Möglichkeit waren, das eigene Erscheinungsbild zu betrachten, fasziniert mich. Ganz nach dem Motto "Ich sehe was, was du nicht siehst" wusste man, wie andere aussahen, hätte sich selbst der eigenen Spiegelung im Wasser nicht zuordnen können. Würde man sich anders verhalten, wenn man nicht wüsste, wie man aussieht?
Ich vermute sogar, dass man sich einfach gar keine Gedanken darüber machen würde, weil man mit der Problematik gar nicht konfrontiert würde. Wenn kein Fokus auf dem Äußeren liegt, sorgt man sich auch nicht darum. Man würde vielleicht denken, dass man genau wie die anderen aussehen muss. Warum auch nicht.
Heute beschäftigen wir uns ausgiebig mit unserem Äußeren, studieren unsere Wirkung auf andere. Natürlich gab es das schon in den letzten Jahrhunderten, doch ich bezweifle, dass es in diesem Ausmaß stattfand. Ich bin immer wieder beeindruckt von der Masse der Zeitschriften, Sendungen und Websites mit dem Thema der Schönheit. Die Frisur, die Kleidung, das Make-Up, die Figur selbst - alles wollen wir kontrollieren, nach vorgegebenen Maßstäben gestalten. Was versprechen wir uns davon?
Akzeptanz, nehme ich an, denn das wäre ein offensichtliches Vorteil, wenn man sie allein durch seine Erscheinung erzielen könnte.
Je mehr wir uns mit unserem Erscheinungsbild auseinandersetzen und es bewusst verändern, umso kontrollierter wird es. Die Gestik verliert an Natürlichkeit, das Haar wird nicht gedankenverloren gezwirbelt, sondern bewusst über die Schulter geworfen. Klingt nicht schlecht, wir ersparen uns damit vielleicht peinliche Kleinigkeiten (wenn man so konzentriert in die Leere starrt, dass andere denken, man sei ins Koma gefallen...), doch ginge damit nicht auch ein Verlust des natürlichen Charmes einher?
Mit dem Ordnen des Inneren ist man nicht selten auch schon beschäftigt. Manchmal reagiere ich in einer Weise, die ich nicht von mir erwartet hätte. Neue Gedanken und Wünsche entwickeln sich, die ich nicht in meinem Kopf zu finden gedacht hätte.
Man verändert sich sein ganzes Leben lang innerlich, reift, wächst. Und alles, was die meisten sehen, ist die Veränderung des Äußeren. Es gibt Faltencreme für die Krähenfüße, doch was ist mit dem Rest? Von Seelenbalsam habe ich nur in metaphorischem Sinn gehört.
Wir sind so fixiert auf das Äußere. Es ist natürlich nicht unwichtig, ist es doch auch Zeichen des Gesundheitsstandes des Individuums und schon allein deshalb ein wichtiges Signal an unsere Umwelt und instinktiv auch ein Wahlkriterium bei der Suche von Freunden und Partner, doch es lenkt auch vom Inneren ab.
Man darf sich geschmeichelt fühlen, wenn man Komplimente für sein Äußeres erhält und nicht anders ergeht es mir, wenn man mir ein solches in angemessener Form gemacht wird. Die Freude über ein Kompliment zu meiner Persönlichkeit aber ist unendlich größer. Es zeigt mir, dass sich jemand wirklich Gedanken gemacht hat, sich mit mir auseinandergesetzt hat.
Lobende Worte über das Gesicht des anderen sind schnell gefunden, das Innere des anderen muss man erst erkennen, um es loben zu können. Der Reiz, unter die Oberfläche eines Menschen zu sehen ist für mich auch größer als diese nur anzustarren. Durch reines äußeres Betrachten kann man sich nie blind vertrauen, sondern könnte viel mehr erschreckt werden, wenn eine Welle aus dem Gefäß schwappt und sich zeigt, was darin ist.
Will man denn allein aufgrund der äußere Erscheinung in eine Gruppe integriert werden? Hält das eigene Äußere andere davon ab, wünscht man sich logischerweise das Gegenteil, was ich für ganz normal halte. Verschrecken möchte man natürlich nicht. Mir käme aber auch der Gedanke, dass in zu Gruppen, die mich nur rein oberflächlich betrachten, nicht dazugehören wollen würde.
Schließlich sind wir mehr als eine Hülle, mehr als die Summe des Ganzen. Die Hülle ist im optimalen Fall Anregung, sich mit ihrem Inhalt zu beschäftigen. Das Auge soll das Tor zur Seele sein. Leider bemerkt man es nicht, wenn man bloß auf seine Schönheit achtet.
Es klingt, als würde mir ein schönes Äußeres missfallen. Das ist falsch, denn allein der Urmensch in uns allen achtet sehr darauf, doch natürlich fühlt sich auch der Sinn für Ästhetik von einem schönen Körper angesprochen. Nur sollte es noch mehr geben, dass einen anspricht es sei denn man interessiert sich ausschließlich für schmückendes Beiwerk.
Es kostet mich ein wenig Überwindung, jemandem an dessen Persönlichkeit und Freundschaft ich interessiert bin, Komplimente zu seinem Äußeren zu machen. Ich möchte demjenigen nicht das Gefühl geben, ihn auf seine Hülle zu reduzieren.
Gleichzeitig fühle ich mich unfreundlich, kein Lob zu äußern, dass sich mental bereits geformt hat. Es dauert eine Weile, bis ich diese Komplimente herauslasse. Ich will den anderen nicht verschrecken und mache es vielleicht genau durch dieses Zurückhalten der Worte. Dabei möchte ich doch nur ausrücken, dass die Hülle nicht mein Hauptinteresse ist.
Körper und Geist bilden eine Einheit, beeinflussen sich gegenseitig in ihrem Wohlergehen.
Dennoch sind sie grundverschieden. Planung und Umsetzung, Phantasie und Realität, greifbar und flüchtig. Der eine degeneriert im Laufe des Lebens nach Erreichen eines Höhepunktes und der andere wächst und blüht weiter.
Man kann Körper und Geist eigentlich nicht trennen und doch versuchen wir es. Models beispielsweise werden rein auf das Äußere reduziert beurteilt. Ich würde mich schon allein deshalb nicht in diese Position begeben wollen, weil ich Angst hätte, aus dieser Position nicht mehr herauszukommen.
Autoren haben das Glück, mit ihren wortgewordenen Gedanken zuerst auf geistiger Ebene überzeugen zu können und nicht nach dem ersten Blick beurteilt zu werden. Gegen die Einschätzung des Äußeren, der Statur, Mimik und Gestik können wir uns nicht wehren, wir nehmen sie instinktiv vor und das ist für eine erste Einschätzung auch gut so.
Wir sollten sie aber nicht zu hoch bewerten, weitere Bewertungsschwerpunkte setzen. Schließlich wählen wir auch unser Müsli nicht nur nach der Schönheit seiner Verpackung aus oder ärgern uns bald über ungenießbare pappige Kornflocken.
Apfelkern
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