Dienstag, 12. Januar 2016

Detox-Detox

Neues Jahr, neues Glück, neues ich. Das liest man gerade gefühlt überall. Ein großer Wunsch bei vielen ist es, gesünder zu leben. Mehr Sport, weniger Alkohol, mehr Gemüse essen. Mal so richtig detoxen.

Detox ist ein Wort, das ich sehr zwiegespalten betrachte.
Detox ist ohne Zweifel momentan Trend. Es gibt Detox Tees, Detox Pulver, Detox Kur Anleitungen, Detox Fußpads, Detox Saftkuren, die regelmäßig Fruchtpürees liefern und noch viel mehr. Sie alle haben es sich auf die Fahne geschrieben, dem Anwender die "Toxine" aus dem Körper zu spülen. So richtig detoxifizieren; entgiften. Genauere wissenschaftliche biochemische Angaben, was für Toxine das sein sollen, habe ich nirgendwo gefunden.

Es gibt viele Formen von Entgiftung, die der gesunde Körper täglich von allein vollzieht ohne dass wir dazu viel beitragen müssen. Es werden Stoffwechselendprodukte wie zum Beispiel Harnstoff oder Bilirubin über Urin und Kot ausgeschieden, der Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt wird souverän von den Nieren gemanaged und die Lunge kümmert sich darum, dass CO2 abgeatmet wird, während die Leber falls nötig Medikamente und Drogen abbaut.
Wenn das nicht funktioniert, weil die einzelnen Organe beeinträchtigt sind, müssen ihre Funktionen unterstützt werden. Klassisches Beispiel ist die Dialyse als Nierenersatzverfahren oder die Beatmung und Sauerstoffgabe bis hin zur ECMO, wenn die Lunge es aus einem der zahlreichen möglichen Gründe nicht schafft, ihre Funktion zu erfüllen.
Krankenhäuser sind darauf spezialisiert, Patienten mit nicht funktionierenden Organen zu entgiften. Aber machen sie das je mit Fußpads, Grünkohl-Smoothies oder Detox-Badesalzen? Nein. Und das hat nicht nur den Grund, dass Kräutertees mit dem stolzen Preis von 25 Euro pro 100g von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt werden, sondern dass die einfach nicht entgiften.

Versteht mich nicht falsch: Ich liebe Tees und Kräutertee ist ein großartiges Getränk. Bloß es ist einfach nur ein Getränk und kein Detox-Wundermittel.
Warum berichten nun aber so viele Detoxgläubige unter den Angeboten der Kräutertees für 25 Euro pro 100g so begeistert, dass sie sich jetzt viel fitter fühlen und 1 Kilogramm abgenommen haben seitdem sie den Tee trinken und den Ernährungshinweisen aus der Teepackung folgen? Ganz einfach: Wenn man vorher vor allem süße Cola getrunken und dazu in aller Eile Tiefkühlpizza vorm Fernseher inhaliert hat, macht es schon einen großen kalorischen Unterschied, wenn man nun nur noch Kräutertee säuft und dazwischen seine rohköstlich veganen Salate mit püriertem Grünkohl runter spült. Die Ernährungsumstellung würde aber auch effektiv sein, wenn man dazu den preiswerten Kräutertee seiner Wahl aus dem Supermarkt seines Vertrauens trinken würde.

Aber klar: wenn ich schon so viel Geld für einen schnöden Tee ausgegeben hätte, würde ich mich auch verpflichtet fühlen, dessen Empfehlungen für die gesunde Lebensweise zu befolgen, um die maximalen Erfolge für mein Geld zu bekommen.
Alles, was die Menschen dazu bringt, sich bewusster zu ernähren, sich zu bewegen und Tee statt Zuckerwasser zu trinken ist eine gute Sache. Trotzdem fühlt es sich unglaublich falsch an zu beobachten, wie Firmen unverhältnismäßig viel Geld für normale Lebensmittel verlangen, nur weil sie die Verpackung hübsch gestaltet und "Detox" drauf gedruckt haben. Klar kann ich mir drei Tage lang täglich fünf frische Smoothies für insgesamt 150€ liefern lassen. Oder ich spare mir einen Großteil davon und püriere selbst mein Obst. Großer Nachteil: es fehlt natürlich die wunderhübsche Smoothieflasche für meine Detox-Instagrambilder.

Also: glaubt nicht an diese Detox Versprechen! Der wirkliche Detox wäre es, die "Toxine", deren Konsum wir kontrollieren können, auszulassen. Sprich nicht Rauchen und nicht so viel Alkohol beziehungsweise theoretisch am besten keinen trinken und so weiter. Und wenn man es bereits getan hat, dann hilft der Ablasshandel für Sünden im Umgang mit dem eigenen Körper, den die ganzen Detoxprodukte letztlich darstellen, auch nicht mehr. Oder wie stellt ihr euch das konkret vor, wie Tees, Fußpads und Smoothies Teer aus der Lunge entfernen und Doppelstrangbrüche in der DNA reparieren?
Grundsätzlich versucht die Detox-Bewegung einfach eine gesunde ausgewogene Lebensweise anzupreisen und das ist prinzipiell super. Jedoch benötigt gesunde Ernährung, die falls man so hart ist auch Grünkohlsmoothies enthalten kann, keine zusätzlichen Detoxprodukte. Diese Erkenntnis vermarktet sich nur leider so schlecht und bringt keinen Gewinn.
Regelmäßiger Stuhlgang und Wasser lassen sind mehr Detox als diese Produkte dem Körper je bieten könnten.

So, fertig geschimpft. Mein Geist fühlt sich jetzt sehr detoxed an.

Kommentare:

  1. Warte, es gibt Detox-Fußpads? Man lernt auch nie aus.

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    1. Alles kann Detox sein! Wir sollten uns jetzt sofort die Detox-Wolle patentieren lassen. "Detox-Wolle - entzieht ihnen bei Hautkontakt Toxine. Durch Waschen mit unserem Detox-Spezialwaschmittel kann man diesen Effekt immer wieder erleben."

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  2. Als ich die Überschrift in meinem Dashboard gesehen hab, hatte ich leichte Bauchschmerzen bekommen beim Gedanken, du könntest in den Detox Wahn verfallen sein! xD Erschreck mich nicht noch mal so!

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    1. Hihi, ich habe mich nur vom Detoxwahnsinn detoxed - keine Sorge, ich werde hier keine Anleitungen für Saftkuren und Werbung für Tee posten. Schlimm genug, dass du mir das zutraust!

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  3. Später, wenn ich durch zu wenig Detox krank werde, komm ich in deine Praxis.

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    1. Ich freue mich darauf! Du bist dann wahrscheinlich der erste Fall mit Detox-Mangel und eine solche Rarität, dass wir einen Case Report über deine Krankengeschichte im Britisch Medical Journal veröffentlichen können.

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    2. Britisch…schreibt man original auch auf englisch so…ich schwör…

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  4. Sehr informativ - danke! Gegen schädliche Stoffe und Umweltverschmutzung bzw. Luftverschmutzung muss was getan werden! Meine Temperatur Sensoren zeigen CO2 Werte an, die alles andere als gut sind!

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    1. SpamSpamSpamSpamSpamSpamSpamSpamSpamSpamSpamSpamSpam!

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  5. "Krankenhäuser sind darauf spezialisiert, Patienten mit nicht funktionierenden Organen zu entgiften. Aber machen sie das je mit Fußpads, Grünkohl-Smoothies oder Detox-Badesalzen?" - Ich würde zu gerne das Gesicht des Nephro-Chefarztes sehen, wenn ihm das jemand vorschlägt!

    (Ok, drei Kommentare hintereinander, gleich werd ich hier als Spam markiert... Sorry! Bin nur neu auf deinem Blog und musste mich umschauen!)

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    1. Keine Sorge vor dem Spamfilter - ich freue mich gerade total, dass du dich auf meinem Blog wohl fühlst und fleißig kommentierst. Du darfst gern wieder kommen!

      Und ich glaube die Patienten wären sehr angetan, wenn sie statt zur Dialyse zu gehen sich einfach Detox-Fußpads aufkleben könnten.

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