Donnerstag, 9. August 2012

Tempus fugit

Ein Blick auf den Kalender. Es ist Anfang August; na ja, fast schon wieder Mitte August. Moment - hatte das Jahr nicht gerade erst begonnen?
Es kommt mir vor als wäre es gestern gewesen, dass wir das Jahr 2012 mit Fondue, Luftschlangen und Wunderkerzen begrüßten. Inzwischen sind aber schon mehr als drei Viertel davon vergangen. Krass.
Ich habe zwar schon einiges erlebt und darunter sogar diverse wunderschöne Momente, doch reichen sie, um das Zeitverstreichen bis zum Monat August zu erklären?
In der Verwandtschaft wird ein vierzehnter Geburtstag begonnen. na nu - fand nicht vor nicht allzu langer Zeit mein vierzehntes Wiegenfest statt?

Ich erinnere mich gut an meine ersten Sommerferien. Sechs Wochen lang bin ich aufgewacht und wunderte mich, dass schon wieder ein freier Tag bevorstand. Diese Zeit erschien mir fast endlos. In den folgenden Jahren jedoch war es anders: je öfter ich in den Genuss der schulischen Sommerferien Sommerferien kam, umso kürzer erschienen sie mir.
Zwei Wochen Urlaub, zwei Wochen Praktikum, eine Woche mit Freunden, eine Woche nichts tun, eine - oh, das war es schon mit den Ferien. Und so geht es mir nicht nur hinsichtlich der beispielhaft gewählten Ferien. Die Zeit scheint allgemein nur so vorbei zu fliegen. Nicht, weil ich mich permanent im Stress befinde, immer nur freudige Momente erlebe in denen die Minuten ja angeblich am schnellsten weichen oder extrem viel schlafe - die Zeit hat einfach so beschlossen, sich zu verflüchtigen.

Heißt es nicht eigentlich, dieses Erleben der geradezu verschwindenden Zeit wäre ein Phänomen, das vor allem bei alten Menschen auftritt? Ich stellte es mir so vor, dass eben jene älteren Herrschaften in ihrem Leben schon viel erlebt und sich über Jahre eine gewisse Routine, einen Alltag angeeignet haben und ihn nun weiter Tag für Tag wiederholen. Ist das der Fall, spult das Hirn täglich das Routineprogramm ab ohne groß nachdenken zu müssen und dadurch entstehen auch keine relevanten und damit zu behaltenden neue Erinnerungen, weshalb man das "Verfliegen" der Zeit erlebt. Zumindest war das meine Theorie.

Mein Leben ist nicht in einen Alltagstrott verfallen; es gibt zwar Konstanten aber auch diverse Abweichungen im Tagesablauf, Überraschungen, besondere Gespräche. Ich erlebe neue Dinge und lerne dazu - eigentlich Ausschlusskriterien für diesen Alltagstrott aufgrund immer gleicher Tage. Aber auch nur eigentlich.

Ein anderer Erklärungsansatz für die beschleunigte Zeitwahrnehmung ist, dass man im Gegensatz zu jüngeren Jahren viel langfristiger plant. Wir überlegen nicht nur, was wir in zwei Tagen machen werden, sondern organisieren Termine auch einmal vier Monate im Voraus. So gewinnen wir einen Überblick über die kommenden Monate, betrachten das Verstreichen der Zeit genauer. Der nächste Tag ist nicht wie in den beschriebenen Sommerferien zwischen dem ersten und zweiten Schuljahr überraschenderweise frei, sondern wir wissen ganz genau, wann wir wie lange wo sein müssen; welcher Tag heute ist und welcher morgen sein wird. Also kommt zwar keine Routine auf, doch es fehlt einfach an Überraschungen. Und so könnte es allein deshalb eintönig werden, weil wir schon in den meisten Fällen wissen, was uns in einigen Wochen bevorsteht und wir uns an den Gedanken gewöhnen.

So weit so gut - aber was mache ich jetzt dagegen, dass die Zeit in meiner Wahrnehmung so sehr vorbeifliegt? Einfach spontan sein und neue Dinge ausprobieren? Das wird wahrscheinlich funktionieren, um den Alltagstrott sowie das Gewöhnen an langfristig geplante vorhersehbare Termine zu verhindern. Aber geplante Spontanität ist auch nur bedingt spontan.
Wie wäre es dann mit Dingen, die man terminlich zwar planen kann, bei denen man aber nicht genau wissen und vorhersehen kann, wie sie ablaufen werden, da es sich um komplett neue Dinge handelt? Das klingt für mich nach einer guten Lösung, deren Haken jedoch darin besteht, dass man nur eine bestimmte Anzahl komplett neuer Veranstaltungen und Aktivitäten findet, die man auszuprobieren bereit und in der Lage ist. Also auch keine Dauerlösung.

Dauerlösung ist sowieso schon so ein Wort, das langfristige Planung und Routine impliziert. Abwechslung planen zu wollen ist albern; wahrscheinlich sollte ich nicht zu viel darüber nachdenken und einfach mal etwas anders machen - auch wenn es nur Kleinigkeiten sind.
Darüber nachzudenken, ob man dabei ist, in einen Trott zu verfallen hilft immerhin schon dabei, genau das nicht zu tun. Außer das Denken, wie man aus dem Trott ausbricht wird selbst Teil des Alltagstrotts.

Vielleicht hilft es auch, Termine zu finden, auf die man sich so sehr freut, dass man sie am liebsten sofort erleben würde. Da während des Wartens die Zeit sich oft zu ziehen und langsam zu vergehen scheint, könnte es gegen das Verschwinden der Zeit helfen. Doch auch nur bedingt, denn dann verfällt man in ein vorfreudiges Warten und schafft in dem Moment des Wartens auch keine neuen Erinnerungen an denen man später festmachen kann, dass der Monat doch nicht inhaltslos war.

Routine kann zwar angenehm sein, doch das Leben ist auch zu kurz, um immer nur das gleiche zu machen. Einfach mal die Nase aus dem Schneckenhaus herausstrecken und etwas anderes versuchen. Und wenn man sich nur lachend über den Boden rollt - das ist merkwürdig genug, um nicht im Alltagsgrau unterzugehen und eine konkrete Erinnerung zu werden.

Apfelkern

2 Kommentare:

  1. Das viel zu schnelle vergehen der Zeit findet bei mir leider auch während der Sommerferien statt. Aber zumindest bei mir ist das einzige Mittel was dagegen hilft, sich irgendwie zu beschäftigen. Je mehr ich also mache, desto langsamer vergeht für mich die Zeit. Ist zwar komisch, dürfte aber daran liegen, dass ich mehr Momente erlebe, an die ich mich später erinnern kann.

    Viele Grüße,
    Pearl.

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  2. Herrn Lehmanns Theorien vom betrunkenen Sand lassen wir mal außen vor. Für mich geht, gerade wenn ich viel zu tun und wenig Zeit nachzudenken habe die Zeit schneller rum. Gerade so auf der Arbeit, wenn man kurze Pausen zwischen den Anfragen hat, vergeht die Zeit auf einmal langsamer. Ich könnte jetzt aber nicht behaupten, daß sich im Leben gesamt diese Umstände auf das Zeitgefühl auswirken. Ein wenig vielleicht schon, weil ich jemand geworden bin, der nicht still halten kann und sich auch in der Freizeit immer etwas zu tun sucht. Und ich kompensiere das mit "Entspannung" bei Film, Buch und/oder Musik, was die Zeit auch verbiegt. Gerade wenn ein Film zäh wirkt wie 5 Stunden, man dann auf den Timer guckt und durch die Laufzeit von bspw. 2 Stunden plötzlich 3 Stunden Lebenszeit geschenkt bekommt. Am Ende aber ist es wohl die Perspektive vom eigenen Lebenszeitpunkt aus. Was sind schon 6 Jahre? Nun, wenn ein 6 Jähriger an seine Volljährigkeit denkt, so spricht man damit von einer Distanz, die seiner doppelten Lebenszeit entspricht. Was aber wären 18 Jahre schon für einen 90-jährigen? Klar, daß im Alter dann die Zeit in anderen Maßstäben erscheint.

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