Mittwoch, 25. April 2012

Schwebezustand

Als ich gestern nach meiner Prüfungsklausur durch die leeren Gänge der Schule ging, fühlte ich mich dort fremd. Die ganzen Schüler, die ich vom Gang aus durch die langen Fensterreihen der Schule in den Räumen hinter den großen Glasscheiben sehen konnte, waren in einer Parallelwelt; weit entfernt. Sie waren Schüler, ich nicht. Offiziell bin ich es noch, doch besteht dieses Schülertum nur noch aus einer mündlichen Prüfung. Mich interessierte es nicht mehr, ob die Klingel läutet oder nicht - die Zeiten sind vorbei.

Ich konnte in meinen Gedanken die Schule nicht mehr als "meine" bezeichnen. So viele jüngere Gesichter, die ich nie wirklich beachtet habe. Sie gehören hierher, ich nicht. Nicht mehr. Es ist völlig normal und doch verstörend. Wie, das war's jetzt mit der Schulzeit?

Plakate, die zu Schülerpartys einluden, die längst gefeiert waren, bedeckten die Pinnwand. Da ich mich nie verbunden gefühlt habe mit denjenigen des Jahrgangs, die für gewöhnlich auf diesen Partys anzutreffen waren, habe ich keine der Feiern besucht. Sollte ich ihnen zusehen, wie sie sich zu irgendwelchen stumpfsinnigen Hits betrinken und sich quer durch die Clique knutschen?
Die Bilder der Schülerfeiern, die ich zu sehen bekommen habe, bestätigen diese Vorstellungen.

Vielleicht hilft das Trinken und Loslassen jeglicher Selbstkontrolle ja gegen das ständige Grübeln. Aber es ist doch nur eine Vorschubhandlung, ein bloßes Unterdrücken und Verdrängen. Wir wünschen uns ständig, mehr Zeit zu haben, doch wenn wir sie haben, wollen wir eilen statt denken und uns mit uns selbst beschäftigen zu müssen. Zumindest, wenn der nächste Termin fern scheint. Ich lese, stricke, skate, lerne für die Prüfung, sehe Folgen von Game of Thrones und habe das Gefühl, nichts zu schaffen. Es fühlt sich an, als wären Ferien und gleichzeitig erscheint es falsch. Ich weiß doch, dass es bis zu den eigentlichen Ferien noch dauert. Ach stimmt ja - für mich haben die Ferien genauso an Gültigkeit verloren wie das Schulklingeln. Ich bin in der Schwebe.
Dieses Mal wird es nicht helfen, die Augen zu schließen und zu warten.

Es kann doch nicht so schwer sein, einen Weg zum persönlichen Glück zu finden! Ist es denn ein maßlos gieriger Gedanke, sich persönliche Zufriedenheit und Geborgenheit zu wünschen?
Denke ich an die Studienwahl, kommt mir immer wieder der Gedanke, dass es heutzutage auch keine Festlegung für das restliche Leben mehr bedeutet. Man studiert jahrelang irgendwas, um mit Wissen, das man nie mehr benötigt, an eine Stelle zu kommen, an der man sich völlig neu orientieren muss.

Als wäre ich dem plötzlichen Wechsel von chronischem Stress zu freier Zeit nicht gewachsen. Der Mensch sucht mehr als nur Vergnügung, er sucht eine Aufgabe. Es ist Zeit für ein Praktikum, Zeit, die wüsten Schubladen der Erinnerungen zu sortieren, um anschließend geordnet weitergehen zu können.

Nicht nur für mich mache ich diese Suche durch, nein, anscheinend suche ich auch, um die Fragen meines Umfeldes nach meinem Ziel zu beantworten. Mir selbst und einigen anderen Zufriedenheit zu schenken reicht anscheinend nicht als Antwort.

Ich wünschte, es wäre Sommer und ich auf dem Boot meines Großvaters. Dort könnte ich jetzt ein Nachtbad im dunklen See nehmen. Einfach durch das seidige Wasser auf den Mond zuschwimmen und unbeschwert sein.

Apfelkern



Kommentare:

  1. ich kann gut nachempfinden wie es dir derzeit ergeht. da ich nicht studieren wollte habe ich mich in diese richtung gedanklich nicht bewegt und zum glück habe ich meine kompletten letzten sommerferien damit verbracht einem ferienjob nachzugehen - das hat mich sofort in eine ganz andere welt geworfen und die darauffolgende ausbildung kam mir dann gar nicht mehr so anders vor. zumal es in der zeit ja auch noch die berufsschule gab. die allerdings ein komplett anderes niveau hatte. jetzt, nach der ausbildung fühlt es sich gut an, sich selbst finanzieren zu können, sich materielles und wohlstand zu erarbeiten. allerdings fehlt mir die zeit doch ein wenig...

    so einen schwebezustand habe ich nur halb durchgemacht. und da bin ich auch ganz froh drüber.

    AntwortenLöschen
  2. ich kann dich gut nachvollziehen, nur hab ich meine schriftlichen schon seit letztem freitag hinter mir *puh*. am 11. steht noch die mündliche an. ich habe noch nicht wirklich realisiert das ich nie wieder zur schule gehen (im sinne einer allgemeinbildenden, wie man so schön sagt)

    ich wollte seit jahren studieren und hab mich nun aus kostengründen dagegen entschieden, also bin ich die letzten wochen damit beschäftigt bewerbungen zu schreiben, was jetzt gar nicht so einfach ist weil die meisten gespräche schon gelaufen sind. mal sehen dabei rauskommt, ich hab mich auf sehr unterschiedliche jobs beworben, auch wenn sie alle im kaufmännischen bereich liegen

    AntwortenLöschen
  3. Und *zack* habe ich dich für deinen tollen Blog mit einem Award beworfen:

    http://round-about-me-facts.blogspot.de/2012/04/2-awards-und-einmal-getaggt.html

    Lieben Gruß, Eva

    AntwortenLöschen
  4. das ist genau, was ich fühlte, als ich meine alte schule verlassen musste und auch heute tut es noch weh, über den schulhof zu gehen, der so voll von erinnerungen ist...

    und auch deine gedanken bezüglich deine zukunft kann ich sehr gut verstehen. aber hey, ich weiß über das internet kommt das nicht so rüber, aber aus deinen texten schließe ich, dass du ein sehr kluger und interessierter mensch bist. solche leute werden IMMER eine arbeit finden, sie werden immer gesucht. :)

    liebe grüße, josi

    AntwortenLöschen
  5. Im Moment denke ich, dass ich geistig schon mit der Schule abgeschlossen habe und betrachte sie nur noch als ziemlich zeitaufwändiges Hobby. Aber dies dürfte einfach daran liegen, dass mir vieles, was in der Schule passiert, nicht mehr gefällt und ich mich deshalb nicht mehr mit ihr als Institution indentifizieren kann.
    Trotzdem habe ich Sorgen vor dem Tag, an dem ich nach der letzten Prüfung den Raum verlasse und mich von allen Erinnerungen, von allen Lehrern, mit denen ich gerne zusammengearbeitet habe und von so vielen mehr für immer verabschieden muss. Es erscheint mir einerseits irgendwie nicht erstrebenswert die Schule zu verlassen, weil ich Sorgen vor der Veränderung habe und gleichzeitig wäre ich gerne schon an der Uni.
    Aber ich würde mich der guten Josi anschließen und sagen, dass du dir eigentlich keine Sorgen um das finden einer Arbeitsstelle machen musst. Es gibt viel zu wenig intelligente und nachdenkliche Personen in der Welt!

    AntwortenLöschen