Sonntag, 19. Februar 2012

Man sieht es uns an

Bewegen wir uns in der Öffentlichkeit, sehen wir eine große Anzahl an Menschen. Meistens nehmen wir sie kaum war und haben sie Sekunden nach ihrem Anblick unter der Kategorie irrelevant einsortiert und vergessen.
In der Bahn hat man die Möglichkeit, Fremde länger zu betrachten. Größe, Alter, Haarfarbe, Kleidung. Daraus versuche ich gern zu schließen, wie das Leben der Person wohl verläuft, welchen Beruf sie ausübt und wie sie heißt. Ich weiß genau, dass man allein vom Äußeren nicht auf den Charakter einer Person schließen kann und sollte, doch versuchen kann man es dennoch. Vielleicht landet man einen Glückstreffer.

Kürzlich erriet jemand meinen Namen nur anhand meines Äußeren. Ich war und bin noch immer völlig erstaunt. Wie kann das möglich sein?
Ich hielt es immer für einen kleinen Spaß,  von dem Erscheinungsbild einer Person auf deren Namen schließen zu können und sah es nie als Weg den wirklichen  Namen zu erraten, sondern nur dem Äußeren passende Vornamen zu geben. Und so traf es mich wie ein Blitz, dass es tatsächlich möglich war.

Bedeutet das nun, dass der Klassiker "sag mir wie du heißt und ich sag dir, wer du bist" auch umgekehrt funktioniert?
Vorurteile besagen, dass oberflächliche, auf ihr Äußeres fixierte Mädchen Chantal heißen, Peter bodenständige Sprößlinge des Mittelstandes und fast jeder Bodo ein Baggerfahrer oder zumindest Handwerker ist. In der Anwendung scheitert diese Theorie.
Trotzdem bin ich überzeugt, dass der Name eines Menschen dessen Persönlichkeit beeinflusst. Vielleicht nicht so sehr, dass man ihm diesen Namen ansieht, aber dennoch merkliche Auswirkungen hat.

Wie aber soll man das testen, ob ein Mensch sich anders verhält, wenn er Mindy Mirella statt Johanna heißt? Schließlich kann man einen Menschen nur einmal im Leben benennen wenn er noch keine spezielle Persönlichkeit mit eigenen Gedanken und Erinnerungen ausgebildet hat. Würde man der inzwischen beispielsweise 25 Jahre alten Mindy Mirella sagen, dass sie ab sofort Johanna hieße, würde sie sich auch nicht anders verhalten. Und selbst mit eineiigen Zwillingen ließe sich die Beeinflussung des Charakters durch den Namen schwer erforschen, da sie ja im gleichen Umfeld mit den nahezu selben Umwelteinflüssen aufwachsen.

Moment - das Umfeld. Die Namen werden von den Eltern nach persönlichen Vorzügen ausgewählt und nicht selten wirkt sich das Bildungsniveau der Eltern auch auf die Kinder aus. Würden Akademiker ihr Kind Chantal (immer schön rein gehauen in die Kerbe der Vorurteile) nennen? Eher nicht. Daher ist dieser und ähnliche Namen eher in weniger bildungsbetonten Kreisen zu finden. Dadurch entstehen wohl auch die Assoziationen von Namen und Eigenschaften, die zu den vorhandenen Vorstellungen und Vorurteilen führen, die man gegenüber vielen Namen hat.

Wird man also nicht unbedingt durch den Namen geprägt, sondern durch das Umfeld, in dem man aufwächst und dessen Ausdruck auch der von den Eltern gewählte Name ist?
Wahrscheinlich. Und doch denke ich nicht, dass man einer Person den Namen ansieht. Denn zwischen Johanna, Annika oder Elisabeth könnte ich keinen großen Unterschied bezüglich der vermeintlich dadurch indizierten Intelligenz der Eltern feststellen wollen. Und wer sagt eigentlich, dass auch wohlgebildete Eltern ihr Kind nicht Paulina Tracey nennen können?

Und doch - ich kann es noch immer nicht glauben, dass man mir meinen Namen wortwörtlich an der Nasenspitze ansehen konnte.

Ist es euch bereits ähnlich ergangen?

Apfelkern

Kommentare:

  1. Bei Johanna musste ich gleich an religiös beinflusste Menschen denken. Wenn sie ihre Tochter der Religion nach erziehen, wird sie wohl eher brav, zurückhaltend und intelligenter sein (da sie regelmäßig lernt und zur Schule geht). Merkwürdig wie Namen einem gleich ein Bild des Menschens in den Kopf schießen lassen. So wie mit dem nervigen Kevin (vielleicht sogar geprägt durch den Film?). Aber so genau kann man das eigentlich nicht nehmen. Wenn ein Elternteil beispielsweise amerikanische Wurzeln hat, sind die Chancen wahrscheinlich größer das Kind Justin oder Mindy zu nennen. Würde dieses Kind dann die Vorurteile mehr oder weniger erfüllen? Oder sind amerikanische Vorurteile genauso vorhanden?
    Worüber du einen wieder nachdneken lässt... ^^

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  2. Chantal finde ich eigentlich ganz hübsch, es muss nur auch passen. Eine "Tschantalle Schmitt" ist natürlich eher ein akkustischer Wadenkrampf. Dagegen finde ich dass "Chantal Chaudé de Silans" (eine Schachspielerin aus Frankreich) schon ganz anders klingt. Aber darum gehts ja grad nicht.

    Natürlich habe auch ich für bestimmte Namen ein gewisses Bild vor Augen das geprägt wurde durch Erfahrungen mit Menschen die den entsprechenden Namen tragen. Jedoch zeigt sich in Gesprächen ja schon dass nicht jeder ein und den selben Namen auch gleich beschreibt. Zum Beispiel kannte ich bisher nur blöde Viviens, das heißt aber nicht dass die nächste Vivien genau so ist.

    Und wo du das schon so schön erzählt hast würde ich natürlich auch gerne wissen wie du heißt. Ich sag einfach mal, du bist für mich ne typische Sarina. Was bin ich für dich?

    Liebe Grüße,
    Tüdel ~ :)

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    1. In französischem Kontext klingt Chantal in der Tat ganz passabel, ja fast vornehm. Doch zu der eigedeutschten Variante passt dein Vergleich mit dem Wadenkrampf ganz hervorragend.

      So so, dir erscheine ich also als Sarina. Nö, so heiße ich nicht.
      Dich sehe ich am ehesten als Louisa oder Sophie, die Schreibweise nach Gusto der Eltern angepasst. Aber eigentlich bist du für mich Tüdel. Punktum.

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  3. Ich meine das es mehrere Studien gibt die den Einfluss von Namen auf die Studienplazvergabe, die Benotung und andere Felder beschreiben. Es ist auf jeden Fall nachgewiesen, dass Namen häufig mit Vorurteilen in Verbindung gebracht werden und Personen mit bestimmen Namen (wie Justin/Chantal) deshalb auch eher abgelehnt werden.
    Aber das man einer Person ihren Namen ansehen kann ist eigentlich unmöglich. Die Person muss dich entweder irgendwie gekann haben oder hatte einfach einmal großes Glück, da man anhand des Alters und des ungefähren Aussehens ( bestimmt durch das soziale Umfeld) schon eine Menge an Namen ausschließen kann und man dann "nur" noch das Glück benötigt um aus den übrigen Namen den richtigen zu tippen.
    Die Vorurteile sind aber auch kulturell bedingt. In Frankreich oder England gelten andere Namen als "asozial" als bei uns.

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  4. In einem kann ich dir schonmal zustimmen, ich würde vermutlich einen Inarkt erleiden, wenn ein Fremder - und nehmen wir mal hypothetisc an, dass er wirklich keinerlei Möglichkeit hat(te), zu wissen, wie ich heiße - meinen Namen erraten würde.
    Liegt in der Natur der Sache, ich erwähnte schon, dass mein Name sehr selten ist.
    Witzigerweise erzählte ich mit dreizehn oder vierzehn mal einem etwas älteren Nachbarsmädchen von meiner Theorie, dass Menschen mit "eher ungewöhnlichen" Namen entweder 'extrem cool' oder 'extrem verschroben' geraten würden. Dazu zählte ich in jenem konkreten Falle "Helge" und "Tristan" als Beispiel auf, zwei Personen die uns beiden bekannt waren. Was ich nicht kommen sah war die prompte Rückfrage der Nachbarin: "Aha, und in welche Kategorie zählst DU dich dabei?" (Ich fühle mich bis heute in beiden Kategorien sehr wohl ;) )
    Das also dazu. Weiter muss ich zugeben, dass ich zwar solche Ohrenschmäuse wie "Schackeline" und "Fynn-Lukas" immer gerne als Platzhalter bzw. Synonyme in Schilderungen (vorzugsweise von Begebenheiten im Bus...) benutze, aber tatsächlich relativ unbeeindruckt bin, wenn sich mir jemand tatsächlich mit einem solchen Namen vorstellt...
    Was ich mit wesentlich mehr hochnäsiger "Geringschätzung" bedenke sind Fälle, Julias/Julianes die sich freiwillig zu "Jules" machen. Ein extrem plumper, uneleganter und opbendrein einfallsloser Spitzname, wie ich finde.
    Nicht ganz so extrem aber ähnlich bedenklich finde ich "Kadda" und dergleichen... Wobei sich jetzt bitte keine Kadda oder Jule persönlich angegriffen fühlen soll. Ihr fändet meinen Namen sicher auch nicht schön ;)

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    1. Um Missverständnissen vorzubeugen, mit dem o.g. "Jules" meinte ich den Plural von "Jule".
      Nicht "Jules" als Singular, von dem ich annehme, dass es französisch gesprochen und gedacht wird, was ich weder plump noch unelegant noch einfallslos finde :)

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  5. haha - die unvorteilhaften bilder werden nur immer in den papierkorb geschoben ^^
    schlimm ist meine figur nicht, weiblich soll sie auch bleiben, ich möcht nur mal sehen wie`s mit etwas weniger wär (für persönliches wohlfühlgefühl :)


    oh und zum namensthema
    ... fängt dein name mit A an?

    lg

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    1. Woher konntest du nur wissen, dass mein Name mit A beginnt?

      A ... pfelkern. Respekt

      Im Ernst: ich möchte hier kein munteres Raten um meinen Namen veranstalten. Thematik war, ob man uns unseren Namen ansieht und da es kein frontales unverpixeltes Bild auf diesem Blog von mir geben wird, bleibt es offiziell bei Apfelkern.

      Grüße,
      Apfelkern

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  6. Ich kann dir nur zustimmen. Das Umfeld beeinflusst die Wahl des Namen und die Vorurteile, die man gegenüber bestimmter Namen hat und folglich auch das Verhalten gegenüber bestimmer Sandys.

    Jetzt bin ich natürlich auch neugierig, wie du heißen könntest. Für mich bist du eine Anna oder irgendwas in der Richtung. Was "ganz normales" halt. :o

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  7. Ich finde das Thema sehr interessant und denke, dass Namen auf jeden Fall auch den Charakter und damit auch Aussehen eines Menschen beeinflussen. Ich achte auch schon seit Jahren zum Spaß darauf, ob sich Leute mit dem selben Vornamen in Charakterzügen ähneln und finde sehr oft Gemeinsamkeiten.
    Was mich in dem Zusammenhang aber auch immer mal wieder beschäftigt, ist die Frage, wie Eltern einen passenden Namen für ihre Kinder finden. Besonders, wenn mehrere Namen zur Auswahl stehen und wenn sie dann das Kind in den Armen halten und wissen, das ist ein/e XY, auch wenn diesen Namen ähliche "Vorurteile" zu Grunde liegen. Also muss der Name eines Menschen schon von Geburt an mit seinem Aussehen oder seiner "Ausstrahlung" in Zusammenhang stehen.

    Grüße, Dina

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