Freitag, 17. Februar 2017

Aus dem Nähkästchen: über das "lustige" Studentenleben

Im Leben gibt es viele Prüfungen, davon sind die wenigsten offiziell so benannt sondern einfach die täglichen Herausforderungen. Manchmal gibt es aber doch diese offiziellen Prüfungen, für die man sich vorbereiten und dann unter großer Aufregung sein Wissen unter Beweis stellen muss. Besonders als Student erlebt man diese Situation regelmäßig.

Vorgestern habe ich meine letzten vier Klausuren für dieses Semester geschrieben und danach direkt gespürt, was für eine Last von mir gefallen ist. Es ist immer wieder schwer zu glauben, wie sehr einen dieser Leistungsdruck belasten kann.
Anfang des Semesters bin ich noch recht entspannt. Ich bereite mich zwar immer brav auf die Veranstaltungen vor und weiß immer, worum es grob gehen wird und bringe im Anschluss meine Notizen davon in eine Form, mit der ich später lernen kann, habe aber noch immer Freizeit. Je näher die Prüfungen kommen, desto weniger wird diese Freizeit.
Man geht morgens in die Uni, kommt am Nachmittag zurück nach Hause und sortiert noch schön seine Aufzeichnungen. Dann hat man sein Tagespensum an aktuellem Stoff geschafft - was aber leider auch nur bedeutet, dass man sich nun ans Lernen machen kann. Und zwar eigentlich open end bis man ins Bett geht, da man ja keine Kinder hat, um die man sich kümmern muss oder irgendetwas, das rechtfertigt, das Lernen zu unterbrechen.

Na klar wird Essen gekocht oder eine halbstündige Sporteinheit eingeschoben, weil das wichtig für Körper und Gesundheit ist, doch am Ende drängt das schlechte Gewissen immer zurück an den Schreibtisch. Und wenn man sich mal erlaubt, eine Folge einer Serie zu schauen, dann piekst das schuldige Pflichtbewusstsein einem immer wieder in den Bauch. 

"Ey du, du bist doch Vollzeitstudent! Nimm mal dein Studium ernst und setz dich an den Schreibtisch. Alles andere ist gerade viel weniger relevant und das weißt du auch. Also hör endlich auf Spaß zu haben und sei nützlich!"

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen überzogen, aber unterm Strich fühlt es sich genau so an.
Sagten nicht alle immer, die Studienzeit wäre die beste Zeit unseres Lebens, weil wir so energiegeladen, jung und ungebunden wären?
All das stimmt auch, nur irgendwie wurde mir immer verheimlicht, dass so ein Studium verdammt anstrengend ist. Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich zwei Vollzeitjobs: den, bei dem ich in der Uni präsent und aktiv sein muss und dann noch in den Stunden danach am Schreibtisch. 
Kein Wunder, dass die Semesterferien so lang sind: irgendwie muss man ja die gefühlte Belastung von zwei Vollzeitjobs während des Semesters kompensieren. Zum Glück gibt es die ganzen unbezahlten Pflichtpraktika, damit man ja nie vergisst, es wertzuschätzen, wenn man wirklich mal frei hat.

Natürlich hat es auch viele gute Seiten, Student zu sein. Unschlagbare Vergünstigungen (für zehn Euro in die Philharmonie und auf wirklich guten Plätzen Dirigenten von Weltruhm beobachten), preiswerte Unisportkurse mit riesigem Angebot, recht frei einteilbare Zeit, keine Verpflichtungen konkreter Arbeitsstunden pro Woche wie in einem regulären Job. Der große Haken ist, dass man selbst für sich und seinen Erfolg verantwortlich ist. Niemand sagt dir, dass du lernen musst, am Ende des Tages erwarten aber alle, dass du es getan hast. Und wenn nicht hast du ein Problem.

Wenn es darum geht, vernünftig zu sein und sich selbst zu disziplinieren, bin ich ganz vorn mit dabei. Nach neun Semestern Medizinstudium bin ich es aber inzwischen sehr müde, nur in den Semesterferien ein wenig Freizeit ohne schlechtes Gewissen zu haben.
Wie machen das die anderen? Sind die einfach klüger, sodass sie das alles mit links schaffen? Ist es ihnen egal, mit welcher Note sie durch die Prüfungen rutschen und sie spielen vier gewinnt? Wahrscheinlich verschweigen sie auch einfach, welch einen Stress einem das Studium aufbürdet und leiden genauso wie ich.

Das schriftliche Staatsexamen steht bei mir in nicht zu ferner Zukunft an und mir graut bei dem Gedanken daran vor den Stunden des Lernens, der Isolation am Schreibtisch mit einem Berg von Büchern und all den Erlebnissen und Unternehmungen, die ich mir aus Vernunft verkneifen müssen werde.
Das sind so Momente, in denen ich mir wünsche, einfach irgendeine Ausbildung gemacht zu haben. Dann wäre ich längst fertig und hätte mehr Leben vom Leben. Ich würde abends nach Hause kommen und hätte einfach mal frei. Verrückte Vorstellung!
Andererseits muss ich sagen, dass mir die ärztlichen Tätigkeiten unglaublich viel Spaß machen. Mit Patienten zu kommunizieren, Körper zu untersuchen und nach der richtigen Diagnose zu fanden macht einfach Bock. Jemandem helfen zu können ist dazu eins der besten Gefühle, die ich mir vorstellen kann. Kurz: ich bereue es nicht, mich für ein Medizinstudium entschieden zu haben. Ich wünsche mir nur manchmal, dass es schon abgeschlossen wäre und der ganzen Stress hinter mir läge. Denn auch wenn das Berufsleben sicher anstrengend ist: nach Hause zu kommen und wirklich frei zu haben und ohne schlechtes Gewissen selbst seine Freizeit einzuteilen, muss unfassbar gut sein.

Wie geht es den Studenten unter euch: fühlt ihr euch auch so sehr unter Druck gesetzt?

Kommentare:

  1. Habe mich auch unter Druck gesetzt gefühlt, klar. Gerade mit den neuen Reformen, unter denen das System zu starr geworden ist. Das hat für mich nichts mehr mit eigenständigem Studium zu tun. (In meinem Fall Germanistik und Archäologie, wie es bei der Medizin ist weiß ich natürlich nicht.)

    Habe mich daher für meine Freiheit und Selbstständigkeit und gegen das Studium entschieden. :)

    Viel Erfolg weiterhin im Studium! <3

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  2. Ich möchte dazu gerne anmerken, dass ich gerade tatächlich den Weg "einfach irgendeine Ausbildung" (Pflege) gehe, und das ist auch nicht so locker und entspannt wie du es darstellst. Nach der Berufsschule muss man sich genauso hinsetzen und Mitschriften durcharbeiten sowie für 2, 3, 4 Tests/Klausuren pro Woche lernen. Und während der Praxisphasen setzt man sich nach dem 8h/9h/10h-Tag ebenfalls hin um Ausarbeitungen, Pflegeplanungen... zu schreiben und kontinuierlich seine Lernkarten durchzugehen. Und statt langer Semsterferien hat man 24 Tage Jahresurlaub. So läuft das.

    Das soll nun nicht als Angriff gelten, Apfelkern, ich wollte nur auch mal rumjammern ;)

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