Mittwoch, 6. Juli 2016

(Frei-) Zeit (-verschwendung)?

Lest ihr gerne? Dann kennt ihr sicher diese Tage, an denen man ein fesselndes Buch hat und nichts anderes tun kann, als es zu lesen. Und irgendwann kommt der Moment, an dem man sich fragt, wieso nur noch zwanzig von tausend Seiten übrig sind und wo eigentlich die letzten acht Stunden geblieben sind. Es ist ein großartiges Gefühl, sich so in ein Buch zu vertiefen aber in den letzten Jahren kann ich es nicht mehr unbeschwert genießen.

Das hat definitiv nichts damit zu tun, dass ich keine Freude mehr an der Literatur selbst habe oder keinen Lesestoff finde, sondern viel mehr damit, dass oft ein schlechtes Gewissen da ist, wenn ich sehr viel Zeit nur mit dem Lesen verbringe. Immerhin gibt es da so viel mehr und so viel wichtigere Dinge zu tun, die vom schnöden Aufräumen der Wohnung über Sport, soziale Kontakte und als oberste Priorität das Studium reichen.
Ich denke, dass der Großteil des schlechten Gewissens beim Schmökern bedingt durch mein Studium ist. Auch wenn ich mich von Lachkrämpfen geschüttelt durch mein Buch wälze, kommt da der Gedanke im Hinterkopf auf, dass ich vielleicht lieber noch mal die Wirkspektren der verschiedenen Antibiotika wiederholen sollte statt mich sinnlos mit "unwichtiger" Lektüre zu amüsieren. Oder ein paar Kapitel im EKG Buch lesen. Vielleicht aber auch die Anatomie des Fußes wiederholen - in die habe ich doch nie ausreichend viel Zeit rein gesteckt.

Mein Gewissen hat einfach das alles schlagende Argument: wenn ich mir hier eine schöne Zeit mit Belletristik mache, werde ich später nach der Uni als Assistenzarzt alle Patienten umbringen. Ich möchte den Angehörigen ja nicht erklären müssen, dass ich nicht genug Sachliteratur gelesen habe, um den Verstorbenen korrekt behandeln, aber mich dafür exzellent mit den Werken von Jules Vernes auskenne.

Gleichzeitig ist mir klar, dass meine Fantasie mir an diesem Punkt Streiche spielt. Natürlich trägt man im Assistenzarztleben später Verantwortung aber es ist nicht so, als wäre man sofort der einzige Arzt im Krankenhaus. Nicht umsonst gibt es die Struktur, dass weitere, hoffentlich erfahrenere Assistenzärzte, Oberärzte und vielleicht auch mal der Chefarzt da sind, um einem bei komplexen Fällen zur Seite zu stehen. Definitiv werden auch einmal die eigenen Patienten versterben (und es wird ein schrecklicher Moment, über den ich jetzt nur bedingt nachdenken möchte) aber die meisten hoffentlich, weil für sie die Zeit einfach gekommen ist und der Mensch nun einmal auch irgendwann sterben muss.

Trotz aller guten Erklärungen bleibt so ein dumpfes Schuldgefühl, wenn ich exzessiv viel nicht medizinische Literatur lese oder auch nur irgendwas ohne medizinischen Bezug in meiner Freizeit ausgiebig betreibe. Serienorgien, Filmen, stundenlanges Stricken oder sonstigen Freizeitaktivitäten - ich kann mich doch nicht für immer schlecht fühlen, wenn ich nichts für die Uni beziehungsweise meine Zukunft tue. Geht das irgendwann weg? Mein Gewissen kann mich ja wohl nicht bis zur Rente terrorisieren! Hoffentlich.

Eigentlich sagt das Wort Freizeit selbst schon, dass man sich während ihr seine Zeit frei einteilen kann, aber mit so einem gewissen latenten Pflichtgefühl fällt das nicht immer einfach. Und das, obwohl ich genau weiß, dass jeder Mensch Freizeit und Erholung braucht. Niemand kann immer zu produktiv sein.

Das waren noch Zeiten, als man Schüler war und in der Freizeit sich selbst auch wirklich freie Zeit gönnte!

Kennt ihr diese Problematik und die endlosen stillen Diskussionen mit eurem Gewissen? Falls ja: wie geht ihr damit um?

Kommentare:

  1. Ja eigentlich müsste ich auch noch dies und das und jenes machen, aber...

    Ja ganz ehrlich, scheiß drauf! Ich lasse auch sehr viel Arbeit liegen, nur damit ich Musik hören/machen oder mich durch Bücher wälzen kann. Ich habe schon ganze Nächte durchgemacht (und war am nächsten Tag wieder arbeiten), nur weil mich ein Buch so gefesselt hat, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen.

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    1. Es klingt, als würdest du die richtige Entscheidung treffen. Wer erinnert sich schon gern an die Nächte, in denen er noch gelernt oder das Bad geschrubbt hat? Die Nächte voller spannender Lektüre dagegen bleiben im Gedächtnis.
      Man muss nur erst mal sich selbst überwinden und die Arbeit liegen lassen.

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  2. Oh ja, ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Aber mit der Zeit habe ich gelernt, gnädiger mit mir zu sein. Oder vielleicht auch etwas egoistischer?
    Ich habe festgestellt, dass ich - wenn ich zu pflichtbewusst bin, sehr unausgeglichen und unzufrieden werde. Das kann ja auch nicht Sinn und Zweck sein. Wenn ich aber in gewissem Rahmen einfach meine freie Zeit mit Dingen vertrödel, die mir Spaß machen (lesen, Serien gucken, Gaming, rumgammeln) dann tut das meinem inneren Gleichgewicht enorm gut und ich bin insgesamt leistungsfähiger und belastbarer in der restlichen Zeit.
    Und das ist für mich Grund genug, mein schlechtes Gewissen letztlich doch wegzuschieben und die Freizeit zu genießen...

    Liebe Grüße von Frau W. aus K.

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    1. Ich kenne das Gefühl auch, sehr viel ausgeglichener und zufriedener zu sein, wenn ich mir meine Freizeit tatsächlich frei nehme. Fällt mir nur einfach schwer, wenn noch etwas zu erledigen ist.
      Das schlimmste ist, wenn man sich in seiner Freizeit zu motivieren versucht, fleißig zu sein und dann doch immer wieder durch die Freizeitaktivitäten abgelenkt wird, sodass man unterm Strich gar nichts schafft.

      Liebe Grüße an dich, Frau W aus K!

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