Donnerstag, 9. Oktober 2014

Carpe every diem

Woher wissen wir eigentlich, wann wir glücklich sind? Ob wir im Leben die richtigen Entscheidungen getroffen haben: richtige Ausbildung, richtiger Job, richtiger Partner, richtige Freunde, richtige Wohnung, richtiges Hobby, richtiges echtes Lebensglück?
Gibt es eigentlich dieses richtig? Und woran merkt man, dass man an diesem Punkt angekommen ist?

Als ich meine Prüfungen bestanden hatte und meine Famulatur (sprich Praktikum beim Arzt) beginnen konnte, war ich sehr glücklich. Mit dem Praktikum bin ich total zufrieden, die ganzen Tätigkeiten dort gefallen mir insgesamt einfach sehr und es gibt mir ein wirklich gutes Gefühl, anderen zu helfen wenn nicht sogar weiter helfen zu können. Am Ende des ersten Tages kam ich zum Schluss, Arzt müsste man sein. Was für ein toller Zufall, dass ich schon vier Semester Medizin studiert habe!
Auch wenn ich jetzt mit meiner Wahl des Studiums sehr zufrieden bin, ist es keine Garantie, dass es für immer so bleiben wird. Eigentlich gibt es für nichts eine Garantie.

Man hört manchmal von Paaren, die sich trennen, nachdem einer dem anderen einen Heiratsantrag gemacht hat. Klingt verrückt. Ich kann mir vorstellen, warum: es ist eine Möglichkeit, noch einmal umzudrehen bevor man sich völlig verrennt wenn man jetzt nicht glücklich war. Aber wer sagt denn, dass die Unzufriedenheit nicht nur ein temporäres Problem gewesen wäre und man durch die eine Entscheidung sich die eigene erfüllte Zukunft ruiniert hat? Andererseits hätte man sich auch in eine frustrierende Ehe stürzen können und sich nach zehn Jahren scheiden lassen mit dem Gedanken, so viele Jahre verschwendet zu haben.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass egal was man macht, man dauernd Fehlentscheidungen trifft.
Hätte ich mich neben die strickende junge Frau in der Bahn gesetzt und sie auf das gemeinsame Hobby angesprochen wären wir vielleicht die besten Freunde geworden. Hätte man ein bestimmtes Praktikum nicht besucht, über das der Großteil der Prüfungsfragen gestellt wurde, wäre man durch die Prüfung gefallen. Hätte ich den Geburtstag meiner Tante nicht geschwänzt, hätte ich meinen Freund nie kennen gelernt.

Das Leben ist eine Aneinanderreihung von Zufällen und ständig gibt es neue Möglichkeiten von denen uns wahrscheinlich der Großteil entgeht. Allein schon darüber nachzudenken, welche Chancen man alle vergeben hat, ruiniert mir die Stimmung. Dieser alte Spruch, wenn eine Tür zu geht, öffnet sich eine neue, beschreibt das alles ziemlich gut. Man sollte nur nicht zu lange an allen Türen vorbei gehen, sodass man am Ende noch allein draußen steht.

Jetzt kann man sich selbst unter Druck setzen, bloß alle Chancen zu nutzen, die es gibt. Man könnte sich aber auch entspannt zurück lehnen und darauf setzen, dass die Zufälle, die einem zugedacht sind, schon eintreten werden und man durch eigene Initiative nur alles durcheinander bringt.
Wie man es auch macht - man macht es falsch.
Ich denke, dass wir jeden Tag so viele Chancen vergeben aber auch gleichzeitig so viele Chancen nutzen, dass es sich ausgleicht. Wir merken es nur nicht unbedingt, es sind oft kleine Dinge, die später Konsequenzen haben.
Dennoch: manchmal denke ich doch über die Möglichkeiten nach, die ich habe verstreichen lassen. Wäre mein Leben anders, wenn ich nicht so gehandelt hätte?
Moment - ich bin doch glücklich! Wäre es dann anders? Oder wäre ich viel zufriedener als jetzt? Man kann lange grübeln aber wird die Antwort nie erfahren.

Ich denke, zwanghaft alle sich einem bietenden Möglichkeiten zu nutzen, ist nicht die ultimative Lösung für alle Probleme. Trotzdem sollten wir nicht ganz vergessen, die kleinen Chancen, die uns täglich anlachen auch einmal zu ergreifen. Und wenn wir es nicht tun, dann ist es auch nicht schlimm.

Apfelkern

Kommentare:

  1. Schön geschrieben, das trifft es wirklich auf den Punkt. Ich bin schon seit längerem der Ansicht, dass sich alles im Leben irgendwie fügt. Was damals blöd erschien hat zu meinem heutigen Leben geführt, und damit bin ich zufrieden. Daher versuche ich auch eher gelassen durchs Leben zu gehen, nicht passiv, aber auch nicht panisch, wenn mal was anders läuft als gedacht. Wird schon alles einen Sinn und Zweck haben und letztendlich gut werden.

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    1. Das klingt so, als wärest du schon an einem Punkt angekommen, an dem du sehr gelassen durchs Leben gehen kannst auch wenn es nicht immer perfekt läuft. Dafür hab ich eine Weile gebraucht.
      Ich denke inzwischen auch, dass die Dinge, die einem vielleicht zuerst ungünstig zu laufen scheinen, im Nachhinein ein nützlicher Zufall sein können und man sich daher nicht sofort über alles so sehr ärgern muss, was nicht sofort perfekt läuft.

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