Sonntag, 11. Mai 2014

Wenn die Ohren okkupiert werden

Morgens in der Bahn. Die Bahn hat man auf die Minute genau noch geschafft und sich dann leicht angeschwitzt von der wilden Fahrt auf dem Rad zum Bahnhof noch einen Sitzplatz erobert. Tief durchatmen, lächeln, sich freuen, dass man die Bahn nicht verpasst hat. Aus der Tasche werden die Anatomie Lernkarten heraus gekramt, denn man möchte ja die Fahrzeit effektiv nutzen.
Weit kommt man nicht, bis man plötzlich dadurch aufgeschreckt wird, dass jemand den eigenen Namen ruft. Man blickt hoch - Fuck. Schon wieder die Kommilitonin, die an der gleichen Station einsteigt wie man selbst. Es ist immer das gleiche: sie sieht einen, setzt sich zu einem und dann beginnt der erbarmungslose Redeschwall. Süßes oberflächliches aber absolut gesellschaftlich verträgliches Gelaber. Und wie war dein Wochenende? Ja also meine Schwester hat jetzt bald Prüfungen. Oh, das Wetter ist aber gerade wirklich toll. Meine Oma hatte Geburtstag und ich hab ihr was vorgesungen...

Ich habe nach den Informationen nicht gefragt und eigentlich will ich sie auch gar nicht. Viel lieber hätte ich meine Ruhe während der Fahrt und würde ein bisschen anatomisches Wissen in den Kopf schaufeln. Aber man möchte ja auch nicht unhöflich sein also legt man die Lernkarten weg, hört zu und nickt jede Minute mal. Es ist ja nicht so, dass man sie besonders mögen würde oder durch mehr als das gleiche Studienfach verbunden sein würde aber das ungeschriebene Gesetzt der Höflichkeit erfordert, dass man nicht direkt sagt, dass man nicht mit dem neuesten Tratsch berieselt sondern lieber seine Ruhe haben will.
Trotzdem - so richtig höflich und freundlich ist dieser Weg auch nicht. Bestimmt merkt man mir an, dass ich nicht mit aufrichtiger Begeisterung zuhöre und mich auch nicht hochinteressiert einbringe. Wäre es besser gewesen, freundlich zu grüßen und dann darauf zu verweisen, dass ich lieber lernen möchte? Vielleicht geht es ihr ja auch so und sie würde lieber etwas lesen. Obwohl, Quatsch: sie hat dieses Gesprächsding von sich aus angefangen!

Familie ist eine großartige Sache: man wächst mit ihr auf, kann ihr vertrauen und bekommt Halt und Ratschläge. Das ist in gewisser Weise natürlich eine optimistische Ansicht. Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht heißt es so schön und das ist wahr. Nicht alle aus der Familie liegen einem gleich sehr am Herzen. Manche Familienmitglieder sieht man auch nicht regelmäßig und wenn man sie mal sieht, haben sie viel zu erzählen. Über ihr eigenes Leben, das Leben ihrer Kollegen, das Leben ihrer täglichen Sitznachbarn morgens in der Bahn, sogar über mein Leben sind sie anscheinend unglaublich informiert und fühlen absolut mit, denn sie waren ja auch mal jünger. Aus einem höflichen Plausch nebenbei wird ein stundenlanges Gespräch. Nun ja, Gespräch ist relativ - Monolog mit regelmäßigem Nicken von meiner Seite aus trifft es besser. Verdammt, wann war der Moment in dem ich mich aus der Affäre hätte ziehen können? Was soll man tun, das sind die eigenen Verwandten und man tut ihnen doch ab und zu mal etwas Gutes indem man ihnen zuhört.

Kennt ihr solche Situationen? Diese Gespräche, die man von sich aus nie freiwillig begonnen hätte doch jetzt, da man damit angefangen hat, nicht mehr entkommt ohne wirklich unhöflich sein zu müssen?
Ich hasse diese Momente und ich ärgere mich jedes Mal erneut, dass ich mich wieder in so ein Gespräch habe verwickeln lassen. Immer dieser innere Konflikt, ob man jetzt lieber ehrlich ist und sagt, dass man kein Interesse am Gespräch hat und dementsprechend auch nichts dazu beitragen wird außer einem Nicken und ein gelegentliches ja oder ob man lieber höflich schweigt und in der Hoffnung, dass es bald vorbei ist, weiter leidet.
Letztlich ist es ja auch mies für denjenigen, der mir das Gespräch aufdrängt, wenn er seine Zeit mit mir verbringt und alles, was ich möchte, meine Ruhe ist.

So richtig einig bin ich mir mit mir selbst noch nicht, was ich in solchen Momenten machen soll. Meistens suche ich nach dem nächsten noch halbwegs höflichen Fluchtweg. An der nächsten Station einfach aussteigen und dann halt ein wenig laufen müssen. Schnell in die Küche gehen und beim Abwasch mithelfen. Hauptsache Ruhe.
Dann hat man zwar keine Zeit mehr, das zu tun, was man eigentlich wollte, aber zumindest ist dieses störende Hintergrundrauschen aka ungewolltes Gespräch weg.

Es kommt zwar selten vor, dass mir ein Gespräch aufgedrängt wird, aber wenn das der Fall ist, empfinde ich das als extrem unangenehm. Ich hoffe, dass ich selbst es immer rechtzeitig bemerke, sollte ich dabei sein, jemandem die Ohren abzukauen obwohl er absolut kein Interesse an einer Unterhaltung haben, denn schließlich weiß ich, wie schrecklich das ist.

Kennt ihr das? Wie verhaltet ihr euch in diesen Momenten und gibt es ultimative Geheimtipps, wieder aus dieser Situation heraus zu kommen?

Apfelkern

Kommentare:

  1. Klar kenn ich das auch. Manchmal freue ich mich ja über Gespräche, manchmal aber dann doch nicht und die Zeit scheint verschwendet gewesen zu sein. Da ich aber meist ein Buch bei mir habe, in dem ich gerade lese, warte ich, wenn es so akut ist, auf eine (längere) Gesprächspause und sage dann "Ich lese mein Buch weiter, ja?" und damit komme ich auch ganz gut zurecht und habe mir noch keine Feinde gemacht.

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  2. Guten Tag, ich bin neu hier .-)
    Wenn ich dazu was sagen darf...

    ... einfach ehrlich sein, sagen, dass man gerne lesen/dösen/Musik hören möchte und ein "ist wirklich nichts Persönliches" hinterherschieben.

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