Freitag, 11. Oktober 2013

Raus aus dem Schneckenhaus

Kennt ihr den Film Der Ja-Sager? Er handelt von einem Mann, der alle sozialen Kontakte und Veranstaltung, die über seine tägliche Arbeit hinaus gehen, so weit wie machbar meidet. Immer findet er eine Ausrede, weshalb er nicht kommen kann. Alle Möglichkeiten werden abgelehnt, Einladungen ausgeschlagen. Über ein paar Umwege gelangt er zu einer Art Sekte, deren Prinzip es ist, zu allem Ja  zu sagen. Dieses Prinzip nimmt er an und erlebt natürlich die abenteuerlichsten Sachen - es ist schließlich ein Film. Und auch wenn es überspitzt dargestellt ist, wie viele Möglichkeiten ein Ja eröffnen kann, halte ich die Botschaft, dass ein ständiges Nein viele Chancen verbauen kann, für völlig richtig.

Ich denke in letzter Zeit öfter an diesen Film, denn mir ist bewusst geworden, dass ich besonders im vergangenen Jahr viel zu viele Dinge genau wie der Protagonist des Films einfach von vorn herein ausgeschlossen habe. Scheuklappen auf und stur alles ignorieren.

Keine Zeit, so viel zu tun, keine Zeit. 

Und im Nachhinein hat man so viel damit zu tun, viel zu tun zu haben, dass man vergisst zu leben.
Da ich aber nicht eine der Personen werden möchte, die mit Mitte vierzig feststellen, dass sie ihr Leben nicht ausreichend ausgelebt haben und das nachzuholen zu versuchen, habe ich jetzt einmal bewusst darauf geachtet, Angebote nicht gleich kategorisch abzulehnen, nur weil es einen Ausbruch aus der Routine des Alltags bedeuten würde. Dabei besteht aber kein Zwang jedes Angebot anzunehmen so wie er im Film bestand. Denn mein Ziel ist es ja, mich für die sich bietenden Möglichkeiten zu sensibilisieren und sie besser zu nutzen und nicht mich gleich kopflos in jede Möglichkeit zu stürzen.

Also habe ich mir einen Ruck gegeben, mich öfter mit Freunden getroffen, auch mit einigen, zu denen der Kontakt schon seit längerem weniger geworden ist. Ich landete mehrfach spontan im Kino, sah auf ziellosen Spaziergängen schöne Orte, aß komisches eingelegtes Gemüse, das sich in einer Portion Schawarma versteckte, hing im Klettergarten auf 10 Metern Höhe an Strecken des Parcours, bei denen ich dachte, gleich herunter zu fallen, machte bei einem größeren Event eines Spiels mit, verpasste die letzte Bahn nach Hause, lernte neue Menschen kennen, hatte lange spannende Unterhaltungen, lachte viel und gewann vor allem neue Eindrücke und Erinnerungen.
Die Tage sind erfüllter, wenn man sich nicht erbarmungslos davon überzeugt, keine Zeit zu haben und einfach etwas unternimmt. Raus aus dem Schneckenhaus und erleben, was draußen geschieht.
Es gibt viel weniger Phasen, in denen ich vor mich hin trödele, sondern ich bin einfach aktiver und erledige meinen Kram auch effizienter, um dann zu Verabredungen gehen zu können. Es ist das gleiche Leben mit mehr Inhalt.

Nüchtern betrachtet wirkt es ein wenig wie eine Selbstfindungsphase, ein Experiment. Es ist ein Versuch, sich zu lösen von den selbstauferlegten Grenzen der Schüchternheit, der Unsicherheit und vor allem der Gewohnheit.
Auch wenn ich weiß, dass ich mich nicht komplett wohl dabei fühle, mich in völlig Unbekannte Situationen zu begeben, mir bisher Unbekannte neu kennen zu lernen, mache ich es einfach. Denn auch wenn ein Gespräch mit einer Runde bis dato noch unbekannter Personen scheitert, so habe ich es zumindest versucht und bin eine Erfahrung reicher. Ermutigt von dem Gedanken, dass ich diejenigen wahrscheinlich auch einfach nie wieder sehen werde, fällt es mir viel leichter, neue Kontakte zu knüpfen. Weil ich im Nachhinein dankbar für diese Situationen bin. Weil man in dem Moment nichts verlieren, sondern nur etwas gewinnen kann.

So möchte ich weiterhin mich selbst aus meiner Wohlfühlzone schubsen und beispielsweise endlich mal zur Semesterauftaktsparty gehen. Zwei Semester studiert zu haben und absolut nie bei den Partys dabei gewesen zu sein ist schon ein wenig peinlich.
Wie gut, dass das Medizinstudium ausreichend Semester bietet, das Versäumte nachzuholen.
Nachdenken ist gut und wichtig, doch es sollte nicht so viel werden, dass man sich dadurch selbst im Weg steht und an allem zweifelt und zögert, bis es zu spät ist.

Ich bin glücklich mit der Situation jetzt. Perfekt ist es sicher nicht, denn wann ist im Leben schon etwas perfekt, doch ich würde es als sehr erfüllend bezeichnen. Und deshalb schnuppere ich weiter die Luft
außerhalb meines Schneckenhauses und folge ihr nach draußen.

Apfelkern

Kommentare:

  1. Ein wirklich toller Eintrag, der es verdient hätte, von vielen gelesen zu werden.
    Mir geht es da ähnlich wie dir. Man lebt so vor sich hin, verschwendet viel zu viel Zeit damit, sich zu überlegen, die Zeit möglichst produktiv nutzbar zu machen, mit dem Ergebnis, dass man im Endeffekt nichts mit ihr anzufangen weiß und die Tage verfliegen, ohne dass sie von nennenswerten Ereignissen geprägt sind. Nichts scheint sich weiter zu bewegen. Bis man zu der Erkenntnis gelangt, dass nicht die Umgebung Schuld am Stillstand ist, sonndern man selbst für seine Zufriedenheit verantwortlich, kann eine gefühlte Ewigkeit vergehen.
    Im ersten Quartal des Jahres habe ich begonnen, mich mehr "herum zu treiben", spontaner zu werden, einfach, wenn ich Lust darauf hatte, in eine andere Stadt zu fahren, dort zu feiern, Menschen zu treffen, nicht mehr so viel nachzudenken, ob es sich lohnt, ob es zu anstrengend ist, zuviel Geld kostet, mir aus Bequemlichkeit nicht alles zu verwehren - und es tut einfach gut.

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  2. Ich schließe mich meiner Vorrednerin an. Es macht mir immer sehr viel Spaß deine eiträge u lesen. Aus diesem Grund kam ich nicht drum herum mich zu fragen: Wo hat sie nur diese Schuhe... ÄÄÄhhh ich meine. ich habe dich getagged und würde mich freuen wenn du mir ein paar Minuten deiner kreativen Zeit schenkst um diese zu beantworten.

    Bitte Bitte.

    Liebe Grüße

    Anika

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    1. Danke für deine lieben Worte! Ich glaube, ich lese zum ersten Mal einen Kommentar von dir und freue mich sehr, was für tolle stille Leser ich habe. Wahrscheinlich sind es noch so viel mehr, die man nicht direkt bemerkt, doch ich bin sehr dankbar für jeden von ihnen. Allein schon, wenn meine Texte jemandem etwas Freude bereiten können, hat es sich gelohnt, sie zu schreiben.

      Deinen TAG mache ich gern mit. Die ideale Entspannungseinheit während des Lernens für die Uni ;)

      Liebe Grüße,

      Apfelkern

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