Montag, 12. August 2013

Ich möchte bloggen und nicht meine Seele verkaufen

Warum bloggt ihr eigentlich?
Für Ruhm, Ehre, Leserzahlen und Testprodukte? Ist es vielleicht ein innerer Drag, der euch an die Tastaturen treibt? Oder ist es der maskierte Typ mit der Peitsche hinter euch?

Als mein inzwischen schon vorletzter (verdammt bin ich ein fleißiges Blogger Bienchen ... nicht) Post ganz plötzlich über 300 Seitenaufrufe hatte, war ich extrem überrascht. Vor allem, da es nicht nur irgendwelche Bots waren, die mir ihre Links in Kommentaren posten - denn die lassen keine ausführlichen durchdachten Kommentare zum Thema da.
Ich war, nun ja - geflasht. Doofes neumodisches Denglisch, doch das Wort trifft es. Mein kleiner Blog auf dem ich alle hundertdrei Jahre mal den Gedankenmüll aus meinem Hirn kippe hatte plötzlich regen Besuch. Sahnehäubchen: der Artikel wurde sogar auf Twitter empfohlen! Wow. Danke Caro. Und die Kirsche auf dem Sahnehäubchen war es, von Karmesin in ihrem Wochenrückblick erwähnt und verlinkt zu werden.

Hallo - sie hat mehr als tausend Leser!!! Aka: ich glaube, das gibt ordentlich Klicks. Die Leserzahl ist gleich mitgewachsen.
Das zu sehen erfüllt das Bloggerherz definitiv mit Freude und auch Stolz, tatsächlich etwas fabriziert zu haben, das offensichtlich den Nerv der Leserschaft trifft.
Und direkt nach der Freude kommt die Überlegung, wie man dafür sorgen kann, dass es kein einmaliges Hochgefühl war. Einmal von der Salmiak Lakritze gekostet und man will es immer wieder. Ihr wisst schon, was ich meine.

An der Stelle setzt der Druck ein - was, wenn ich es nicht mehr schaffe, ein Thema zu finden, das irgendwen interessiert? Beziehungsweise mehr als nur die üblichen treuen Leserseelen.
Das wäre die Stelle, an der ich mich fragte, wofür ich denn blogge. Für gigantische Leserzahlen, Kommentare ohne Ende und am besten obendrauf Testprodukte? Natürlich dürft ihr mir Lakritze, Tee und Yogamatten zum Testen zuschicken aber wenn der Preis dafür wäre, dass ich über jedes Produkt schreiben muss, tausende möglichst perfekte Bilder machen muss, ist es das nicht wert. Ich möchte bloggen und nicht meine Seele verkaufen.

Mit großer Macht kommt auch große Verantwortung. Habe ich erst mal einen gewissen Status als Blogger und meine 1000 Leser zusammen, muss ich zusehen, dass ich den Status erhalte. Regelmäßige Posts werden erwartet. Dabei sollte es auch ja nicht langweilig werden! Klar, feste Strukturen wie ein einheitliches Layout und jeden Sonntag ein Wochenrückblick sind erwünscht aber bitte bloß nicht dauernd über ähnliches posten sondern überraschen und unterhalten.

Wenn man schon dabei ist, Ansprüche zu stellen: für Massenunterhaltung braucht man Bildmaterial. Ist ja schön, dass du lange Texte schreiben kannst, die mit viel Glück einen Sinn ergeben, doch schon mal von TL;DR gehört? Ergo sind viele Bilder angesagt, um die Leserschaft bei Laune zu halten. Mit einer Digitalkamera oder gar einer Handykamera ist es natürlich nicht getan - Spiegelreflexkamera mit diversen Filtern, Linsen und natürlich Stativ sind das Minimalprogramm. Der Leser von heute hat Ansprüche.

Für die Kontinuität gibt es auch keine Ausnahmen. Prüfungszeit, Urlaub, Krankheit? Pustekuchen, es wird schön brav regelmäßig weiter gebloggt. Da kann man auch locker mal sein Wochenende damit verbringen, Posts für die kommende Woche vorzuschreiben, um unter der Woche nicht jeden Abend den Druck zu haben und mal mehr als fünf Stunden Schlaf zu bekommen.
Wenn der Blog nun täglich mit einem aufwendig geschriebenen, gut bebilderten Post versorgt ist, reicht das aber nicht. Da gibt es mehr Kanäle, auf denen man vertreten sein muss. Twitter, Instagram, YouTube, Facebook, Google Plus wollen auch täglich mit Informationen gefüttert werden, damit man die werten Follower auf allen Wegen ausreichend bespaßt.
Networking ist ebenso unerlässlich. Schön jedem etwas Honig ums Mündchen schmieren. Was denkt ihr denn, warum ich die beiden oben zum Dank für das Verbreiten eines Links zu meinem Post selbst verlinkt habe? Das ist Teil der Expansionspolitik. Das ist ganz klar eine Motivation für sie und andere, mich wieder zu verlinken, damit ich bekannter werde, mehr Menschen beeinflussen und die Weltherrschaft an mich reißen kann. Oder so in etwa.

Der Lohn sind Testprodukte ohne Ende, Einladungen zu exquisiten Blogger Veranstaltungen und Dinge, von denen Normalsterbliche wie ich nicht einmal ahnen, dass es sie gibt.

Und spätestens wenn man an diesem Punkt angelangt ist, hat das Bloggen den Status des Hobbys längst verloren und ist zur Vollzeitbeschäftigung geworden. 
Sorry Mutti, ich kann jetzt nicht mit dir reden und essen sowieso nicht. Ich muss den Teller aus fünf Perspektiven mit drei verschiedenen Linsen fotografieren, um ein ultimativ speichelförderndes Essensbild für meinen Wochenrückblick zu haben.

Ich möchte mein Leben nicht nach dem Blog ausrichten. Es ist toll, diese Plattform für Gedanken zu haben, eine Möglichkeit, Ideen und Überlegungen zu teilen wenn man möchte und Zeit dafür hat. Aber wenn man mal keine Lust und Zeit dafür hat, ist es eben auch in Ordnung. Das ist etwas, was ich extrem an einem kleinen Blog schätze: es gibt keine Erwartungshaltung, dass regelmäßig gepostet wird. Ganz frei kann ich schreiben wenn ich möchte und das auch worüber ich möchte und bekomme im Optimalfall noch Feedback dazu.

Dass Bloggen keine Verpflichtung ist, war mir auch nicht von Beginn an klar. Vor dem Urlaub saugte ich mir Themen aus den Fingern und wurstelte mehr schlecht als recht Beiträge zusammen. Sie bekamen kaum Klicks und Kommentare, denn sie waren auch einfach nicht gut. Man merkte ihnen an, dass ich sie schrieb um sie zu schreiben und keine Begeisterung oder der Wunsch, etwas bestimmtes mitzuteilen dahinter steckte.
Daher habe ich für mich beschlossen, nur zu schreiben, wenn mir das Thema regelrecht unter den Nägeln brennt und ich auch wirklich Motivation und Lust dazu habe. Anders kommt nur Murks heraus.
Wobei das jetzt auch keine Garantie ist, dass ich hier etwas anderes als wirren Gedankenquark fabriziere. Also mal ganz ruhig mit den Erwartungen.

Ich werde mit meinem Blog nicht reich und berühmt. Doch dafür kann ich ohne Erwartungsdruck der Leser, der Sponsoren und wem auch immer normal leben ohne Anfälle zu bekommen, weil ich meinen Post für heute nicht geschafft habe, sondern einfach glücklich sein. Und das ist mir sehr viel mehr wert als tausend Leser.

Apfelkern

Kommentare:

  1. Deine Gedankengänge sind jedes Mal sehr erfrischend und ehrlich. Ich lese sie einfach gerne.

    Mein Blog richtet sich nach meinem Leben, das kann dann mal heißen es kommt wochenlang nichts von mir. Ich habe auch noch nie vorgebloggt - vieles kommt spontan aber wenn dann immer mit viel Herz und Quatsch in der Birne. Das immer mehr Leutchen in meiner Leseliste auftauchen versuche ich einfach auszublenden und konzentriere mich eher auf die Personen, die mir sinnvolles Feedback geben.

    Ich muss auch ehrlich sagen mir selbst fällt es so gut wie nie auf, wenn Blogger in meiner Leserliste schon länger keinen Mucks mehr von sich gegeben haben. Wenn was Inspirierendes kommt, dann ist gut und ich habe Freude daran aber endlose Entschuldigungsposts sind überflüssig und bringen keinem was.

    Ich wünsche dir einen gemütlichen Restmontag <3

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    1. Honig ums Mäulchen schmieren ist eine alte Masche aber: awwwww! Ich freue mich sehr zu lesen, dass du meine Gedankengänge als frisch aber vor allem als ehrlich empfindest. Das Adjektiv verdient man sich nicht leicht. Danke dafür!

      Ich habe bemerkt, dass von dir auf deinem Blog gerade nicht viel zu hören ist aber das hat nicht weiter gestört sondern bewirkt, dass ich mich mehr über den nächsten Post gefreut habe.

      Das mit den Entshculdigungsposts sehe ich auch so: sie nerven einfach bloß und sonst nix.

      Danke für den Kommentar!

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  2. Ich schwöre mit dir/deinen Einträgen und meinem Leben ist irgendetwas übersinnliches im Gange. Ich habe gerade eine Sponsorenanfrage (die 2te meines Bloggerdaseins überhaupt) bekommen und jetzt kommst du und bringst mich ins Grübeln! Zum Mäusemelken!

    Davon abgesehen, denke ich es ist definitiv eine Sache, wie man mit Sponsoren und dem Druck zu posten umgeht. Es gibt gerade in der Kosmetikschiene unzählige schlechte Beispiele. Ich selbst habe schon einige Blogger entabonniert wegen wirklich unnötigen Sponsoren-Posts ala : hier ist eine Seite, dort wird xy verkauft, schaut mal rein. Und das ohne selbst je dort bestellt zu haben und Kundenservice, Versand, Verpackung etc. überhaupt im geringsten einschätzen zu können. Das gleiche gilt natürlich bei ungetesteten Produkten, die nur mal unangetatscht in die Spiegelreflex gehalten werden. Und ehrlich - ich glaube auf lange Sicht machen sich Blogger damit keine Freude, denn besagte Menschen finden trotz 1000+ Lesern fast nur einstellige Kommentare unter egal-welchen Posts und diese sind dann oft so inhaltsleer wie besagte SponsorenPosts. "Toller Post!", "Mag ich auch voll gern." "Besuche mal meinen Blog!"

    Darauf kann man gut und gerne verzichten. Denn auch wenn man/wir in erster Linie für uns Bloggen und nicht für Leser oder Ruhm - nur ein langer, sinnvoller Kommentar unter einem Post, ist da Entlohnung genug.

    Was mich noch interessieren würde: was müsste man dir anbieten um dich als Sponsor rumzukriegen? Ich glaube irgendwo käme jeder ins Wanken. Wenn ich die Chance hätte eine ordentliche Kamera als Kooperationsgegenstand zu bekommen, würde ich es sich tun. Es gibt da ja schon Sachen, die man sich so nicht leisten würde und vielleicht auch nicht wöllte...

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    1. Okay, das können keine Zufälle mehr sein. Wo haben dich deine Eltern damals noch mal ausgesetzt?! Sind wir vielleicht doch Geschwister? :)

      Ich bin nicht generell gegen Sponsoring, sondern das Kooperieren von Sponsoren nur um die entsprechenden Produkte zu bekommen obwohl man eigentlich kein Interesse daran hätte. Wenn es reine Gier ist, die einen zur Kooperation bewegt, finde ich es blöd. Und dann haben diejenigen den von dir angesprochenen Haufen neuer Produkte, den sie nicht testen, bevor sie darüber schreiben. Und während sie eh nicht mit dem testen hinterher kommen, bestellen sie eine Tonne neues Zeug.

      Würde ich die Chance haben, eine Küchenmaschine, WMF Topfsets, Dänische Lakritzsets, Pralinen, Sportkleidung oder auch eine Großpackung Matjes zu testen - ich würde es tun. Aber dann bitte auch mit ausführlicher Beschreibung und ehrlicher Bewertung statt schnell hingekritzeltes oberflächliches nichtssagendes Blabla.

      Fazit: Wenn du meine Seele partiell kaufen willst, versuche es mal mit tollem Küchenzubehör, Schokolade/Lakritze und Sportzeug.
      Aber selbst dann würde ich das Angebot nochmal überdenken. Ich möchte weder käuflich sein noch so wirken.

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    2. Vielleicht sind wir auch das Ergebnis von Alienexperimenten? xD

      Ich muss auch sagen - so cool das auch im ersten Moment sein mag die Produkte im Überfluss hinterher geschmissen zu bekommen, ich glaube mich würde das irgendwann wirklich erdrücken. So viel zu besitzen halte ich sowieso für ungesund (zumindest für mich) - außerdem ist, wie wir ja schon oft angemerkt haben, das Gefühl auch mal ein Produkt auf gebraucht zu haben viel zu toll. Und dafür hat man entweder eine entsprechend kleine Sammlung oder man hat von den tausend Produkten nur eine handvoll, die man wirklich nutzt. Und das kann nicht Sinn und Zweck der Sache sein.

      Nichtsdestotrotz drücke ich dir die Daumen, dass dein Kommentar von einer Großen Lakritz-Matjes Firma gelesen wird, die dich dann mit einem Jahresvorrat ausstattet! ;D Darüber Blogposts zu lesen stelle ich mir auf jeden Fall interessant vor.

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  3. Sehr gut beobachtet, sehr gut geschrieben. Ich habe nichts hinzuzufügen. Ich halte das mit dem Bloggen ja genauso wie du - nur dass ich öfter (wenn auch ebenso unregelmäßig) blogge. Auch wenn meine Leserzahlen seit langem stagniert, bin ich froh, dass ich noch eine Seele habe und dass mich niemand auf der Straße erkennt.
    TL;DR habe ich sogar als eine Kategorie bei mir, für die, die nicht mehr als zwei Absätze lesen können. Traurig eigentlich, dass man sich nur vor die Kamera stellen muss, um sein OOTD zu zeigen und somit +50 Kommentare erzielen kann. Da hab ich meine wenigen Kommentaren, die manchmal kontrovers sind, aber dann zum Nachdenken anregen.

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  4. Hallo :)
    Habe dich vorhin bei Bloglovin entdeckt und eigentlich wollte ich vor einer Stunde schlafen gehen. Klappte nicht, musste hier weiterlesen, danke dafür. ;)
    Du schreibst sehr erfrischend und nicht weichgespült, sei es im Artikel "Menschen sehen nicht immer aus wie in Hollywood" (!) oder auch hier zu diesem Thema. Eine lesenswerte Abwechslung, ohne dir nun Honig hinzuwerfen. ;) Ich selbst blogge zwar ganz profan über Nagellacke, hauptsächlich, und bekomme auch so einiges von Firmen zugeschickt. Das mache ich solange es mir Spaß bringt, nicht mehr, nicht weniger. Aber es stimmt schon, die Beauty Blogger Szene hat sich teilweise in eine Richtung entwickelt, die mir nicht immer gefällt. Seele verkaufen für einen Nagellack? Nein, nicht mal dann bin ich dazu bereit. Ausser es wäre "Jade" von Chanel. ;)

    Liebe Grüße aus Österreich, eine zusätzliche Leserin,
    Petra

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  5. Spannender Bericht! Im Grunde hast du Recht, ein ü1000 Blog bringt es mit sich, dass man sich selbst manchmal etwas unter Druck setzt und die Leser auch eine gewisse Erwartung haben die man natürlich erfüllen möchte. Ich selbst hätte nie gedacht, dass mein Blog einmal so groß wird und ich habe auch nie bewusst darauf hingearbeitet. Aber es ist nun einmal "passiert" und mein Blog ist nach wie vor meine Leidenschaft, auch wenn es manchmal Berufs-Charakter hat. Aber wieso kann ein Beruf nicht auch Spaß machen? Und wer würde sich nicht freuen wenn der Postbote ein Päckchen einer tollen Marke bringt. Solange man ehrlich ist und sich nicht verkauft, ist es doch egal wie groß der Blog letztendlich ist. Hauptsache der Spaß geht nicht verloren und man bleibt sich treu.

    Was ich aber auch nicht haben kann sind Blogger, die den Firmen nach dem Mund reden, nur um möglichst viel zu bekommen. Was soll sowas?! Naja, aber die lese ich dann einfach nicht mehr.

    Liebe Grüße!
    Karmesin

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