Freitag, 26. Juli 2013

Menschen sehen nicht immer aus wie in Hollywood

Sommer, Sonne Bikinizeit - und alle surfen panisch auf der Diätwelle. Zumindest gewinnt man leicht den Eindruck, wenn man sich ein wenig im Internet umsieht.

Post: Mein Leben mit Low Carb - schon 5kg weniger!
Tweet: "Yay, seitdem ich jetzt 6 mal die Woche drei Stunden Sport mache, bin ich ein viel glücklicherer Mensch! Solltet ihr auch versuchen!"
Instagram:" Cupcakes sind nur zur Deko und zum posten da, essen tun wir eh nur Zucchini und magere Pute"
Und dann natürlich die stolzen vorher-nachher Berichte:
Ohhhhh mein Gott, sah ich früher dick aus !!!  *Bild einer normalgewichtigen Frau*

Ein wenig geht es mir doch inzwischen auf die Nerven und das, obwohl ich an dem Thema Fitness selbst interessiert bin. Aber irgendwann ist es doch genug. Plötzlich taucht an allen Ecken der Einführungspost auf, dass man jetzt etwas auf seine Ernährung achten/ abnehmen/ gesünder leben will. Inspirationspost voller Bilder von beeindruckend athletischen Menschen folgen, dann kommen Sportstatistiken, Ernährungspläne…

Plötzlich entdecken alle Sport für sich neu und den Fitnessguru in sich - mal sehen, wie lange das nach der Bikinisaison noch überlebt.
Dass die Masse anfängt, mehr auf seine Gesundheit zu achten, sehe ich positiv. Aber muss man das so exzessiv teilen? Also einmal zusammenfassend darüber berichten - klar. Wer braucht aber die jede Woche exakten Speiseplanaufschlüsselungen, die drei Millionen Bilder in Sportkleidung vorm Spiegel? Na gut, wenn man das nicht will, liest man es nicht. Man muss ja nicht alle Sportblogs abonnieren. Und dann werden die ganzen anderen Blogs von dem Thema infiltriert - aaaaaaah!

Es bringt mich offen gesagt durcheinander. Tipps hier, Tipps da, mach dies anders, mach das.
Und es deprimiert. Ehrlich. Ich bin nicht fett oder unsportlich und trotzdem: wenn man permanent von allen Seiten damit zugedröhnt wird, wie sehr alle doch gerade der Fitness huldigen und ihre Körper auf Idealmaße trimmen, fühlt man sich doch schon etwas faul und unwohl daneben.

Und das, obwohl ich Blogilates mindestens vor euch allen zusammen entdeckt habe!
Natürlich ist das nicht ganz ernst gemeint. Seit etwas über zwei Jahren kenne ich ihren YouTube Channel nachdem ich zufällig darauf stieß als ich mich in seltsamen Ecken YouTubes herum trieb und mache die Übungen regelmäßig. Schließlich möchte man ja halbwegs fit in die Zombieapokalypse starten und nicht gleich als erster gefressen werden, weil man nach 200m Laufen völlig erledigt ist.

Zurück zu Blogilates.
Plötzlich wird sie überall verlinkt, überall gelobt. Jeder hat sie plötzlich neu entdeckt - na ja, davon abgesehen, dass ich sie ja schon viiiiiiieeeeel früher kannte aber lassen wir das.
Ich hätte nie gedacht, dass es mich so stört, dass etwas, was ich schon lange kenne, plötzlich populär wird. Bin wohl auch einer von diesen engstirnigen Menschen, die das nicht aushalten können, wenn ihre geheimen Favoriten nicht mehr geheim sind. Oder es stört mich, dass sie Teil dieses übertriebenene Hypes um die eigene Fitness geworden ist.

Aber mal weg von meinen persönlichen Wehwehchen: ich mag es überhaupt nicht, dass Übergewicht in der Gesellschaft so stigmatisiert wird. Iiih, eklig, der ist fett; faule Sau… mir fällt spontan nicht viel mehr an Beleidigungen ein, was aber auch daran liegt, dass ich mir nicht viel mehr einfallen lassen will.
Ich finde es grässlich, wenn Menschen so mit anderen umgehen und noch einmal schön Salz in die Wunde reiben obwohl ihnen klar ist, dass die Betroffenen darunter leiden, sich schämen. Allein die Vorstellung, wie ein übergewichtiger bis adipöser Mensch im Café einen großen Eisbecher mit ordentlich Sahne verputzt und daneben ein schlanker Mensch das selbe tut. Wer bekommt die vorwurfsvoll-abwertenden Blicke? Genau, die übergewichtige Person, die sich erdreistet trotz ihrer Statur nicht ausschließlich Möhrchen und Sellerie zu knabbern.
Ja und, vielleicht ist sie dabei abzunehmen und das ist ihre kleine Sünde, ihre Belohnung für die Woche? Man weiß es nicht aber urteilt zu schnell.

Generell gelten dicke Personen als unattraktiver, oder? Nicht dem verbreiteten Ideal entsprechend. Und das, was als Plus Size gehandelt wird, ist ein Witz. Das ist einfach für normale Menschen statt Models (aka "hilfst du mir beim Knochen auswendig lernen?") gemacht. Ich meine ein dick, das mehr als das Plus Size im Sinne von Kleidergröße L ist.
Man sollte "dick" nicht als hässlich abstempeln. Es ist vielleicht ungesünder mit Übergewicht zu leben aber das gleich als nicht attraktiv abzustempeln, finde ich doch etwas zu hart. Wer sagt, dass alle ab einem BMI von x nicht mehr attraktiv sind? Natürlich kann man an der Stelle auch mit der biologischen Fitness argumentieren. Der adipöse Höhlenmensch kann einen nicht mehr so gut vorm Säbelzahntiger beschützen und Mammuts erlegen. Und genau diese Fähigkeit, die Nachkommen zu beschützen ist attraktiv. Ja gut, so weit recht logisch aber nicht mehr ganz zeitgemäß.
Ich muss diesen Menschen nicht gleich jegliches Selbstwertgefühl nehmen. Oft genug sieht man es, wie bei 35° während alle mit Röckchen und Top herum laufen, etwas beleibtere Menschen sich in langer Hose und weitem Shirt abschwitzen, nur um nicht zeigen zu müssen, dass sie nicht dem Ideal entsprechen.

Meine Güte, wir sind alle Menschen und wir sind einfach verschieden. Ich akzeptiere die Diversität der Menschheit. Wir sind nicht alle ideal also sollten wir auch aufhören, andere schief anzusehen oder gar abwertend zu kommentieren - sei es auch nur hinter dem Rücken der betroffenen - und mehr Verständnis und Toleranz zeigen. Weil man nie weiß, was dahinter steckt. Und egal was dahinter steckt muss man auch nicht weiter denjenigen demoralisieren.

So, fertig gemotzt. Auf das Thema gebracht hat mich übrigens neben dem Fitnesswahn im Netz ein Musikvideo, in dem ich es wunderbar erfrischend fand, wie ein doch recht beleibter Mann völlig ungezwungen oberkörperfrei auf dem Bürgersteig tanzt. Er macht, was er gerne tun würde, ohne sich dabei von seinem Äußeren davon abhalten zu lassen. Und das finde ich wunderbar. Ich wünsche mehr Menschen diesen Mut zu sich zu stehen. Wir müssen nicht alle Makel verdecken, um der Gesellschaft vorzutäuschen, wir wären perfekt. Das verdirbt bloß die Erwartungshaltung der Allgemeinheit.

Und nein, ich erwarte jetzt nicht, dass alle mit kleinem Fettpolster oberkörperfrei auf der Straße tanzen. Aber ich hoffe, dass sie den Mut finden, zu sich zu stehen und das Leben zu genießen, wie sie möchten. Dadurch entsteht vielleicht auch schnell die Kraft, etwas zu verändern

Jetzt kann ich euch das Video natürlich nicht vorenthalten. Nichts für zu sehr mediengeprägte Gemüter, die perfekte Körper wie in Hollywood erwarten…


Schockiert? Ich glaube das war auch die Idee hinter dem Video, einfach mal ein wenig zu provozieren. Das ist definitiv gelungen.

Wie steht ihr zum Fitnesswahn und wie geht ihr mit dem Thema Übergewicht um?

Apfelkern

Kommentare:

  1. Oh mein Gott! Ich glaube du hast mir grade die Augen geöffnet! Vor einer Woche oder so habe ich auch meinen Fitnesspost veröffentlicht, wohl auch, um mich besser zu fühlen. Heute habe ich deinen Post gelesen und kam mir unfassbar lächerlich vor. Du hast so (!) Recht.
    Übrigens hast du einen wirklich genialen Schreibstil, ich bin zutiefst beeindruckt. Liebe Grüße

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    1. Ich bin etwas erstaunt zu lesen, dass du dich nicht von dem Post angegriffen fühlst obwohl ich genau dieses Posten von eigenen Fitnessplänen kritisiere. Schön, dass du es so positiv aufnimmst.
      Danke für dein Lob, das hört man doch sehr gerne und es beflügelt, mehr zu schreiben.
      Toll, dass du hierher gefunden hast :)

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  2. Sprichst mir aus der Seele!!!! Was mich noch ankotzt ist, wenn wir mit anderen etwas essen und ich sage, dass ich entweder einfach keinen Hunger habe oder ich möchte nur einen Salat essen (weil manche Salate echt lecker sind!!) Muss ich mir immer den Spruch anhören "Bist du auf Diät?"

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    1. Und wenn du an drei Tagen hintereinander nur Salat isst, hast du eine Essstörung. Ja ja, ich hasse vorschnelle Urteile ebenso...

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  3. Ach Kernchen, du sprichst das aus, was mir seit Ewigkeiten auf der Seele brennt - wofür mir aber immer die falschen Worte fehlen.

    Eigentlich gibt es deinem Blogpost nichts mehr hinzuzufügen.

    Der ganze Fitnesswahn nervt mich nur noch. Ich komme mir jedes Mal unendlich faul vor, wenn ich wieder einen runtastic Bericht von xyz sehe und mir dabei genüsslich mein Eis in den Mund stopfe. Ich finde es traurig, jedes Mal wenn ich von irgendwelchen Mädels lese oder höre "ich traue mich nicht ins Freibad, ich trau mich nicht kurze Hose oder Rock anzuziehen, weil schwabbel bla und so".

    Über diesen Punkt bin ich zum Glück hinweg und ziehe auch mit meinem Schwabbelbauch Kleider und Röcke an. Ohne Strumpfhose! Ha, da habt ihr es. Und bisher hab ich selten fiese Kommentare gehört.

    Ganz ehrlich? Wenn man sein Leben liebt,seinen Körper akzeptiert und voller Selbstbewusstsein und Lebensfreude die Klamotten trägt, die einem gefallen, dann wird sich da auch niemand anders dran stören.

    Ich weiß nicht, wie oft ich das schon gesagt habe: Aber ich bin pro Selbstbewusstsein und gegen Verstecken unter weiten, schlabbrigen Klamotten.

    So, jetzt rede ich mich schon wieder um Kopf und Kragen, weil dein Text so viel besser ist, als meine Grütze hier :D

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    1. Wofür mir die falschen Worte fehlen? Au schade, es ist einfach zu warm.

      Du weißt ja, was ich meine. Hoffe ich :D

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    2. Schön, was von dir zu lesen, Caro!

      Ich finde es super, dass du dich davon nicht beeindrucken lässt und dein Leben einfach genießt. In der Hinsicht könntest du ein Vorbild für so viele sein. Und ich glaube, dass du mehr Bestätigung als doofe Kommentare dafür bekommen wirst, lebensfroh im Kleid umher zu laufen statt dich unter weiten Klamotten zu verstecken zu versuchen.

      Das mit den runtastic Statistiken nervt wirklich. Behaltet das für euch, statt uns zu deprimieren! Wenn ich mich mal freue, für 3,5 km 20 Minuten zu brauchen, kommt gleich jemand und postet, wie er 4km in 15 Minuten schafft. Will doch eigentlich - mal ganz ehrlich - keiner lesen den Kram.

      Ich freue mich sehr über deinen Kommentar; um Kopf und Kragen geredet hast du dich nicht. Und bei der Hitze bin ich eh überrascht, einen halbwegs sinnvollen Text zusammen bekommen zu haben ;)

      Ganz liebe Grüße an dich!

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  4. Toller post! Unterschreib ich so wies da steht!

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  5. Was mich vor allem an 99% der Fitness-Posts stört ist dieser Gewicht-Faktor, der eine vieeeeel zu große Rolle spielt. Wenn ich mir vornehme Sport zu treiben, dann ist das weil ich keine Kondition habe (auch ich würde sicher kein langes Leben führen wenn jetzt die Zombieapokalypse ausbrechen würde) oder mir schon einn bisschen mehr Kraft, statt Pudding in meinen Armen wünsche- nicht um dem perfekt untergewichtigem BMI nach zujagen und aus zusehen wie der nächste 08015 Modeblogger.

    Ich glaube auch das ist einer der Gründe warum mich dann eher Kosmetik interessiert. Die Bloggerinnen scheinen irgendwie zufriedener mit ihrer Statur (bzw ist die ja in der Industrie eher nebensächlich), wärend die Mode-Sparte entweder immer gleich aussieht, oder es geht dann eher in die Richtung Plus Size. Das Dazwischen - das wirklich wirklich stinknormale, fehlt mir immer. Zumindest habe ich noch keine Bloggerin für Mode gesehen, die zum Beispiel meinem Körpertyp entspricht.

    ..und ja, es nervt mich auch immer tierisch, wenn Dinge die schon laaange da waren plötzlich so unnatürlich gehyped werden. Aber das gabs auch schon immer, irgendwie müssen wir damit fertig werden. Also am besten immer über Neuentdeckungen bloggen, damit man dann schwarz auf weiß, mit Datum hat, dass man der Erste war. ;D

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    1. P.S.: Ich habe gerade nachgeschaut: ich kenne Blogilates seit dem 12.April 2012
      Bin ich jetzt schon ein Lemming.

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    2. Oh ja, der Fokus auf das reine Gewicht nervt. Und dann nach der ersten Woche Training der Schock: zugenommen. Und das, obwohl die Klamotten lockerer sitzen?! Panik!!!
      Ja, wenn man nur bedenken würde, dass Muskeln eine höhere Dichte als Fett haben…

      Dass Beautyblogger zufriedener mit ihrem Körper sind, finde ich gut. Sie legen halt mehr Wert auf anderes, sehen nicht nur den Körper und Problemzonen. Oder sie schreiben einfach nicht darüber.
      Ich würde allein schon nicht Fashion Blogger werden wollen, weil ich nicht dauernd meine Figur so begutachten lassen wollen würde. Und weil ich eh keinen besonderen Modegeschmack habe.

      Hmh, du kennst Blogilates schon so lange (was dich vielleicht GERADE SO aus dem Bereich Lemming heraus reißt) und hast trotzdem Pudding Arme? Bei mir haben die fast zwei Jahre Training mindestens einmal die Woche schon etwas gebracht. Ich habe Dinge wie Armmuskulatur :)
      Also schön weiter üben du …nicht Lemming

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    3. Machst du bestimmte Armübungen? Ich versuche mich immer an Liegestützen - schaffe aber auch nach vielen Monaten erst 20 ... auf den Knien. Es ist wirklich ein Trauerspiel. Und so einen Schwingstab hab ich auch täglich im gebrauch, aber ich hab das Gefühl, dass da gar nichts passiert.

      Zu der Gewicht/ Fitness Sache hab ich erst vor kurzem ein Video gesehen, dass das sehr gut veranschaulicht (falls es dich interessiert: http://www.youtube.com/watch?v=-gBcypyhj4w ).
      Die Vorher-Nachher Bilder sind krass wenn man den Gewichtsverlust bedenkt und wie du schon sagtest, würden viele sehr sehr unzufrieden sein, weil eben die Waage keine 10 Kilo weniger anzeigt, es die Kleidung aber vermuten lassen könnte.




      Ich-nicht-Lemming, folge dir-Leithammel~. Weise den Weg!

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  6. Du hast sehr schön alles ergänzt, was ich auch zu dem Thema sagen wollte, wo ich aber letztendlich zu sehr abgeschweift bin... Es kann sehr gut sein, dass ich Blogilates erst durch dich entdeckt bin. Kenne sie auch nur seit diesem Jahr.

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  7. Hihi, habe ich dir quasi das Thema vor der Nase weg geschnappt? Blogilates erst seit diesem Jahr…du Mainstreamer ;)

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  8. Habe gerade diesen Post über den Juli Blog News Post auf mel et fel entdeckt - du sprichst mir aus der Seele! Ich finde es nervig, dass Frauen, die eine absolut normale Figur haben plötzlich alle auf "ich will noch unbedingt 5 kg abnehmen!" machen und der plötzliche Hype um Blogilates :) Ja, ich liebe ihre Workouts, und das ebenfalls seit 2 Jahren. Und jetzt wird einem das ja überall quasi hinterher geschmissen.
    Es gibt natürlich ein paar, die wirklich auf eine inspririerende Art und Weise über ihren Lebenswandel bloggen, aber bei den meisten bin ich schon recht genervt über das 100. Instagram Bild in Sportklamotten, den 10. Post über gesundes Essen und die 50. Runtastic Ergebnisse.
    Ich finde es toll, wenn man mit Disziplin versucht seine Ziele zu erreichen,aber wenn man jeden klitzekleinen Erfolg öffentlich posten muss, kommt es mir vor, als würde man das alles nur machen, um von seinen Followern ein leicht neidisches "Ich finde es sooo toll, dass du es schaffst, das so durchzuziehen!" zu bekommen.
    xxx Maddy
    (und ein follow gibt es gleich dazu ^.^)

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