Donnerstag, 16. August 2012

Klischeegetreue Wirklichkeit. Oder so

Zahlreiche Mythen ranken sich um jene Wesen, die selten das Licht des Tages erblicken. Nicht oft kann man sie in freier Wildbahn sichten. Das liegt jedoch nicht daran, dass sie selten sind - nein, das ist es nicht!- der Grund dafür ist eher, dass diese Geschöpfe es vorziehen, im Verborgenen zu leben. Zudem sind sie sehr lichtscheu und daher auch nachtaktiv. Sie bevorzugen es, Distanz zu anderen Lebewesen zu halten und auch Artgenossen nähern sie sich nur in Ausnahmefällen.
An ihren Lebensraum stellen sie eine grundlegende Voraussetzung: es muss WLAN vorhanden sein. Immer. Ohne Unterbrechungen. Ein internetfähiges Gerät führt der gewöhnliche Onliner sowieso immer mit sich. Da ist es auch selbstverständlich, dass er sämtliche Zeit, die er nicht für lebenserhaltende Dinge wie Nahrungsaufnahme oder Schlaf benötigt, in eben jenem Internet verbringt.

Ganz anders in seiner Lebensweise ist der Offliner. Er ist froh, wenn er das lästige Ding namens Computer nur für berufliche Zwecke nutzen muss. Der Kampf mit dem Drucker zählt zu seinen regelmäßigen Leiderfahrungen. Er lernt das Nötigste, um dieses Teufelszeug was sich Internet schimpft soweit wie erforderlich zu benutzen, stellt sich dabei aber oft ungeschickt an und jammert über diese "moderne" Technik obwohl sein eigener Laptop - insofern vorhanden - auch schon nicht mehr der neueste ist. Sucht er denn einmal das Internet in seiner Freizeit auf, dann höchstens um Mails zu lesen und zu versenden - diesem Kommunikationsweg kann man sich leider auch der Offliner nur schwer entziehen- oder zu sehen, ob bei Facebook, wo er sich aus Gruppenzwang angemeldet hat, etwas passiert ist.
Natürlich gibt es auch innerhalb der Gruppe der Offliner Differenzen, sodass sich sogar noch Exemplare finden, die bisher noch keinen Kontakt mit dem verderblichen Internet hatten. Diese Gruppe  ist jedoch auf lange Sicht in ihrer Existenz bedroht.

Beides sind natürlich keine Beschreibungen, die den Anspruch erheben, komplett wirklichkeitsgetreu zu sein, da sie viel mehr klischeegetreu sind, doch die grundsätzliche Einteilung der Menschen in eben jene Gruppen erlebe ich in meinem Umfeld.
In der linken Ecke: die Onliner!
24/7 vernetzt, drahtlos, dreifach sicherheitsgespeichert  und organisiert, fehlernährt, WLAN-abhängig und sozial vereinsamt.
Und in der rechten Ecke - die Offliner! Den Brockhaus im Regal, der Handschrift mächtig und vertraut mit internetlosen Kommunikationsformen sind sie das traditionelle Modell, das auch außerhalb der Empfangsgebiete funktionsfähig ist, jedoch von modernen Errungenschaften ausgeschlossen ist.

Seht ihr euch selbst als Onliner oder Offliner? Was genau ist das eigentlich? Es ist nicht leicht, das abseits der Extremfälle zu definieren. Jemand, der das Internet überhaupt nicht nutzt - und das sind laut welt.de noch 24,4% der Deutschen- ist sicher ein Offliner. Jemand, der 24/7 online ist, wird sicher ein Onliner sein, doch wo sind die Grenzen? Die meisten haben eine Mailadresse, doch wie bereits geschrieben sehe ich das nicht als Grund, denjenigen zu den Onlinern zu zählen. Nur weil man sich einen Kittel anzieht ist man noch längst nicht Arzt.

Onliner zu sein bedeutet nach meiner persönlichen Definiton eher, nicht nur passiv, beispielsweise für Recherchen, das Internet zu nutzen, sondern auch aktiv Inhalte zu erstellen. Ein eigener Blog, ein eigener Youtube Kanal, ein Twitteraccount, Google Plus, podcasten und was es da sonst noch alles gibt. Es heißt aber für mich nicht nur, Inhalte zu produzieren und zu teilen, sondern auch zu kommunizieren und auch zu einer bestimmten Gruppe von Personen regelmäßigen Kontakt zu haben.
Allerdings muss das nicht heißen, dass man sich eine Art zweite Identität; ein zweites Leben im Netz aufbaut, sondern dass es einfach zu einer Erweiterung des wirklichen Lebens wird. Ein Teil davon.

Das stört mich auch an der Bezeichnung Reallife für das Offline- Leben; den Alltag. Denn das Gegenteil von Real, also echt, wäre wie schon früh gelernt falsch. Und das Internet dementsprechend als Fakelife zu sehen, wäre ganz und gar nicht treffend. Es gehört auch zum realen Leben und beeinflusst die persönliche Entwicklung, selbst wenn man nicht mit einem Klarnamen agiert. Denke ich zumindest.

Einen wirklichen Kampf wie beim Boxen gibt es zwar nicht zwischen benannten Onlinern und Offlinern, doch es kommt mir teilweise schon so vor, als würden sie sich als verfeindete Gruppen betrachten. Je nach Charakter des Einzelnen versuchen sie sich nachzuweisen, wie falsch die jeweilige Lebensweise ist.
"Du bist ja schon internetsüchtig!" 
"Informationssuche, Einkaufen, Kommunikation -du machst dir deinen Alltag viel komplizierter!" 
Von dem Gedanken, dass es ein Schwarz und ein Weiß gibt, habe ich mich schon lange verabschiedet. Da sind noch all die Graustufen dazwischen und wer bitte sagt denn, dass nicht das Weiß das Böse ist…
Es muss wahrscheinlich jeder selbst herausfinden, welche Lebensweise ihm am besten zusagt und dabei werden sich die wenigsten für ein Extrum entscheiden, sondern viel mehr einen Mittelweg wählen.

Dabei bleibt zu hoffen, dass das eigene Umfeld auch die persönliche Entscheidung für den gewählten Weg akzeptiert, auch wenn es nicht deren eigene Wahl ist.
Auch wenn man es selbst für sinnlos hält, mit Menschen Kontakt aufzubauen, die vielleicht tausend Kilometer weit weg sind, seinen Alltag zu teilen oder tägliche Selbstportraits und Katzenbilder zu posten: man kann es akzeptieren. Umgekehrt ebenso.

Akzeptanz hin oder her: es gibt doch irgendwo Grenzen. Gespräche über die Blogosphäre sind mit Offlinern kaum möglich, man kann mit ihnen nicht mal eben spontan videotelefonieren und über das letzte Video des Lieblingsyoutubers kann man sich auch nicht austauschen. Stattdessen erklärt man ihnen viel eher per Telefon, wie man Mails mit Anhang versendet.
Da das Netzleben in meinen Augen kein eigenständiges, zweites Leben in einem Paralleluniversum, sondern Teil des Reallifes ist, kann man es auch nicht dauerhaft ausklammern. So stelle ich es mir auch vor, dass eine Partnerschaft zwischen zwei Onlinern oder auch zwei Offlinern den Vorteil hat, dass sich mehr Lebensbereiche überschneiden und so verbindende Gemeinsamkeiten entstehen. Natürlich gibt es Freundschaften zwischen Onlinern und Offlinern - aber es ist nicht das Gleiche. Es heißt nicht, dass es schlechter ist. Nur anders. Es gibt einfach Dinge, über die ich mit befreundeten Offlinern nicht reden kann. Doch das gilt für die Onliner in anderen Bereichen auch.

Wenn ich das so formuliere, klingt es, als würde ich für mich die Position eines Onliners einnehmen. Ist das so? Ich weiß es nicht. Mein Nutzungsverhalten würde diese Bezeichnung bestätigen, doch es gibt immer wieder Phasen, in denen ich internetlos lebe. Unabsichtlich wohlgemerkt.
Dieses unabsichtlich beinhaltet, dass ich in dieser Zeit jedoch gern Internet hätte. Bin ich also doch ein Onliner? Wahrscheinlich. Vielleicht. Aber ein Digital Native…? Eher nicht.

Wenn man sich spontan einer  der beiden Gruppen zuordnen müsste, würde ich mich wohl zu den Onlinern stellen. Würde ich euch dort treffen?


Apfelkern

Kommentare:

  1. Also ich fuer meinen Teil bin definitiv einer der "digital natives", ebenso der "early adopter" mit redundant ausgelegtem Internet: Ich lebe online, kommuniziere online, habe online "Freunde", arbeite online und auch fuer eine Fernbeziehung ist das Online definitiv ein Pluspunkt. Meistens bin ich einer der ersten, die einen neuen Dienst ausprobieren, sich dort anmelden, fuer sich bewerten wofuer er nuetzlich ist.

    Kurzum: Ich bin nahezu nie offline, da zu Hause (was gleichzeitig mein Buero ist) zwei Internetverbindungen existieren, einer meiner Laptops mit einer mobilen Internetverbindung ausgestattet ist und auch mein Smartphone natuerlich permanenten Zugang zum Internet hat. Von daher bin ich selber zwar nicht 24/7 online, da ich auch hin und wieder schlafe aber meine Geraete sind es definitiv.

    Allerdings kann ich auch mal fuer einige Zeit offline ueberleben. Das einzige, was mich zwingt fast 24/7 online zu sein ist meine Arbeit als Informatiker denn Server betreuen sich halt nicht von alleine. Wenn ich allerdings auf einer Tour durch die Heide kein Internet habe, ist es auch kein Beinbruch. Oder auch in lieber Gesellschaft brauche ich das Internet nicht permanent. Es ist eben aus den Arbeitsgruenden bei mir und ich werde benachrichtigt wenn es Probleme gibt aber ansonsten ist es eher ein nuetzliches Extra wenn man eine Strassenkarte oder aehnliches braucht und kann auch gerne in der Tasche bleiben.

    Was die Reaktionen des Umfelds angeht war es frueher als ich noch nicht im Grossraum Hamburg wohnte ein deutlich groesseres Problem als heute. Inzwischen bin ich fast nur noch von Leuten umgeben, die ebenfalls in die Kategorie "Onliner" fallen wuerden. Frueher bekam ich auch sehr komische Kommentare dafuer wieder einen Tag mehr als 12 Stunden am Computer verbracht zu haben (natuerlich online!). Allerdings legte sich das auch als die "Offliner" dann die Rechnungen sahen, die ich fuer eben diese Online-Zeit stellte weil ich nie durch WoW oder aehnliches permanent online war sondern meistens arbeitete.

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    1. Klingt so, als wärest du das Paradebeispiel eines Onliners. Abgesehen von Schlafenszeiten und Ausnahmesituationen wie Touren durch die Heide nicht offline und ausgerüstet mit allem, was eben jene lange Onlinezeit garantiert.

      Da du im Internet so sehr aktiv bist, wird sich dein Netzleben stark mit dem Offlineleben überschneiden, nehme ich an. Wahrscheinlich wird das auch noch dadurch verstärkt, dass du wie du schriebst über das Internet arbeitest und mit Klarnamen auftrittst.

      Fazit: ein Leben ohne Internet scheint undenkbar für dich. Auch ich würde nicht mehr komplett darauf verzichten wollen, doch ich in deinem Fall scheint es eher ein nicht darauf verzichten können zu sein, da du wie gesagt auch beruflich das Netz brauchst.

      Wie du dein Umfeld mit eben jener beruflichen Notwendigkeit des Online-Seins überzeugen konntest, dass du deine Zeit am PC nicht verplemperst, brachte mich zum Schmunzeln. Schade nur, dass dieses Argument in meinem Fall nicht zieht. Als verschwendete Zeit sehe ich meine Onlinezeit dennoch nicht an.

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  2. Schätze ich müßte mich eher Onffliner oder so schimpfen. Ich arbeite in einer Welt, die von der Vernetzung sogar bis hin zur IP-Telefonie durchwachsen ist. Meine Hobbies scheinen sich, obwohl mit den Hauptfeldern Film, Musik und Literatur so offline wie kaum etwas anderes, ohne Internet gar nicht mehr bewältigen zu lassen - sei es Recherche, Diskussion oder schließlich ein eigener Text, der ja im Netz publiziert wird. Darüber hinaus finde ich es jedoch immer spannender, etwas offline zu tun. Spazierengehen. Mobiltelefon liegen lassen oder ganz ausschalten. Freunde besuchen, ohne sie vorher kontaktiert zu haben. Ohne Navi oder Routenplan an einen Ort fahren, an dem man noch nie zuvor war. Heutiges Abenteuer ist der frühere Alltag. Ich gehe an Arbeitstagen auch nicht mehr zwingend ins Internet. Ich überlege das öfter zu tun und die freie Zeit zum Teil in gestalterische Aktivitäten zu stecken. Am besten ohne online abgerufene Tutorials. Ich finde das gut. Allein schon, weil ich diesen Höhepunkt der Onlineaktivität lange hinter mir gelassen habe und mir echt schöneres vorstellen kann, als über 48 Stunden ohne Unterbrechung am Rechner zu arbeiten. Man probiert sich aus und reift daran. Denke ich. Bestimmt wird sich das zu einer eigenen Bewegung entwickeln und irgendwer wird einen Blog über das Retro-Offlinen eröffnen. Öhm?!

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    1. So so, ein Onoffliner also. Interessante Bezeichnung.
      Die stärker werdende Verknüpfung von allem möglichen mit dem Netz fällt natürlich auf. Es gibt gefühlt auf jede Müslipackung einen Link zu einem Spiel, dem Hersteller, Gesundheitsinformationen oder sonst was. Das Internet ist überall - auch im Offline.

      Daher ist es ab und zu auch angenehm, bewusst offline zu sein, doch ob sich das Retro-Offlinen durchsetzen wird…ich zweifle. Obwohl, es finden sich immer Begeisterte für solche Aktionen. Ich selbst jedenfalls würde nicht permanent aufs Netz verzichten wollen.

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    2. Während ich mir gerade mangels Schlafbedarf einen Onlinekater hole, so fällt mir doch gerade ein, daß diese zunehmende Vernetzung nahezu schon diskriminierend ist, bedenkt man, welche Zusatzangebote man nicht nur online als solches, sondern zum Teil auch nur noch über Facebook (z.B. Gewinnspiele) erhält. Es geht also gar nicht nur um ein optionales Offlineleben, sondern Offline immer mehr auch mit einem Abseits gleichgesetzt zu sehen. Und das, wo gleichzeitig neben der Medienkompetenz z.B. die Arbeitgeber Offlineansprüche soweit durchsetzen, daß ganz selbstverständlich privates Surfen untersagt, aber auch bis hin zu Handyverbot noch weitere Stufen Usus sind.
      Wie das wohl auf Dauer vereinbar sein wird, offline und online sein?

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