Freitag, 22. Juni 2012

Die Sache mit den Fußballgroßereignissen

Heute um spätestens 20.45 Uhr wird sich wahrscheinlich der Großteil der Deutschen in Fankluft gekleidet vor einem Bildschirm oder einer Leinwand versammelt haben, Grillgut konsumieren, Bierkästen leeren und dabei enthusiastisch in die Vuvuzela keuchen und so die Laute eines während des Balzgesangs verendenden Wales nachahmen. Nach jedem Tor vermutet man wegen der krachenden Raketenschüsse den Weltuntergang oder zumindest beim Erklingen der unkontrollierten Schreie der Nachbarn die Zombieapokalypse. Jedes zweite Auto hat sich mindestens ein Fähnchen angesteckt, Carbikini übergestreift und die Deutschlandfahne auf der Kofferraumablage drapiert. Demnächst kommen auch die Ampeln in Schwarz-Rot-Gold daher und beim nächsten Stau hupen alle zusammen die Nationalhymne.


Und was sagt uns dieses Verhalten der Bevölkerung? Rauschmittel im Leitungswasser? Nein, es ist EM. Und da sind wir eben alle Fußballexperten oder wenigstens Fans, egal ob wir Fußball eigentlich mögen oder nicht.

Ich bin allgemein kein großer Fan des Fußballs, umher rennende Menschen zu beobachten, die einen Ball in ein Tor befördern wollen sind einfach nicht besonders spannend. Klar, nackt aufs Feld stürmende Fans, Eigentore und blutige Fouls können das ganze schon deutlich interessanter machen, doch solche Aktionen kommen nicht häufig genug vor, als dass es sich lohnte, darauf zu warten.
Selbst aktiv zu sein betrachte ich als viel sinnvoller; spielt man selbst Fußball, ist es wirklich ein Spiel, das Spaß bringt. Warum man andere Leute dabei mit Begeisterung beobachtet, ist mir jedoch ein Rätsel.

Die alljährlichen Fußballspiele, Turniere und das Auf- und Absteigen aus Liga XY lässt sich gut ignorieren, doch bei Großereignissen wie WM und EM gibt es kaum ein Entkommen vor der um sich greifenden Fußballeuphorie. Da wird gewettet, mit Rabatten und Fanartikeln im Einzelhandel um sich geschmissen, Gewinnspiele veranstaltet als gäbe es kein Morgen mehr und vor allem auch die Medien davon überflutet und wichtigere oder schlicht interessantere Meldungen verdrängt. Super.

Ganz ehrlich: es ist doch noch immer Fußball. Na gut, jetzt kommen die Mannschaften nicht mehr nur aus Düsseldorf und Bremen, sondern aus Portugal und Schweden, doch davon abgesehen ändert sich nicht viel. Die Spiele sind noch genauso wenig interessant.
Mit dem Gedanken scheine ich recht allein dazustehen, was mich sehr wundert. Warum mutieren plötzlich alle zum Fan? Heucheln sie das alle, um ja nicht aufzufallen? Der Gruppenzwang könnte schuld sein; der Drang, mitreden zu wollen. Fußball als Sozialisierungsmaßnahme? Nicht für mich.
Auch wenn alle das DSDS Finale sehen, würde ich mir es nicht antun wollen, nur um danach darüber sprechen zu können.

Es müsste auch längst eine Sättigung auftreten, so oft wie EM und WM sich abwechseln. Bis auf die teilnehmenden Länder gibt es doch keine wirklichen Unterschiede und man sollte irgendwann genug davon haben. Das Ergebnis ist auch jedes Mal das gleiche: irgendeiner gewinnt, wobei es völlig gleich ist, welches Land diese Mannschaft nun stellte. Na gut, die Trikotfarben sind je nach Mannschaft anders.

Warum man daraus nun ein so riesiges Event machen kann - keine Ahnung. Öffentliches Massenzusammenrotten mit Bier und Fähnchen nennt man Public Viewing und noch dazu für unglaublich hipp. Ah ja. Ob man nun einen vernünftigen Sitzplatz und guten Blick auf die Leinwand hatte ist ja auch egal, solange das Gemeinschaftsgefühl und die Nähe aka das Zusammenquetschen und sich gegenseitig mit Fanchorälen das Gehör ruinieren gegeben sind.
Wenn Public Viewing denn wie korrekt aus dem Englischen übersetzt wenigstens eine Leichenschau wäre - ich fände es deutlich interessanter als irgendwelche durchgestylten vollkommen überbezahlte Typen neunzig Minuten oder gar mehr übers Feld rennen und dabei schwitzen zu sehen. Und den Ball natürlich, um ihn nicht zu vergessen.

Wer wirklich Fan der Sportart ist, soll diese Wettbewerbe gern genießen, doch es müssen nicht plötzlich alle so tun, als wären sie Hardcore-Fan der ersten Stunde. Es nervt dank Überdosis des Ganzen einfach nur noch.

Einen Vorteil hat der ganze EM-Wahnsinn dennoch: während der Partien und ganz besonders der Deutschlandspiele versammeln sich alle vorm Fernseher, sodass man zumindest ungestört ist, wenn man es vom Grölen und Zuprosten der Fans absieht.


Apfelkern

Kommentare:

  1. uuund... man ist ungestört beim einbrechen in die buden der extra hardcorefans! denn die sind ja unterwegs und feiern bis in die puppen und merken eh erst, dass das wohnzimmer leergeräumt ist, wenn sie ihren kater 2 tage später halbwegs überwunden haben.

    prost dazu. mir geht dieses furchtbar patreotische getue auch ziemlich auf den sender. nene, muss ich nicht haben.
    du bist mir mit deiner ansicht sehr sympathisch! =)

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  2. Dabei gibt es doch sogar die perfekte Lösung für das Problem… Es sind 22 Spieler, 5 Schiedsrichter (glaube ich) und dann noch ein paar Trainer und ähnliches… also nehmen wir doch schön rund 40 Bälle, werfen sie in das Stadion und alle sind glücklich, haben ihren eigenen Ball und müssen sich nicht mehr um diesen einen Ball streiten. Schon haben sich alle wieder lieb…

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  3. Tja. Warum begeistern sich so viele Leute für Fußball? Ich schätze, viele erfreuen sich wirklich ehrlich an dem Sport. Deutschland ist schließlich ein Fußballland. Anderen den Rasen zertreten ist unser Nationalsport. Ob es uns nun gefällt oder nicht.
    Ich denke, viele sehen in internationalen Sportereignissen mit deutscher Beteiligung auch eine willkommene Möglichkeit, sich patriotisch zu fühlen. Es war ja lange Zeit sehr verpönt, als Deutscher Stolz auf sein Land zu sein. Ist es bei vielen vielleicht heute noch. Im Umfeld einer Fußballwelt- oder eben Europameisterschaft ist das aber schon lange akzeptabel. Schließlich ist es nur Fußball. Und es ist doch auch schön, dass Menschen heute den Sieg "ihrer" Nationalmannschaft in einem Spiel als Anlass nehmen, Stolz auf ihr Heimatland zu sein und nicht etwas viel schlimmeres.
    Und daneben gibt es meiner Meinung nach auch noch eine ganz wichtige soziale und freizeitmäßige Komponente. Man trifft sich mit Freunden, man isst und trinkt, zu Hause im Wohnzimmer, im Garten beim Grillen oder eben mit vielen anderen Feiernden beim "public viewing" (ekelhafter Begriff). Gerade Letzteres ist mir auch völlig fremd, aber viele andere mögen eben eine "Party" mit zehntausend schreienden Fremden um sie herum.
    Und dass am Ende sehr viele Menschen zumindest an diesen Großereignissen interessiert sind, wissen eben auch Unternehmen und Medien, die ihrerseits verkaufen wollen. Und denen kommt der Fußball da gerade Recht, der dann somit alle zwei Jahre für einen Monat die Öffentlichkeit okkupiert.
    Ich persönlich schaue mir die Spiele der Welt- und Europameisterschaften an. Ich freue mich, wenn es ein spannendes Spiel gibt, in dem schön und fair gespielt wird und schalte ab, wenn es langweilig ist. Der deutschen Mannschaft sehe ich immer zu und freue mich, wenn sie gewinnt. Es bricht aber keine Welt zusammen, wenn sie verliert.
    Viele Auswüchse gehen mir aber auch gehörig auf die Nerven. Die mediale Dauerpräsenz zum Beispiel. Insbesondere in der Werbung. Ich will ein Produkt doch nicht dringender haben, weil ein Fußballer es anpreist, oder weil es in schwarz und weiß angemalt ist. Absoluter Unfug. Ich brülle nicht laut, wenn ein Tor fällt und könnte auch gut darauf verzichten, wenn andere es tun. Wenn ein Spiel gewonnen wurde und sich ein hupender Autokorso (Autotorso hihi) bildet, würde ich ihn gerne mit einer Axt beenden. Und dass man sich vor Freude mit illegalen polnischen Feuerwerkskörpern die Hand wegsprengt, erschließt sich mir auch nicht.
    Und jetzt muss ich langsam Schluss machen, das Spiel fängt gleich an.

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  4. Das ist auch nur Mummenschanz. Das Volk scheint es zu benötigen. Ich jedenfalls nicht. Nicht bevor es ein ehrlicher Gladiatorenkampf wird. Ich habe das Gefühl, daß sich die Überlieferung der klassischen Feiertagsriten mit solchen Veranstaltungen vermengt hat, so daß ein Dekorationsdrang entsteht. Und der Rest geifert nach besagten Brot und Spielen oder braucht eine weitere Legitimation um sich zu besaufen. Anscheinend können Menschen nicht einfach so Emotionen haben, weil ihnen danach ist.

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  5. Ich bin auch kein Fussballfan. Bisher hab ich ein Spiel richtig gesehen. Manchmal trifft man sich eben mit Leuten, die Fussball gucken wollen. Allerdings war es in einem schönen Rahmen, denn wir waren in einem Restaurant.

    Wieso das ganze so viel Anklang findet? Naja, es geht eben viel um's Beisammensein, um das Gruppengefühl (das ich eigentlich sehr schön finde, also generell so) + dass es sich um ein Großereignis handelt. DSDS ist da quasi nichts dagegen - innerhalb Deutschlands wird in kleinem Rahmen irgendwer zum Superstar gewählt.
    Aber schau dir den Bundesvision Songcontest an, da fiebern die Leute doch auch wahnsinnig mit.
    Und Fussball ist eben, was wirklich viele interessiert. Da kann man auch verschiedene Berufe haben, einen anderen Musikgeschmack und eine andere Hautfarbeb (es sei denn, man kommt aus dem Land, dessen Gegner Deutschland ist hähä).

    Ach ja, und den Stolz sollte man auch nicht vergessen..

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  6. Ja. Es ist toll ungestört abends durch die Straßen zu laufen udn kein Schwein ist unterwegs. Leider hat diese schöne Zeit nun wieder ein Ende :-(

    Fanfarenfromhell

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