Mittwoch, 30. Mai 2012

Hut ab!

Hin und wieder geschieht es, dass uns während des Kontakts mit einer anderen Person bestimmte positive Aspekte an dieser auffallen. Solche Aspekte können sich beispielsweise auf Handlungen, Gedankengänge, Leistungen oder auch das äußere Erscheinungsbild des anderen beziehen.
Das Erkennen einer positiven Seite an einem anderen kann als bloßes Wissen für sich behalten oder dem anderen mit anerkennenden Worten offenbart werden: durch ein Kompliment

Und was macht derjenige, der Objekt der lobenden Äußerung ist, nun? Ich empfinde es als schwer, angemessen auf Komplimente zu reagieren.
Zuerst stellt sich die Frage, welche Art von Kompliment es war und wer es ins Gespräch einbrachte.

Komplimente von völlig fremden Personen machen mich misstrauisch. Warum äußert derjenige das? Meint derjenige es auch so, wie er es sagt oder steckt eine bestimmte Absicht dahinter?
Auffallend oberflächliche Kommentare, bevorzugt natürlich die Standardphrasen, erfreuen weniger als konkret auf die eigene Person bezogene Komplimente, da diese erfordern, dass der andere sich mit einem beschäftigt hat. Eine solche Auseinandersetzung mit anderen Personen kostet Zeit, etwas, das begrenzt ist und das man nicht kaufen kann, weshalb ich es sehr hoch schätze, wenn man einander Zeit widmet. Eine Packung Pralinen ist schnell gekauft und genauso schnell weggeputzt, ein angeregtes vierstündiges Gespräch bleib lange in Erinnerung.
Und nur diese Gespräche, die sich nicht allein aus Smalltalk über das Wetter zusammensetzen, ermöglichen es, wohlwollende Äußerungen zu Charakter, Intelligenz oder Humor eines anderen machen zu können statt an der Oberfläche des Offensichtlichen verharren zu müssen und plump zu sagen, wie gut unser Gegenüber doch aussähe.

Komplimente über das Äußere sind ein Thema für sich. Natürlich freut man sich, wenn andere das eigene Erscheinungsbild als angenehm oder gar schön empfinden, doch gleichzeitig sollten dann nicht allein positive Bemerkungen über das Äußere gemacht werde, da man dadurch schnell anderen das Gefühl geben könnte, sie darauf zu reduzieren. Und wer will denn bloß als Hülle wahrgenommen werden?

Muss man eigentlich alle Komplimente annehmen? Ist man verpflichtet, dem anderen im Gegenzug auch ein Kompliment zu machen, um nicht unhöflich zu sein?
Aussagen, die zwar rein objektiv positiv wertend gemeint sind, rein subjektiv in der Situation und der gegebenen Ausdrucksweise aber abwertend sind, ignoriere ich für gewöhnlich und gebe sie dementsprechend auch nicht zurück. Wenn Bauarbeiter weiblichen Wesen, die sich ausnahmsweise mal nicht im Kartoffelsack vor die Tür bewegen, hinterher pfeifen, sollten sie nicht erwarteten, dass jemand ihnen zurückgibt, sie sähen unglaublich heiß mit Latzhose und Helm aus.

Für ein angemessen formuliertes Kompliment würde ich mich immer bedanken, aber nicht jedem bedingungslos und postwendend ein Kompliment zurückgeben. Wenn ich selbst ein Kompliment äußere, meine ich das, was ich damit lobe auch so. Würde ich jedes Kompliment direkt erwidern, bestenfalls noch mit oberflächlichen oder heuchlerischen Standardphrasen, würde ich fürchten, dass meine positiven Bemerkungen an Wert verlören, da sie so großzügig verteilt würden. Komplimentinflation quasi.
Außerdem weckt eine Komplimentflut zumindest bei mir eine gewisse Skepsis, was der andere damit zu erreichen versucht. Ganz nach dem Motto "das macht der doch nicht ohne Hintergedanken".

Manchmal gibt es aber auch Personen, die man tatsächlich einer Sturzflut an Komplimenten würdig hält. In solchen Situationen bin ich mir nicht sicher, ob ich alle meine positiven Gedanken über diesen menschen äußern sollte, da ich fürchte jenes genanntes Misstrauen dadurch zu erwecken. Auch könnte derjenige nicht nur skeptisch, sondern auch verlegen reagieren und sich gezwungen fühlen, das ganze Lob zu erwidern. In solchen Fällen versuche ich die positiven Aspekte lieber Stück für Stück zu loben, um den anderen nicht völlig zu überrumpeln.

Manche Menschen angeln geradezu nach Komplimenten, indem sie zum Beispiel andere für etwas loben und sich gleichzeitig selbst im Kontrast dazu zurücksetzen, obwohl sie genau wissen, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Für gewöhnlich wird die gelobte Person sich daraufhin bedanken und anschließend darauf hinweisen, dass sein Gegenüber doch auch jene gepriesene Qualität aufweist.
Und genau diese Methode, sich selbst Komplimente zu erschleichen; andere fast dazu zu zwingen kann ich gar nicht leiden. Aus diesem Grund lasse ich mich auf dieses Spiel auch nicht ein, da ich es nicht einsehe, solche dreisten Erntetechniken auch noch zu unterstützen.

Weist derjenige, der ein Kompliment erhält, dieses mehrfach ab, kann dies aus Bescheidenheit geschehen oder auch nur eine Strategie sein, das Lob vehement wiederholt zu hören. Ich denke, dass nur wenige Menschen wirklich aus Bescheidenheit Komplimente zurückweisen; für viele ist es einfach nur wieder eine Strategie, eindringlicher gepriesen zu werden. Ja, das menschliche Selbstbewusstsein will gestreichelt werden, aber doch nicht um jeden Preis. Das Haschen nach Komplimenten empfinde ich selbst eher als unangemessen und peinlich.

Es gibt auch den Fall, in dem Komplimente nicht geäußert werden, um dem anderen aufrichtige Anerkennung und Bewunderung zu zeigen, sondern um denjenigen zu verletzen. Ein Beispiel dafür wäre es, jemanden erst für seinen Gesang häufig genug zu loben, dass derjenige überzeugt ist, gut singen zu können und sich in diesem Glauben später öffentlich blamiert. Eine wenig komplexe Illustration, doch genau das, was sicher vielen Teilnehmern von Castingshows widerfahren ist. Anders kann ich es mir zumindest nicht erklären, wieso sie sich bei all jenen bekannten Formaten bewerben würden.

Ich sehe Komplimente als eine hervorragende Möglichkeit, anderen seine Achtung und sein Wohlwollen zu zeigen. Es ist angenehm, von seinen Mitmenschen zu hören, dass man ihnen nicht gleich ist, sondern sogar von ihnen geschätzt wird. Kleine freundliche Gesten stärken zwischenmenschliche Beziehungen. Jedoch hängt die Rezeption eines solchen objektiv betrachtet positiven Kommentars stark von der Situation, dem Maß des Lobs und dem Anbringer dessen ab. Ist das Kompliment auffällig übertrieben, basiert vielleicht gar nicht auf der Wahrheit und ist auch noch oberflächlich, kann die erwünschte Reaktion - nämlich des anderen Sympathie zu gewinnen - schnell ins Gegenteil umschlagen.

Und auch wenn das Kompliment ernst gemeint und mit guter Absicht gemacht wird, kann es das Gespräch stocken lassen, weil dessen Empfänger verlegen ist und nicht weiß, wie er reagieren soll.

Mit Komplimenten ist es wie mit so vielen anderen Dingen im Leben: die Menge macht es. Sparsam eingesetzt und aufrichtig gemeint können sie das Selbstbewusstsein stärken und Sympathie schaffen, übertrieben verwendet führen sie zu dem gegenteiligen Effekt. Ein bedachter Umgang mit Komplimenten ist für deren positive Rezeption wichtig, man sollte nur Komplimente äußern, die man so formuliert auch selbst als passend und erstrebenswert empfände, die man so selbst gern hören würde. Es ist eine Gradwanderung.

Wahrscheinlich machen wir unseren Mitmenschen im Alltag zu wenig Komplimente, zeigen ihnen nur selten, wie wichtig sie uns sind. Freundschaften sind jedoch keine Selbstverständlichkeit. Allein schon deshalb lohnt es sich in meinen Augen, jemandem mit einem dezenten Kompliment Aufmerksamkeit und im Idealfall ein Lächeln zu schenken.

Und wenn das gelingt, ist man vielleicht auch selbst als Person, die das Kompliment äußert ein wenig glücklicher als zuvor.

Apfelkern



Kommentare:

  1. das thema komplimente finde ich auch ziemlich schwierig - einerseits mache ich gerne komplimente, wenn mir etwas äußerst positiv auffällt, andererseits kann ich mit komplimenten michbetreffend nicht so gut umgehen. bin dann immer sehr zurückhaltend und antworte höchstens mit einem lächeln darauf. für ein kompliment kann ich mich in vielen fällen nicht bedanken, weil ich sehr selbstkritisch bin und mich ein locker dahergesagtes kompliment meist unsicher macht, wenn mich die ehrlichkeit dahinter nicht überzeugt. dann tue ich es als höflichkeitsfloskel ab.

    ich gebe aber wie gesagt gerne komplimente - wenn ich sie ehrlich meine! - weil ich in bezug auf mich weiß, wie selbstvertrauengebend es wirken kann. wenn ich so darüber nachdenke mache ich dies aber zumeist bei guten bekannten. bei fremden oder flüchtigen bekannten bin ich da ein wenig komplimentarm. wahrscheinlich wirke ich deshalb auf viele so böse :DD

    toller text, sehr anregend. danke dafür =)

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  2. Hm. Ich verteile bei Kontakt mit Mitmenschen recht häufig Komplimente. Allerdings fast ausschließlich an weibliche Mitmenschen. Liegt es daran, dass ich eben an Frauen interessiert bin und als Junggeselle ihre Aufmerksamkeit möchte? Vielleicht. Ich verteile Komplimente allerdings nur an Menschen, die ich kenne. (Ich könnte bei einem Fremden auf den ersten Blick ja auch schlecht beurteilen, ob er nun besonders gut mit Welpen jonglieren kann.) Und ich meine sie ernst. Und dabei ist es egal, ob sich das Kompliment auf das Äußere oder auf eine Eigenschaft bezieht.
    Ich weiß aber auch, dass es merkwürdig ist, Komplimente zu bekommen. Ist es ernst gemeint? Muss ich mich bedanken? Muss ich zurückkomplimentieren? Schon merkwürdig.
    Ich möchte aber auch nicht darauf verzichten, jemandem löbliche Worte zu sagen. Sei es nun bezogen auf den Charakter, das Aussehen oder worauf auch immer. Da muss mein Gegenüber dann eben mit fertig werden.

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    1. Durch die Unsicherheit, die ein Kompliment verursachen kann, wird es leicht zum Gesprächskiller. Man gibt das Lob zurück, bedankt sich artig und stockt im Gespräch.

      Komplimente immer so zu meinen, wie man sie äußert, halte ich für essentiell. Sehr interessant übrigens, dass du fast nur weiblichen Wesen schmeichelst. Willst du das Selbstbewusstsein der konkurrierenden Junggesellen etwa nicht stärken? ;)

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  3. Meine Methode, auf Komplimente zu reagieren (wenn denn mal welche kommen): lächeln, danke sagen und mich freuen.
    Ich finde man muss ein Kompliment nicht direkt zurückgeben, dass kommt oft irgendwie so gezwungen rüber. Vielleicht spart man sich das auf, um dem anderen bei Gelegenheit auch etwas nettes zu sagen.

    Was ich ganz wichtig finde - Komplimente sollten nie einen anderen Zweck haben als die Person zu erfreuen. Kein Hintergedanke, durch dieses Kompliment etwas für sich selber "rauszuschinden".

    Tja, alles in allem eigentlich ganz einfach. Wir machen es uns nur leider viel zu oft selber schwer, weil wir zu verkopft sind, alles hinterfragen, anstatt einfach mal einem Gefühl Ausdruck zu verleihen.

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