Donnerstag, 3. Mai 2012

Außenwirkung

Man ist sein gesamtes Leben mit sich selbst zusammen, keine Sekunde erlebt man ohne die eigene Anwesenheit. Wie auch. Schon allein durch diese Tatsache sollte man sich selbst in- und auswendig kennen, doch oft habe ich das Gefühl, dass es nur scheinbar so ist.

Ich kenne meine Gedanken, meine Schwächen und Fehler, meine Vorteile und Schokoladenseiten, meine  Wünsche und Ängste gut. Genauso weiß ich, wie die Farbe meiner Augen im Licht aussieht, wie meine Stimme klingt, wie ich lache und wie ich unbewusst manchmal die Nase runzle, um die Brille hochzuschieben.
Und trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass man sich selbst anders wahrnimmt, als man von anderen wahrgenommen wird.

Es fängt schon bei der Stimme an. Man hört sich selbst beim Sprechen ganz anders, als es von der Umgebung wahrgenommen wird. Spätestens bei Aufnahmen der eigenen Stimme wird man mit der Realität konfrontiert und über deren ungewohnten Klang staunen.
Da verbringt man Jahre mit seiner Stimme nur um dann festzustellen, dass sie sich in Wirklichkeit ganz anders anhört.
Üblicherweise gelangt unsere Stimme vom Kehlkopf über den Schädelknochen an unser Trommelfell und genau diesen Klang sind wir gewohnt. Bei einer Aufnahme nimmt die Stimme einen anderen Weg und erreicht über die Luft das Trommelfell, was zu dem anderen Klang führt. Und zu Verwirrung.
Die Stimme, die aus dem Lautsprecher kommt klingt fremd und ist die doch eigene. Daran hat das Hirn zu knabbern.

Sehe ich Videoaufnahmen von mir, bin ich auch immer wieder erstaunt, wie ich mich bewege. Wem fällt die eigene typische Gestik schon auf, wenn man sie doch unbewusst einsetzt? Woher soll ich denn wissen, wie ich aussehe, wenn ich renne? Für gewöhnlich filmt man sich nicht dabei, um die eigenen Bewegungen observieren zu können.
Ich könnte viele typische Bewegungen von Freunden und Familie beschreiben, doch die eigenen nicht. Man beobachtet ständig andere und sieht sich selbst vielleicht vier mal täglich im Spiegel, was vergleichsweise wenig ist. Lange Selbstbetrachtungen sind merkwürdig, nach einigen Minuten stehe ich meist kurz davor, meinen Augen ein Ey, was glotzt ihr so? an den Kopf zu werfen. Na ja, an den metaphorischen Kopf. Je länger man etwas ansieht, desto seltsamer wird dieser Anblick. Man zerlegt das Bild mental in kleine Teile, sieht etwas anderes als das eigentliche Objekt oder zumindest das, als was es bei einem flüchtigen Blick erscheinen würde. Genauso zerfällt auch der Sinn eines Wortes, wenn man es oft genug wiederholt.

Schon allein der Fakt, dass man sich im Spiegel immer seitenverkehrt sieht und so der Scheitel auf Bildern immer anders aussieht als man es selbst gewohnt ist, verwirrt. Teilweise komme ich mir wie ein Fremder vor, wenn ich mich auf Bildern oder in Videos betrachte.
Sagt man nicht immer, man würde sich selbst am Besten kennen?

Innerlich mag das zutreffen, denn das Innere ist allein der eigenen Person permanent zugänglich während man es mit anderen nur selektiv teilt. Das Äußere aber ist dauerhaft sichtbar für alle außer denjenigen, der darin steckt.
Manchmal denke ich, der Körper ist ein wenig wie ein UFO. Man steckt in einem Raumschiff, das man nur kurz und in verzerrter Form zu Gesicht bekommt und navigiert darin durch eine fremde Umgebung auf der Suche nach einem sicheren Landeplatz. Ja, selten so ein sinnfreies Bild ausgemalt aber ich musste den Gedanken äußern.

Der Gedanke, dass die Menschen früher oft ohne Möglichkeit waren, das eigene Erscheinungsbild zu betrachten, fasziniert mich. Ganz nach dem Motto "Ich sehe was, was du nicht siehst" wusste man, wie andere aussahen, hätte sich selbst der eigenen Spiegelung im Wasser nicht zuordnen können. Würde man sich anders verhalten, wenn man nicht wüsste, wie man aussieht?
Ich vermute sogar, dass man sich einfach gar keine Gedanken darüber machen würde, weil man mit der Problematik gar nicht konfrontiert würde. Wenn kein Fokus auf dem Äußeren liegt, sorgt man sich auch nicht darum. Man würde vielleicht denken, dass man genau wie die anderen aussehen muss. Warum auch nicht.

Heute beschäftigen wir uns ausgiebig mit unserem Äußeren, studieren unsere Wirkung auf andere. Natürlich gab es das schon in den letzten Jahrhunderten, doch ich bezweifle, dass es in diesem Ausmaß stattfand. Ich bin immer wieder beeindruckt von der Masse der Zeitschriften, Sendungen und Websites mit dem Thema der Schönheit. Die Frisur, die Kleidung, das Make-Up, die Figur selbst - alles wollen wir kontrollieren, nach vorgegebenen Maßstäben gestalten. Was versprechen wir uns davon?
Akzeptanz, nehme ich an, denn das wäre ein offensichtliches Vorteil, wenn man sie allein durch seine Erscheinung erzielen könnte.

Je mehr wir uns mit unserem Erscheinungsbild auseinandersetzen und es bewusst verändern, umso kontrollierter wird es. Die Gestik verliert an Natürlichkeit, das Haar wird nicht gedankenverloren gezwirbelt, sondern bewusst über die Schulter geworfen. Klingt nicht schlecht, wir ersparen uns damit vielleicht peinliche Kleinigkeiten (wenn man so konzentriert in die Leere starrt, dass andere denken, man sei ins Koma gefallen...), doch ginge damit nicht auch ein Verlust des natürlichen Charmes einher?

Mit dem Ordnen des Inneren ist man nicht selten auch schon beschäftigt. Manchmal reagiere ich in einer Weise, die ich nicht von mir erwartet hätte. Neue Gedanken und Wünsche entwickeln sich, die ich nicht in meinem Kopf zu finden gedacht hätte.
Man verändert sich sein ganzes Leben lang innerlich, reift, wächst. Und alles, was die meisten sehen, ist die Veränderung des Äußeren. Es gibt Faltencreme für die Krähenfüße, doch was ist mit dem Rest? Von Seelenbalsam habe ich nur in metaphorischem Sinn gehört.

Wir sind so fixiert auf das Äußere. Es ist natürlich nicht unwichtig, ist es doch auch Zeichen des Gesundheitsstandes des Individuums und schon allein deshalb ein wichtiges Signal an unsere Umwelt und instinktiv auch ein Wahlkriterium bei der Suche von Freunden und Partner, doch es lenkt auch vom Inneren ab.
Man darf sich geschmeichelt fühlen, wenn man Komplimente für sein Äußeres erhält und nicht anders ergeht es mir, wenn man mir ein solches in angemessener Form gemacht wird. Die Freude über ein Kompliment zu meiner Persönlichkeit aber ist unendlich größer. Es zeigt mir, dass sich jemand wirklich Gedanken gemacht hat, sich mit mir auseinandergesetzt hat.
Lobende Worte über das Gesicht des anderen sind schnell gefunden, das Innere des anderen muss man erst erkennen, um es loben zu können. Der Reiz, unter die Oberfläche eines Menschen zu sehen ist für mich auch größer als diese nur anzustarren. Durch reines äußeres Betrachten kann man sich nie blind vertrauen, sondern könnte viel mehr erschreckt werden, wenn eine Welle aus dem Gefäß schwappt und sich zeigt, was darin ist.

Will man denn allein aufgrund der äußere Erscheinung in eine Gruppe integriert werden? Hält das eigene Äußere andere davon ab, wünscht man sich logischerweise das Gegenteil, was ich für ganz normal halte. Verschrecken möchte man natürlich nicht. Mir käme aber auch der Gedanke, dass in zu Gruppen, die mich nur rein oberflächlich betrachten, nicht dazugehören wollen würde.
Schließlich sind wir mehr als eine Hülle, mehr als die Summe des Ganzen. Die Hülle ist im optimalen Fall Anregung, sich mit ihrem Inhalt zu beschäftigen. Das Auge soll das Tor zur Seele sein. Leider bemerkt man es nicht, wenn man bloß auf seine Schönheit achtet.
Es klingt, als würde mir ein schönes Äußeres missfallen. Das ist falsch, denn allein der Urmensch in uns allen achtet sehr darauf, doch natürlich fühlt sich auch der Sinn für Ästhetik von einem schönen Körper angesprochen. Nur sollte es noch mehr geben, dass einen anspricht es sei denn man interessiert sich ausschließlich für schmückendes Beiwerk.

Es kostet mich ein wenig Überwindung, jemandem an dessen Persönlichkeit und Freundschaft ich interessiert bin, Komplimente zu seinem Äußeren zu machen. Ich möchte demjenigen nicht das Gefühl geben, ihn auf seine Hülle zu reduzieren.
Gleichzeitig fühle ich mich unfreundlich, kein Lob zu äußern, dass sich mental bereits geformt hat. Es dauert eine Weile, bis ich diese Komplimente herauslasse. Ich will den anderen nicht verschrecken und mache es vielleicht genau durch dieses Zurückhalten der Worte. Dabei möchte ich doch nur ausrücken, dass die Hülle nicht mein Hauptinteresse ist.

Körper und Geist bilden eine Einheit, beeinflussen sich gegenseitig in ihrem Wohlergehen.
Dennoch sind sie grundverschieden. Planung und Umsetzung, Phantasie und Realität, greifbar und flüchtig. Der eine degeneriert im Laufe des Lebens nach Erreichen eines Höhepunktes und der andere wächst und blüht weiter.
Man kann Körper und Geist eigentlich nicht trennen und doch versuchen wir es. Models beispielsweise werden rein auf das Äußere reduziert beurteilt. Ich würde mich schon allein deshalb nicht in diese Position begeben wollen, weil ich Angst hätte, aus dieser Position nicht mehr herauszukommen.
Autoren haben das Glück, mit ihren wortgewordenen Gedanken zuerst auf geistiger Ebene überzeugen zu können und nicht nach dem ersten Blick beurteilt zu werden. Gegen die Einschätzung des Äußeren, der Statur, Mimik und Gestik können wir uns nicht wehren, wir nehmen sie instinktiv vor und das ist für eine erste Einschätzung auch gut so.

Wir sollten sie aber nicht zu hoch bewerten, weitere Bewertungsschwerpunkte setzen. Schließlich wählen wir auch unser Müsli nicht nur nach der Schönheit seiner Verpackung aus oder ärgern uns bald über ungenießbare pappige Kornflocken.

Apfelkern

Kommentare:

  1. Ich finde ja am krassesten, dass man sich teilweise nicht mal auf Spiegelbilder verlassen kann. Es gibt Spiegel, die dich strecken, verkürzen, dicker oder dünner machen. Und vielleicht bilde ich es mir ein, aber in meinem Badezimmerspiegel sehe ich besser aus als in Spiegeln die bei mir im Hallenschwimmbad stehen. Ganz zu schweigen von Spiegeln die bei H&M in der Umkleide stehen. Da sieht auch manchmal alles besser aus, als im Spiegel bei mir Zuhause an der Wand..

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    1. Wenn ich in den Badezimmerspiegel bei einer Freundin gucke, bin ich ungelogen jedes Mal kurz ganz verblüfft, weil meine Haare darin rötlich aussehen. Was vermutlich an der blau-gestrichenen Wand hinter mir liegt und irgendwelchen Komplimentärkontrasten, aber ich falle trotzdem jedes Mal kurz drauf herein, und frage mich, ob sich da einfach im Laufe der Zeit ein Rotstich in meine Haarfarbe geschlichen hat.
      Es sei zusätzlich erwähnt, dass vor Jahren mein damaliger Freund auf die Information, dass ich gerne rote Haare und dazu giftgrüne Augen hätte, mit einem völlig entgeisterten: "Aber - du hast doch rote Haare..." reagierte.
      (Hab ich nicht, nie gehabt; höchstens wenn man die eine missglückte Haartönung mitzählt.)
      Vermutlich versuche ich also unterbewusst immer noch, eine Entschuldigung dafür zu finden, dass ich mit einem Kerl zusammen war, der nichteinmal wusste, welche Haarfarbe ich habe!

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  2. Du triffst ziemlich exakt das, was ich manchmal probiere zu Papier zu bringen, nur drückst du es deutlich besser aus als ich es könnte! Dieser Post ist ohne Übertreibung nahezu genial!
    Auch ich kenne dieses Bedürfnis einmal geformte Komplimente sagen zu müssen, aber viel zu häufig muss man es um einige Sätze ergänzen, weil es schnell falsch verstanden werden kann. Warum darf man als Junge einem Mädchen nicht sagen, dass man die Kette ästhetisch findet, ohne gleich in verdacht zu geraten, an der Person interessiert zu sein. Und warum darf man einer Person, die unästhetisch aussieht keine Komplimente für ihre geistigen Leistungen machen, ohne, dass andere denken, man "stehe" auf sie? Es scheint mir viel zu häufig eine Überbetonung des äußeren zu geben und die Art, wie du dies geschrieben hast, ist genial!

    Als Kompliment an die Person "Apfelkern",
    Pearl.

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  3. Also ich habe bisher nur in Filialen gekauft und weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob man auch online kaufen kann- lässt sich aber bestimmt ergoogeln :)

    Und in der Sauna lesen, dürfte mit laminierten Seiten gar nicht mal so scher sein- haben wir etwas soeben eine Marktlücke entdeckt? Laminierte Bücher? ;)

    Liebste Grüße...

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