Samstag, 24. März 2012

Herzzerreißende Blicke und fordernde Hände

Das schöne Wetter muss genutzt werden und was wäre angenehmer als ein gemütliches Treffen mit Freunden? Man redet, diskutiert, lacht, lästert, probiert die mitgebrachten Köstlichkeiten und vertieft sich in Spiele.
Als Mitbringsel beschloss ich Polentaschnitten zu bereiten, stellte aber fest, dass keine getrockneten Tomaten mehr im Haus waren und machte mich daher auf den Weg zu einem Supermarkt. Noch bevor ich mein Fahrrad anschließen konnte, fiel mir eine kleine dunkelhaarige Frau mit Kopftuch auf, die vor dem Eingang stand und einen Stapel Zeitungen, wahrscheinlich den Straßenfeger, in der Hand hatte. Sie stand unauffällig in der Ecke und ohne dass sie etwas sagte, war ganz klar, was sie wollte: Geld.

Ich vermied es, die Frau direkt anzusehen. Man möchte mit dem Leid anderer nicht konfrontiert werden, doch viel mehr gehe ich davon aus, dass ein direkter Blick und ein freundliches Lächeln von dem um Geld bittenden als Versprechen, genau diese Bitte erfüllt zu bekommen gewertet werden würde.

Ja und - die fünfzig Cent hätten mich nicht umgebracht. Allerdings hätte ich gleichzeitig einen schiefen Blick der Frau erwartet. Na toll, 50 Cent - willst du mich verarschen, Geizkragen? Entweder großzügiger sein oder gleich sein lassen.
Wie viel gibt man bettelnden Personen, um sie zufrieden zu stellen (nennen wir es doch beim Namen: abzuwimmeln) und sie gleichzeitig nicht zu beleidigen? Ein Euro, zwei, fünf? Das Geld fällt niemandem zu und daher gebe ich es ungern, nur weil jemand mich leidend ansieht.
Ich bin nicht verpflichtet, etwas zu geben, auch wenn das schlechte Gewissen genau das impliziert. Der Blick aus traurigen Augen. Dir geht es so unendlich gut. Sieh mich an -willst du wirklich so egoistisch sein mir nichts von deinem Reichtum abzugeben?

Beginnt in der S-Bahn jemand auf seiner Gitarre zu spielen und nervt dabei nicht selten alle Anwesenden mit schiefem Gesang und schlechter Instrumentenbeherrschung, nur um danach Geld zu verlangen, stöhne ich schon innerlich auf sobald derjenige auch nur den ersten Ton anstimmt. Oder die Person geht gleich mit einem Becher umher. Liebe Freunde, ich bin der Jochen und ich bin seit drei Jahren obdachlos. Über eine kleine Unterstützung würde ich mich sehr freuen.
Auch kleine Kinder, die von ihren Akkordeon spielenden erwachsenen Begleitern mit treu-leidendem Dackelblick umhergeschickt werden und den Passagieren fordernd einen Hut vor die Nase halten, erwecken bei mir nicht unbedingt Mitleid, sondern eher Ärger über die Dreistigkeit derer erwachsener Begleiter, das Kindchenschema mit seiner Niedlichkeit so schamlos auszunutzen. Ich wollte die Dienstleistung der Musik nicht. Man hat mir dieses Gejaule aufgezwungen und so bin ich auch nicht bereit dafür zu zahlen. Mir gibt man schließlich auch nichts, nur weil ich vor mich hin summe, die Menschheit mit meinem Gesang terrorisiere oder eine traurige Miene aufsetzte.
Ich habe diese Gedanken und doch fühle ich mich dabei herzlos. Wie kannst du Eisklumpen denn das Leid dieser Menschen ignorieren? Das sind Kinder - wenn du ihnen jetzt nichts gibst, bist du schuld daran, dass sie auch in Zukunft so elend weiterleben müssen!

Manchmal frage ich mich, ob die Bettler der Stadt wirklich alle so arm sind, wie sie es zu sein vorgeben. Natürlich werden einige genau das sein, doch für andere ist das Betteln sicher nur eine profitable Einnahmequelle. Wer sagt denn, dass sie die Kinder nicht zum Betteln zwingen, weil sie das Gewissen effektiver erweichen als ein abgerissener Jochen mit Bernhardiner?
Es sind auch teilweise einfach zumindest in Berlin so viele Bettler  unterwegs, dass man bei deren Anblick schon völlig abgestumpft sie als normalen Teil der Stadtkulisse wahrnimmt. Wechseln die Musikanten in der Bahn an jeder Station in den nächsten Waggon, sodass ein fliegender Wechsel herrscht, hat man bald keine Lust mehr, sich auch nur anzuhören, was seine Freunde in Not so zu erzählen haben.

Freunde, wir sind hier nicht in Bangladesh, Niger oder Haiti! Hier muss niemand ums Überleben fürchten. Hier wird an Übergewicht gestorben und nicht an Unterernährung.

Es gibt genug Projekte und Organisationen in den Städten wie hier beispielsweise die Berliner Stadtmission oder die Berliner Tafel, die sich um die Lebensmittelversorgung und Schlafplätze für Obdachlose oder arme Menschen generell kümmern. An die zu spenden würde sinnvoll sein, aber warum sollte ich dann den Bettlern direkt etwas geben? Damit sie sich davon gleich billigen Wodka und Zigaretten kaufen können? Es ist natürlich nicht korrekt, gleich allen bettelnden diesen Umgang mit dem erhaltenen Geld zu unterstellen, doch der Gedanke drängt sich auf.

Das Ignorieren des Leids ist sicher nicht richtig aber wie echt das sich so offensichtlich präsentierende Leid ist, lässt sich auch nicht immer feststellen.
Und sie geben mir dennoch regelmäßig erfolgreich das Gefühl, hartherzig und unmenschlich zu sein.

Apfelkern

Kommentare:

  1. Würde ich so unterschreiben. Ich gebe den Leuten ungern Bargeld. Ich verteile lieber was zu essen, entweder das was ich noch in meiner Tasche habe oder flitze fix zum nächsten Laden und kauf ne Packung Wiener Würstchen. Und wenn ich dann einen ehrlich dankenden Blick bekomme, dann weiß ich, dass das richtig war.

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  2. auf jeden fall gut, sich solche gedanken zu machen und nicht einfach so weiterzugehen. zeugt von deinem intellekt:)

    aber ich kenne solche gedankenkämpfe selber nur zu gut... :/

    naja, kommt mal wohl nicht 'drum herum'

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  3. ich hab nem kerl mal was zu essen geben un dwurde dann angeschissen, dass er geld will und nicht was essbares. tja geld wird wohl nicht in den suppenküchen der stadt verteilt. ._.

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  4. Ich unterschreibe es komplett!

    Ich arbeite nebenbei in einem Supermarkt direkt in der Innenstadt und es ist KEIN Klischee das nur Alkohol davon gekauft würde, es IST so! Wenn wir morgens um sieben aufmachen stehen die schon zitternd vor dem Laden weil die die Nacht über nix hatten! Zigaretten werden eigentlich nie gekauft, die sind viel zu teuer (das sind dann eher die die wir umgangssprachlich als "asoziale" betiteln)

    Und oft genug hab ich es erlebt das Menschen total zerissen und verlumpt sind und dann das Geldbündel mit 50€ scheinen rausholen, nicht mit mir leute!

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  5. Man sollte vorsichtig sein heute. Viele von diesen Personen sind gar keine echten Bettler mehr, sondern legen es nur darauf an Geld abzukassieren. Das mag seltsam klingen, aber wenn man das im großen Stil betreibt, soll es wohl rentabel sein. Hier gibts es einige, die z.B. ihre Behinderungen (Amputationen, offene Beine, was auch immer) offen zur Schau stellen und so jede Menge Geld bekommen. Teilweise tragen sie an einem guten Tag mehrere Säckchen voller Münzen zur Bank und lassen sie in Scheine wechseln. In einem ARD-Kurzbericht hieß es sogar mal, dass so mehrere Hundert Euro oder sogar tausend Euro am Tag zusammenkommen könnten.

    Es ist wirklich schwierig. Ich bin dazu übergegangen kein Geld mehr zugeben, nur Essen oder Trinken anzubieten.
    Ich weiß, dass alle Obdachlosen in unserer Stadt mehr als gut versorgt werden, dass es sogar eine kostenlose medizinische Versorgung gibt, die auch Menschen versorgt, die illegal in Deutschland leben. Es gibt also eigentlich keinen Grund dafür, warum man betteln müsste.

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  6. Ich guck auch gerne weg und habe dabei ein schlechtes Gewissen. Gucke ich aber hin, habe ich das Gefühl zu starren.

    Mir ist es unangenehm in der S-Bahn (bspw.) etwas zu geben. Ich könnte ja meine Aufmerksamkeit dadurch auf mich ziehen.
    Wenn ich denn mal was gebe, dann wirklich sehr wenig. Generell geb ich aber Obdachlosen lieber Geld als Kellnern. Ich find Trinkgeld geben schrecklich. Kellner sind selten so unglaublich sympathisch, dass ich es ihretwegen mache, sondern eher "weil man das so macht." Sollte ich mir abgewöhnen.

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  7. Ich sage dazu nur zwei Worte: Brecht und Dreigroschenoper...

    Es ist tatsächlich oft sinnvoller, Bettlern eine Bäckerstüte mit `ner Brezel drin oder ´ne Dose Hundefutter, falls ein Hund dabei sein sollte, in die Hand zu drücken...

    Oh ja, im Ikea gibt es sogar eine Menge Stoffe. Die Preise variieren. Ich habe für die zwei Meter Stoff zehn Euro gezahlt, was ich echt gut finde.
    Die Qualität der Stoffe variiert auch- einige Stoffe machen einen recht dünnen, widerstandlosen Eindruck, aber viele Stoffe sind absolut in Ordnung.


    Liebe Grüße...

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  8. "Hier wird an Übergewicht gestorben und nicht an Unterernährung." Du sagst es.

    Ich bin eine Neuleserin deines Blogs und muss sagen, dass deine Sprachgewandtheit mich gleich angesprochen hat, auch wenn ich selber wenig eloquent bin und doch eher zu einfachen Sätzen greife. Was du über die Bettler sagst und auch über dein Gefühl, welches du hast, wenn du ihnen nichts gibst, würde Tausende ansprechen. Gut so, dein Blog wird gespeichert :)

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    1. Das sind die Worte, die dem Blogger zeigen, wofür es zu schreiben sich lohnt. Danke!

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