Donnerstag, 9. Februar 2012

In welcher Sprache träumst du?

In der globalisierten Welt ist es wichtig, Fremdsprachen zu beherrschen. Mindestens gute Englischkenntnisse sind eine Voraussetzung in vielen Berufen, doch auch im Privatleben sind Fremdsprachenkenntnisse unerlässlich.

So praktisch dieses Wissen auch ist - das Erlernen ist mühsam. Und um das den eigenen Kindern zu ersparen, ziehen einige Eltern ihren Nachwuchs bewusst zweisprachig auf. Der günstigste Fall bei diesem Vorhaben ist natürlich, dass beide Elternteile Muttersprachler einer anderen Sprache sind und so ihr Kind mit authentischem Chinesisch und Französisch aufwachsen lassen können. Doch ist das eigentlich sinnvoll?

Ich fürchte, dass ein von zwei Sprachen wechselseitig berieselte Kind die Sprachen anfangs verwirren wird.  Außerdem liegt der Gedanke nicht fern, dass dieses Kind dadurch, dass es wechselweise Juan und John gerufen wird, nicht nur in der sprachlichen als auch bezüglich der persönlichen Identität unsicher ist.
Um eine Fremdsprache zu erlernen, sollte man eine Muttersprache als Grundstock und Leitfaden haben, an deren Strukturen man sich orientieren und darauf aufbauen kann. Bekommt man aber zwei Sprachen auf einmal eingetrichtert, entsteht schnell Verwirrung.
Kinder, welche zweisprachig aufgewachsen, beginnen später zu sprechen als einsprachig aufwachsende, da ihr Sprachzentrum stärker belastet wird. Dafür ist durch dieses Training das Sprachzentrum des Gehirns später in der Lage, weitere Sprachen schneller zu verarbeiten und zu speichern.
Doch da im Gehirn der Fokus der Aktivität im Sprachzentrum liegt, werden emotionale und soziale Fähigkeiten in geringerem Maße erlernt. Besonders stark trifft das zu, wenn der beispielsweise mit dem Kind Englisch sprechende Elter gar kein Muttersprachler dieser Sprache ist und so durch das den Äußerungen vorangehende Überlegen die übermittelten Emotionen leicht verfälscht, was zu sich einprägenden Fehlinterpretationen beim Kind führen kann.
Das heißt bei weitem nicht, dass diese Kinder beziehungsunfähig und gestört würden. Es hat möglicherweise minimale Unterschiede in der Wahrnehmung von Emotionen zur Folge.

In Südtirol liegt die Region Ladinien, in der eine eigene retroromanische Sprache gegeben ist. Dort lernen die Kinder häufig erst Ladinisch, dann Italienisch zur allgemeinen Kommunikation außerhalb ihrer Region, Deutsch im Kindergarten sowie später in der Schule Englisch. Mit diesen Menschen hat man Untersuchungen der Sprachverarbeitung im Gehirn gemacht. Man ließ sie Gegenstände des Alltags (Stuhl, Käse, Besen etc.) in den jeweiligen Sprachen benennen und maß im CT die Hirnaktivität. Die linke Hirnseite ordnet man für gewöhnlich analytischen Aktivitäten, Sprache und Sprechen zu, der rechten räumliche Wahrnehmung und Orientierung sowie Kreativität. Ergebnis der Untersuchung der war, dass sie in einer Sprache die Antworten minimal schneller als in allen anderen geben konnten. Diese Sprache war bei fast allen das Ladinische, ihre zuerst gelernte und als Muttersprache dienende Sprache. Diese war sogar teilweise in der rechten Gehirnhälfte verankert, während die anderen Sprachen in der linken Hirnhälfte präsenter waren.
Bei Schlaganfällen, welche die linke Hirnseite betreffen, wird oft die Sprachfähigkeit geschädigt, doch das betrifft am wenigsten die im Kindesalter erlernte Muttersprache.
Soll heißen: selbst wenn man das Kind mit zwei Sprachen gleichzeitig erzieht, wählt es eine davon zur Muttersprache und setzt dabei die andere Sprache in der Wichtigkeit leicht zurück. Dann kann man aber auch gleich nur eine Muttersprache erlernen, was schneller abläuft und anschließend mit dem Erwerb weiterer Sprachkenntnisse beginnen.

Es ist modern, sein Kind früh zum Sprachunterricht zu schicken, wenn man es nicht schon zweisprachig aufziehen konnte.
Das halte ich für sinnvoll, sobald es sich eine Muttersprache auf einem bestimmten Grundniveau angeeignet hat. Denn gegen frühes Sprachtraining ist meiner Meinung nach nichts zu sagen, insofern es dem Kind nicht zwei Stunden täglich aufdiktiert sondern eher spielerisch beigebracht wird. Das Kind lernt Grundstrukturen, Klänge und einige Worte der neuen Sprache, doch wirklich sprechen können wird es danach diese Zweitsprache noch nicht. Doch man hat damit gute Anlagen für den zusätzlichen Spracherwerb in der Zukunft geschaffen, ohne Identitätsverwirrungen beim Kind auszulösen.

Solche Entscheidungen sind schwer zu treffen und jedem selbst überlassen. Alles hat seine Vor- und Nachteile und beides wird durch Einzelschicksale belegt. Viele Menschen sind bereits ganz natürlich zweisprachig aufgewachsen. Von Muttersprachlern lernt man eine Sprache wesentlich besser als von solchen, welche die jeweilige Sprache als Fremdsprache erlernt haben.
Ich persönlich würde mein Kind nicht zwanghaft zweisprachig aufzuziehen versuchen, nur damit es dem Ehrgeiz und Wunsch der Eltern nach einer erfolgreichen Zukunft des Kindes genügt. Es sollte sich sicher sein, welche Muttersprache es hat und nicht erst darüber nachdenken müssen, während es in den ersten Jahren die Wörter zweier Sprachen zu einem schwer verständlichem Kauderwelsch mischt.
Insofern es Spaß daran hat, würde ich es dann im Kindergarten mit einer weiteren Sprache konfrontieren. Ein paar Vokabeln wie Schmetterling und Katze von einem Muttersprachler vorgetragen, ein wenig Gesang in der Sprache. Verstehen muss es das anfangs nicht, es geht um die automatisch aufkommende Gehirnaktivität und die daraus resultierende Entwicklung und verstärkte Synapsenverknüpfung.

Man macht es sich mit dieser Planung wahrscheinlich sowieso viel zu kompliziert, denn es kommt sowieso ganz anders als man denkt.
Das Gehirn ist wahrscheinlich da rätselhafteste Organ. Im Gehirn sind Unmengen an Daten gespeichert und doch kann man sie nicht entschlüsseln, wenn man das erfahrungsgefüllte Hirn eines Verstorbenen vor sich hat. Diagnostizieren kann man viel am Gehirn, doch die Behandlung erscheint oft eher einVersuch zu sein.

Ich bin überzeugt: jeder rechnet, zählt und träumt in nur einer Sprache. Diese Sprache kann wechseln, nachdem man lange an einem Ort gelebt hat, doch eine Sprache wird in diesen unbewussten Handlungen dominieren.

Ach. Wahrscheinlich sollten wir nicht versuchen, das Leben der eigenen Kinder zu stark zu planen, sowohl in der Spracherziehung als auch der Freundewahl und allem anderen, sondern den natürlichen Instinkten statt Elternratgebern trauen und den Kindern die Freiheit eigener Entscheidungen zu lassen.

Manchmal wünsche ich mir, Latein als Muttersprache erlernt zu haben, denn dann würde mich Cicero nicht so ärgern.
Wie auch immer, das Thema entgleitet mir immer weiter, sodass ich mich an diesem Punkt verabschiede.

Apfelkern

Kommentare:

  1. Sehr guter Text, wie immer wunderbar formuliert. Ich bin zweisprachig aufgewachsen und Deutsch ist eindeutig meine Muttersprache. Ich hatte bisher auch null Probleme, bis auf die Tatsache, dass mir bei Aufsätzen oft nur das italienische Wort einfällt bzw. eine italienische Formulierung, die es auf Deutsch nicht gibt. Aber ich muss zugeben, dass ich um meine Zweisprachigkeit froh bin. Meine Mitschüler regen sich oft über das Fach Italienisch auf, da einige Lehrer zuviel verlangen, bzw. eine Zweisprachigkeit voraussetzen - da kann ich mich glücklich schätzen, dass mir wenigstens diese Stolperfalle erspart geblieben ist!

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  2. Ich bin ausschließlich in deutscher Sprache aufgewachsen. Durch viele Auslandskontakte und ein ganz gutes Sprachverständnis hat sich aber ein recht flüssiges Englisch entwickelt. Vor etwa 8 Jahren brauchte ich nur noch nach England fliegen, den Tag durchstehen und dann träumte ich plötzlich in Landessprache. Wenn ich dann am Wochenende mal mehrere Filme oder eine Serie auf Englisch schaue und/oder am besten noch ein Buch auf Englisch nebenher lese, dann passiert mir das inzwischen auch, wenn ich in Deutschland bin. Ich benötige aber auch auf der Arbeit viel Englisch, deshalb ist es ein dominanter Teil meiner Sprache geworden. Auf Deutsch zu schreiben wird da schon zu einer Sprachübung, manchmal.

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  3. Was dich vielleicht noch interessieren könnte: Man hat herausgefunden, dass Kinder die zweisprachig aufgewachsen sind, intelligenter sind. Das "gilt" auch schon, wenn man einen Dialekt und die Hochsprache gelernt hat. :)

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  4. Ich finde, es sit auch wichtig, Kindern die Wahl zu lassen, welche Sprache sie erlernen möchten. Ich finde es ziemlich unsinnig, dass viele Eltern ihren Kindern auf Zwang Chinesisch beibringen wollen, weil China in Zukunft zur dominanten Nation aufsteigen wird. Dabei wollen die Kleinen vielleicht lieber Hebräisch oder Finnisch lernen, was für sie vermutlich auch viel besser wäre, da man wesentlich besser lernt, wenn man Interesse an etwas hat. Ich konnte beispielsweise in der Schule bei meiner zweiten Fremdsprache zwischen Latein und Französisch wählen und hätte am liebsten keines von beiden genommen, da mich beide Sprachen gar nicht interessieren. Entsprechend waren meine Leistungen im Lateinunterricht eher suboptimal.

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  5. Ich finde den Text klasse, auch weil er mein Augenmerk auf ein Thema gelenkt hat, mit dem ich mich so gut wie nie befasse. Es ist mir schon häufiger aufgefallen, dass Eltern, deren Muttersprache eindeutig Deutsch ist, ihre Kinder teilweise auf Englisch ansprechen. In einigen Fällen war das fast schon lachhhaft, weil die Eltern eindeutig falsche Satzkonstruktionen genutzt haben. In solchen Fällen hoffe ich nur, dass die Kinder sich dieses Englisch nicht aneignen, da es sonst spätestens in der weiterführenden Schule zu großen irritationen kommt. Es ist zwar lobenswert, wenn man sein Kind möglichst früh auf die Zukunft vorbereiten will, aber die Argumente, die du in dem Text genannt hast, fande ich ehrlich gesagt ziemlich überzeugend. Man muss nicht zweisprachig aufgewachsen sein, um später mehrere Sprachen beherrschen zu können.
    Das mit dem Träumen fand ich ziemlich interessant, da es mir passiert ist, dass ich auf Englisch geträumt habe, nachdem ich über mehrere Tage hinweg eine eine Buchreihe auf Englisch gelesen habe. Es scheint also relativ einfach möglich zu sein, sein Unterbewusstsein (der Ursprung der Träume) in einer anderen Sprache zu programmieren. Vielleicht kann man das sogar nutzen und andere Sprachen "im Schlaf" lernen.
    Gruß, Pearl

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  6. Hi,

    ich bin auf deinen Blog gestoßen und fand das Thema schlagartig interessant :)

    Ich für meinen Teil wäre gern zweisprachig aufgewachsen, weil es mir heute zunehmend schwer fiel und fällt, neue Sprachen zu lernen - ich sage dann immer "das liegt mir nicht"...

    Ich habe die Idee, dass Menschen die zweisprachig aufwachsen tatsächlich besser darin sind, Sprachen zu lernen - vor allem dann wenn sie irgendwie eine "Grundsprache" gelernt haben, von welcher sich viele abgeleitet haben im Laufe der Zeit.

    Ich spreche heute nur gut Deutsch (wäre auch traurig wenn nicht) und Englisch mehr oder weniger fließend. Mit allem anderen sieht es jedoch traurig aus, Spanisch, Niederländisch, Französisch - und Pusemuckel konnten mich alle samt nicht erreichen :D

    Aber da ist es wie mit so vielen anderen Dingen gleich. Ich bin auch sauer auf meine Mutter, dass sie mich nicht im Kindesalter zum Klavierunterricht schickte und so weiter. All diese Dinge heute zu erlernen erweist sich manchmal schon als echte Unmöglichkeit - leider!

    Gerne gelesen,
    xXx

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  7. Ich liebe solche Themen :)
    Über das "Problem" mit den Sprachen mache ich mir selbst häufig Gedanken. Ich würde an sich gerne meinen Kindern (wenn ich denn welche hätte) verschiedene Sprachen beibringen, aber die erste Hürde ist schon: welche Sprache? Englisch, Spanisch? Französisch oder Niederländisch? Italienisch? Natürlich sollte es eine Sprache sein, in der man sich wirklich sicher und authentisch ausdrücken kann - Muttersprache also meistens.
    Dann müsste ich mir selbst aber auch zusätzlich Gedanken machen, wo ich später wohnen will und welche Sprache man da spricht. Würde ich also z.B. in England wohnen, dann würde Englisch eh gesprochen werden.
    Spanisch fände ich aber auch schön.

    Ich persönlich bin nicht zweisprachig aufgewachsen, obwohl meine Eltern beide unterschiedlicher Herkunft sind. Meine Muttersprache ist also nur Deutsch. Trotdzem habe ich auch sehr spät mit dem Sprechen angefangen (ich war/bin so unglaublich schüchtern). Andere Sprachen zu lernen fällt mir auch "leicht", aber natürlich ist da auch Fleiß für nötig. Man kann es also auch so schaffen.

    Andererseits bereue ich es, wie k1von3 vor mir, nicht zweisprachig aufgewachsen zu sein. Dann könnte ich jetzt eine Sprache mehr, quasi "so mit dabei". Und zu sprechen habe ich so oder so ja spät angefangen :)

    Ich glaube deshalb werde ich mich letztendlich dazu entscheiden, meine Kinder später mal zweisprachig aufwachsen zu lassen. Aber nur zweisprachig, mehrere Sprachen erst später dazu. Und ich würde penibel darauf achten, beide Sprachen genauestens zu trennen. Ich glaube das ist wichtig, kein Mischmasch. Es dauert vllt zwar beide zu unterscheiden, aber irgendwann sitzt das (das kann ich auch persönlicher Erfahrung sagen).

    Bleibt nur immernoch die Frage, welche Sprache noch? Vor allem, was wenn der Partner ebenfalls eine andere Muttersprache hat und die dem Kind beibringen will? Wie entscheidet man sich da? Momentan denke ich, dass wenn ich irgendwann im Ausland leben sollte, meine Kinder Deutsch lernen sollten als Fremdsprache. Aus meinen eigenen Erfahrungen (wenn mich meine Mitstudenten z.B. fragen ob ich ihre Hausaufgaben in Deutsch kontrollieren kann :D) glaube ich, dass Deutsch komplizierter ist als z.B. Spanisch oder Englisch. Also meiner Meinung nach. Ich bin froh, dass es meine Muttersprache ist, ansonsten würden mich die ganzen Regeln (die ich ehrlichgesagt selbst nicht alle kenne ;D) in den Wahnsinn treiben. Deshalb würde ist meinen Kindern eventuell einiges erleichtern, wenn sie Deutsch lernen würden. Und sie hätten schonmal eine Brücke zu der Sprachenecke Deutsch/Niederländisch/Englisch/usw.

    Zum Thema träumen: normal auf Deutsch, aber auch schon auf Französisch, Englisch und Spanisch. Immer dann, wenn ich längere Zeit in einem anderen Land war :)

    Es ist auf jeden Fall ein interessanter Beitrag, muchas gracias Apfelkern!

    Besos!

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